• Senatorin Kalayci zur Coronakrise in Berlin: „Ich will Ältere nicht einsperren, sondern schützen“

Senatorin Kalayci zur Coronakrise in Berlin : „Ich will Ältere nicht einsperren, sondern schützen“

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci verteidigt ihren Vorschlag zur Selbstquarantäne von Senioren. Die Krankenhäuser sieht sie gut vorbereitet. Ein Interview.

Dilek Kalayci Mitte März bei der Senatspressekonferenz.
Dilek Kalayci Mitte März bei der Senatspressekonferenz.Foto: imago images/Christian Ditsch

Dilek Kalayci ist als Gesundheitssenatorin die zentrale Managerin der Coronakrise im rot-rot-grünen Senat. Die SPD-Politikerin verantwortet auch die Verordnung, die die gesamte Stadt zahlreichen Beschränkungen unterwirft. Im Interview mit Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt erklärt sie, warum sie Senioren zur Selbstquarantäne rät, warum sie frühere und weitreichendere Einschränkungen gefordert hat und warum es an Schutzkleidung mangelt. Es erschien zuerst im Berlin-Newsletter Checkpoint, den Sie hier kennenlernen können.

Kanzleramtschef Helge Braun sagt, dass ältere Menschen noch weit länger als Jüngere mit Kontakteinschränkungen rechnen müssen. Stehen wir vor einer Art Zweiklassengesellschaft mit unterschiedlichen Rechten?
Die Menschen sind unterschiedlich. Noch wissen wir nicht alles von diesem Virus. Aber eine Beobachtung ist gewiss: Ältere Menschen haben schwerere Krankheitsverläufe und sterben an diesem Virus häufiger. Übrigens sind auch Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Vorerkrankungen gefährdet. Es geht um das höchste Gut, das wir haben: die Gesundheit. Ich finde, dass dies auch ein Schutzgut ist, für das die Politik und unsere Gesellschaft eine besondere Verantwortung tragen.

Welche Maßnahmen können zu einem besseren Schutz von älteren Menschen noch eingeleitet werden?
Ich mache mir ernsthafte Sorgen um unsere älteren Menschen. Jedes Mal, wenn ich eine Nachricht bekomme, dass jemand über 80 Jahren an Corona verstorben ist, tut es mir in der Seele weh. Ohne die Corona-Infektion würden sie noch leben. Wir wissen, dass diese Infektion über Tröpfchen passiert. Es geht nicht nur um Niesen und Husten in der Nähe. Auch beim Sprechen können kleinste Tröpfchen übertragen werden. Deshalb: Immer 1,5 Meter Abstand halten. Ich sage immer, soziale Kontakte sind auch mit dieser Entfernung möglich. Es geht nicht darum, sie einzusperren, sondern sie zu schützen vor einer tödlichen Krankheit.

Wir müssen vermeiden, dass sie unnötig die Wohnung verlassen. Wir müssen Rezepte vom Arzt für sie abholen und für sie einkaufen. In Berlin gibt es viel ehrenamtliches Engagement und viele Hilfsorganisationen. Darauf müssen wir mehr setzen. Auch die medizinische Versorgung muss mehr in der Häuslichkeit passieren. Übrigens leben heute schon viele alte Menschen in der sozialen Isolation. Vielleicht ist diese schlimme Krise ein Anlass, sich mehr um sie zu kümmern.

Sie haben im Senat auf frühere und weitreichendere Einschränkungen gedrängt. War das übertrieben oder wurde hier Zeit verschenkt?
In der Gesundheitsverwaltung haben wir einen Krisenstab, in dem Experten gut vernetzt bis hin zum RKI arbeiten. Wir haben das neuartige Coronavirus von Anfang an sehr ernst genommen. Als Gesundheitssenatorin sehe ich mich in der Pflicht, das Maximale für die Gesundheit der Berlinerinnen und Berliner zu fordern. Ich bin mit den Entscheidungen zufrieden. Am Ende sind es Abwägungsentscheidungen. So ist es in der Politik.

Grafik-Social Distancing während der Coronavirus-Krise
Klicken Sie auf das Symbol um die komplette Grafik zu sehen.Grafik: Tagesspiegel/Cremer

Wie lange kann eine Kontaktsperre aufrechterhalten bleiben?
Das kann Ihnen heute niemand beantworten. Diese Frage stellt sich übrigens bundesweit, weil die Einschränkungen, was Kontakte und Aufhalten außerhalb der Wohnung betrifft, bundeseinheitlich abgestimmt sind. Es wird abhängig von der Entwicklung entschieden.

Wann rechnen Sie damit, dass Schwersterkrankte auch in Berlin nicht mehr angemessen versorgt werden können?
Auch diesen Zeitpunkt kann niemand verlässlich vorhersagen. Die Berliner Krankenhäuser haben sich qualitativ und quantitativ sehr gut vorbereitet. Es gibt das SAVE Berlin Covid-19-Konzept mit drei Stufen und einem Zentrum in der Charité. Die Zusammenarbeit der Krankenhäuser ist sehr gut.

Wird Berlin beim schnellen Aufbau der Intensivtherapiestationen ausreichend unterstützt?
Die Krankenhauslandschaft in Berlin ist sehr aktiv im Aufbau von Intensivkapazitäten und Beschaffung von Beatmungsgeräten. Auch wenn der Markt sehr eng ist, sind sie gut dabei. Wir haben sehr frühzeitig die Krankenhäuser verpflichtet, planbare Operationen zu verschieben, um jetzt schon Kapazitäten für mögliche Corona-Patienten aufzubauen. Wir haben jetzt im Bundesrat die Finanzierung von leeren Betten mit 560 Euro und die Finanzierung für den Aufbau von Intensivbetten von 50.000 Euro unterstützt. Das Land Berlin stellt 28 Millionen für die Finanzierung der Beatmungsgeräte bereit.

Warum ist die Ausstattung von Praxen und Krankenhäusern mit Schutzkleidung in Berlin so schlecht?
In Berlin? In ganz Deutschland. Nicht alle Bereiche haben für eine eventuelle Pandemie Vorräte gehalten. Die Krankenhäuser: für einige Wochen bis einige Monate. Im Bereich der niedergelassenen Ärzte: gar keine Bevorratung. Für die Gesundheitsämter gibt es Vorrat. Nun sind alle kalt erwischt.

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Der Markt ist leer gefegt und höchst schwierig, weil Schutzkleidung international Mangelware ist und die Lieferketten nicht funktionieren. Es gibt auf der Bundesebene und auf der Landesebene zentrale Beschaffung. In den nächsten Tagen und Wochen hoffe ich auf Lieferungen. Die Not ist groß.

Interaktive Karte

Wann werden die Lieferengpässe überwunden sein?
Wenn mehr produziert wird. Am Besten im Inland. Der Bedarf ist international weit größer, als es die Produktionskapazitäten hergeben.

Wie geht Berlin aus Ihrer Sicht mit der Krise um - hält die Solidargemeinschaft?
Diese Krise hat alles verändert. Unsere Sicht auf Gesundheit. Das Miteinander. Was wirklich wichtig ist im Leben. Aber auch sicher Ängste hervorgerufen: Wie geht es weiter mit meiner Arbeit. Es gibt ein Riesenschub in der Digitalisierung. Davon wird einiges bleiben, auch wenn die Krise vorbei ist.

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Was haben Sie persönlich in der Krise gelernt?
Den Blick auf das, was wirklich wichtig ist im Leben. Die Gesundheit von allen, aber auch von Menschen, die einem sehr wichtig sind. Und vor allem, dass die Berlinerinnen und Berliner zusammenhalten, indem sie Abstand halten.

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