Senioren und Sucht : Niemand merkt es

Senioren betrinken sich nicht lautstark. Ihre Abhängigkeit bleibt oft verborgen. Expertin Vjera Holthoff-Detto vom Alexianer Krankenhaus Hedwigshöhe spricht über Symptome und Hilfsangebote.

Frieder Piazena
Foto: Imago

Frau Holthoff-Detto, Drogen und Sucht werden meist eher mit jungen Menschen assoziiert. Ist dieses Bild richtig?


Auch unter Senioren gibt es massive Suchtprobleme. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) schätzt, dass bis zu 400 000 ältere Frauen und Männer von einem Alkoholproblem betroffen sind. 2015 kamen 14 000 Patienten über 64 Jahre wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus. Eine besondere Rolle spielen auch Schlaf-, Schmerz- und Beruhigungsmittel. Die DHS schätzt, dass 1,1 bis 1,2 Millionen Senioren von Benzodiazepin, einem angsthemmenden Wirkstoff, abhängig sind.


Gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern?

Männer greifen eher zum Alkohol, Frauen haben öfter Probleme mit Medikamenten. Mehr als jeder vierte Mann über 60 zeigt einen riskanten Alkoholkonsum.

Warum wird trotzdem so wenig über süchtige Senioren geredet?

Alkohol- oder medikamentenabhängige Senioren fallen schlicht weniger auf, weil sie weniger in der Gruppe trinken und Medikamente zum Schlafen und zur Beruhigung einnehmen. Viele Ältere mit einem Suchtproblem sind sozial isoliert, trinken alleine. Trinkt ein einsamer Rentner zu viel oder nimmt er zu viel Beruhigungsmittel ein, schläft er einfach den Rausch aus, ohne dass es jemand merkt. Sie haben also niemanden, der ihnen sagen könnte, dass ihr Konsum problematisch ist.

Wurde das Thema in der Forschung zu spät aufgegriffen?

In der Tat wird es erst seit zehn oder 15 Jahren systematisch erforscht. Lange Zeit wurden die hohen Altersgruppen in der Suchtstatistik gar nicht erfasst. Zudem sind Senioren eine sehr heterogene Gruppe, denn der Unterschied zwischen einem 70- und 80-Jährigen ist viel größer als zwischen einem 30- und 40-Jährigen. Erst als der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung deutlich sichtbar zugenommen hat, wurde ihnen mehr Aufmerksamkeit gewidmet.

Warum werden Senioren abhängig?

Während jüngere Menschen eher Alkohol trinken oder zu sogenannten Partydrogen greifen, um gesellig zu sein und Spaß zu haben, steht bei Senioren die Selbstmedikation im Vordergrund. Das heißt, sie trinken etwa gegen Depression an oder nehmen Benzodiazepine gegen Angstzustände. Viele Betroffene sind seit Jahrzehnten von Schlaf- oder Beruhigungsmitteln abhängig, die ihnen vom Hausarzt verschrieben wurden. Auch, weil psychische Erkrankungen im Alter übersehen werden können, also etwa Medikamente gegen eine Schlafstörung verschrieben werden, obwohl der Patient eigentlich unter einer Depression leidet und diese behandelt werden müsste.

Und beim Alkohol?

Die Generation der heute 65- bis 75-Jährigen pflegt einen recht unkritischen Umgang mit Alkohol. Da gehört zu einem guten Essen eben ein Glas Wein. Problematisch wird es, wenn es nicht bei einem Glas bleibt.

Wann genau wird aus dem Alkoholgenuss ein Risiko?

Um gesundheitliche Risiken zu vermeiden, sollten Männer nicht mehr als zwei Gläser Bier à 0,25 Liter oder zwei Gläser Wein à 0,15 Liter pro Tag trinken. Frauen nicht mehr als ein Glas Bier oder Wein. Zudem sollte man mindestens zwei Tage pro Woche pausieren. Wichtig ist auch zu wissen, dass ältere Menschen Alkohol schlechter vertragen. Da die Körperzellen im höheren Alter Wasser nicht mehr so gut speichern können, sinkt der Flüssigkeitsgehalt des Körpers. Zudem trinken viele Senioren zu wenig. Dieselbe Menge getrunkenen Alkohols führt deshalb zu einer höheren Alkoholkonzentration im Blut mit entsprechend stärkerer Wirkung. Da sich im Alter zudem der Stoffwechsel verlangsamt, wird auch Alkohol langsamer abgebaut - deshalb dauert das Ausnüchtern schlicht länger.

Sind sich Betroffene des Risikos bewusst?

Nicht selten wird eine Abhängigkeit verdrängt. Medikamente wie Benzodiazepine werden von Ärzten verschrieben – das vermittelt natürlich das Gefühl, dass alles in Ordnung ist. Auch beim Alkoholkonsum fehlt oft ein kritisches Bewusstsein. Allerdings gibt es einen hilfreichen Kurztest, um die eigene Gefährdung einschätzen zu können. Dazu müssen die folgenden vier Fragen mit Ja oder Nein beantwortet werden: Haben Sie jemals daran gedacht, weniger zu trinken? Haben Sie sich schon einmal darüber geärgert, dass Sie von anderen wegen Ihres Konsums kritisiert wurden? Haben Sie sich jemals wegen Ihres Trinkens schuldig gefühlt? Haben Sie jemals morgens als erstes Alkohol getrunken, um sich zu beruhigen oder einen Kater loszuwerden? Der Test liefert zwar nur einen ersten Eindruck, wer allerdings zwei oder mehr Fragen mit Ja beantwortet, könnte ein Alkoholproblem haben.

Wie erkennen Angehörige oder Pflegende einen problematischen Konsum?

Alarmsignale sind Schwindel, Gangstörungen, Stürze, aber auch Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Depressivität oder Koordinationsstörungen und bei Alkohol auch manchmal Bluthochdruck. Allerdings können solche Symptome auch von Alterserkrankungen hervorgerufen werden. Das erschwert nicht nur dem Arzt die Diagnose – für Angehörige oder Pflegepersonen sind die Zeichen umso schwerer zu deuten. Zudem sollte man aufhorchen, wenn Betroffene Medikamente horten, sich bei verschiedenen Ärzten Rezepte ausstellen lassen oder unruhig werden, wenn ihre Vorräte zur Neige gehen.

Wie geht man damit um, wenn man einen riskanten Konsum oder sogar ein Suchtproblem vermutet?

In jedem Falle hat das Selbstbestimmungsrecht des Betroffenen Priorität. Ihm oder ihr dürfen also nicht einfach der Alkohol oder die Medikamente weggenommen werden. Das wäre übrigens auch aus medizinischer Sicht äußerst gefährlich, da ein kalter Entzug im schlimmsten Fall tödlich enden kann. Stattdessen sollte man ihnen Informationsmöglichkeiten anbieten, ohne jedoch als Apostel aufzutreten. In Pflegeheimen könnte ein Vortrag angeboten werden, bei dem einerseits die Risiken thematisiert werden, aber auch die positiven Aspekte und die damit verbundene Lebensfreude nicht zu kurz kommen. Das Ziel ist nicht, jemanden sein Glas Sekt wegzunehmen. Das wäre furchtbar. Vielmehr geht es darum, Wissen bereitzustellen, damit Betroffene selbst entscheiden können. Denn häufig fehlt ihnen schlicht das Risikobewusstsein.

Hilft im Alter noch Aufklärung?

Ja, auch bei einer Medikamentenabhängigkeit können Informationen oft der erste Schritt zu einer Therapie sein. Denn Senioren, die von einem Schlafmittel abhängig sind, fürchten natürlich, dass wenn sie das Medikament absetzen, sie keinen Schlaf mehr finden. Dabei gibt es Alternativen, die ebenso gut wirken und keine Abhängigkeit erzeugen. Aber es gibt auch immer mehr Patienten, die gar nicht mehr überzeugt werden müssen, sondern aus eigenem Antrieb zu uns in die psychiatrische Sprechstunde kommen. Das ist wirklich neu. Selbst 70- oder 80-Jährige informieren sich über die Folgen, die ein jahrelanger Alkohol- oder Benzodiazepinkonsum nach sich zieht. Vor allem die Angst vor einer Demenz lässt viele Hilfe suchen.

Wo finden betroffene Senioren Hilfe?

Erste Ansprechpartner sind Hausarzt oder lokale Suchthilfeeinrichtungen. Die eigentliche Entgiftung sollte in der Regel stationär in einem Krankenhaus erfolgen und dauert zwei bis drei Wochen. Schon bei jüngeren Patienten kann der Körper mit heftigen Symptomen auf den Entzug reagieren. Bei älteren Menschen sind die Risiken noch größer. Der Patient sollte rund um die Uhr ärztlich überwacht werden. Im Krankenhaus lassen sich Komplikationen wie ein Delir gut behandeln. Je nachdem, welche Symptome auftreten, werden dann krampflösende Medikamente oder Blutdrucksenker verabreicht. Zudem wird auch der Flüssigkeitshaushalt überwacht, da Betroffene meist stark schwitzen und so viel Wasser verlieren.

[Das Gespräch führte Frieder Piazena. Vjera Holthoff-Detto ist Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Alexianer Krankenhaus Hedwigshöhe. Einer ihrer Behandlungsschwerpunkte ist Sucht im Alter.]

Wie geht es nach dem Entzug weiter?

Man sollte eine Entwöhnungstherapie anschließen, damit Betroffene nicht wieder in die Abhängigkeit zurückfallen. Dabei wird auch nach den Ursachen der Suchterkrankung, beispielsweise einer unerkannten Depression, gesucht. Das kann fünf bis zehn Wochen in Anspruch nehmen, je nachdem was nötig ist, um das Ziel Abstinenz zu erreichen.

Selbst einige Ärzte vertreten einen gewissen Therapie-Nihilismus und sehen bei Suchtkranken im höheren Alter keinen Handlungsbedarf mehr. Lohnt sich der Ausstieg aus der Abhängigkeit dennoch?

Ja, das zeigen Studien ganz eindeutig. Sowohl bei einer Alkohol- als auch bei einer Benzodiazepinabhängigkeit lässt sich durch einen Entzug das Risiko, an einer Demenz zu erkranken, reduzieren.

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