Serie "Berlin hat die Wahl" (6) : Gesundheit und Pflege: Nicht immer gut versorgt

Netz aus Pflegeprofis und Helfern

„Wenn die Familie als größter Pflegedienst der Nation entfällt, kann die entstehende Lücke nicht allein durch berufliche Pflege gefüllt werden. Das reicht niemals. In wenigen Jahren droht ein ernster Mangel an professionellen Schwestern und Pflegern, auch wenn sich die Lage hinsichtlich der Arbeitsbedingungen in der Branche deutlich verbessern sollte. Es gilt, immer mehr professionelles Wissen anzuwenden, die Zahl der Pflegeprofis wird nicht ausreichen. Und weil wir älter werden, gibt es mehr chronische Krankheiten, die von der Medizin nicht geheilt werden können.

Diese Menschen können aber gut gepflegt werden, wenn sich einiges ändert. Die Pflege braucht einen höheren Stellenwert im Gesundheitssystem. Fachleute sollten hauptberuflich die Gesamtversorgung steuern und die Qualität der Pflege verantworten – und diese Profis müssen Helfer unterschiedlicher Qualifikation und verschiedene Ehrenamtliche anleiten. Am sinnvollsten ist es, wenn die Politik durch finanzielle Förderung dafür sorgt, dass ein Netzwerk aus Nachbarschaftshilfe und kommunalen Angeboten entsteht.“

Anja Kistler ist Diplom-Pflegewirtin und ausgebildete Krankenpflegerin. Sie arbeitet als Geschäftsführerin des Berufsverbandes für Pflegeberufe DBfK für die Region Nordost.

Patienten vor Ort befragen

„Viele Menschen aus weniger gut versorgten Kiezen berichten mir von ihrer Angst, dass sie im Ernstfall von naher Hilfe ausgeschlossen werden könnten. Weil sich viele Mediziner dort ansiedeln, wo sie mehr Privatpatienten versorgen können, sind Fachärzte aus sozial schwachen Bezirken in bürgerliche Stadtteile gewandert. Insbesondere ältere Menschen haben nun zunehmend Schwierigkeiten. Erschreckend ist, dass sich Verantwortliche und Ärztevertreter nicht ausreichend für eine wohnortnahe Versorgung für besonders Hilfebedürftige einsetzen.

Für eine bessere Bedarfsplanung wissen wir aber noch zu wenig darüber, wie Patienten die Lage wirklich sehen. Bisher geht es nur darum, dass die Zahl der Mediziner in Berlin ingesamt ausreichend groß ist – nicht aber darum, wo in einem Bezirk welcher Spezialist gebraucht wird. Wie kann der Bedarf an Ärzten feiner gesteuert werden? Notwendig sind Befragungen, mit denen die Anforderungen etwa der Bewohner in Neukölln repräsentativ erfasst werden, so dass sie in die Planung einbezogen werden können. Ich habe vorgeschlagen, modellhaft solche Umfragen zu starten, damit der Druck auf eine bedarfsgerechte Planung ärztlicher Versorgung gezielter erfolgen kann.“

Karin Stötzner wurde durch die Senatorin für Gesundheit zur Patientenbeauftragten für Berlin berufen. 2004 hat die Soziologin dieses Amt als honorierte Nebentätigkeit übernommen.

Die Charité braucht mehr Freiheiten

„Die Charité braucht dringend einen Senat, der geschlossen zu seinen Kronjuwelen in Forschung, Lehre und Krankenversorgung steht. Die Finanz-, Gesundheits- und Wissenschaftsverwaltungen sollten sich gemeinsam auch nach außen sichtbar mit ihrer Hochschulmedizin identifizieren. Die hohe ökonomische Wertschöpfung durch Forschung und Entwicklung, die hochqualifizierte Ausbildung von medizinischen Fachleuten sowie die ambulante und stationäre Spitzenversorgung sind für die Hauptstadt ein Werbeträger erster Güte.

Und mehr: Deutschland ist mit der Charité weltweit wettbewerbsfähig, begrenztes Ressortdenken hat dabei nichts verloren. Die Charité ist mit ernsten Problemen konfrontiert. Hierzu gehören Belastungen, die aus unterdurchschnittlich geringen öffentlichen Investitionsmitteln und daraus folgenden enormen Betriebsaufwendungen für Instandhaltungen resultieren. Die Charité braucht mehr Freiräume. Sie muss das Recht erhalten, wichtige Entscheidungen – etwa über Kreditaufnahmen – selbst fällen zu dürfen. Schließlich wird es darauf ankommen, durch effiziente Sanierung zügig die wirtschaftlichen Belastungen durch die derzeit noch marode Infrastruktur zu reduzieren.“

Volker Hildebrandt ist Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentags der Bundesrepublik. Das Gremium vertritt die Interessen von bundesweit 36 medizinischen Ausbildungsstätten.

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