• Sexueller Missbrauch in Berliner Verein: Judotrainer werden mindestens 23 Taten vorgeworfen

Sexueller Missbrauch in Berliner Verein : Judotrainer werden mindestens 23 Taten vorgeworfen

Seit Montag sitzt ein 42-Jähriger in Berlin in Untersuchungshaft. Er soll in seinem Judoverein seit Jahren Kinder und Jugendliche missbraucht haben.

Kinder stärken. Wo Erwachsene gemeinsam mit Kindern trainieren, ist der Schutz vor Missbrauch besonders wichtig.
Kinder stärken. Wo Erwachsene gemeinsam mit Kindern trainieren, ist der Schutz vor Missbrauch besonders wichtig.Foto: imago/Galoppfoto

Einem 42-jährigen Berliner Judolehrer wird vorgeworfen, dass er von 2006 an bis November 2018 Jungen im Verein missbraucht hat. Er sitzt seit Montag in Untersuchungshaft. Das teilten Generalstaatsanwaltschaft und Polizei am Donnerstag mit.

Die Übergriffe sollen im Rahmen des Trainings, von Turnierteilnahmen und angeblichen „erzieherischen Maßnahmen“ geschehen sein, so heißt es in der Mitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft.

Es soll bereits seit 2006 bis zuletzt im November 2018 regelmäßig "zu sexuellen Übergriffen auf mindestens ihm zum Training anvertrauten Jungen im Alter von zehn bis 16 Jahren“ gekommen sein. Der Tatverdächtige sei seit 2007 Vorsitzender eines von ihm gegründeten Judovereins im Norden Berlins.

Der dringende Tatverdacht bezieht sich auf mindestens 23 Fälle. Die Ermittlungen dauern an, auch hinsichtlich möglicher weiterer Betroffener. Die Judo-Szene ist recht überschaubar, man kennt sich. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe meldete sich die Sportschule „Bushido“ beim Tagesspiegel. Geschäftsführer Martin Bock wies darauf hin, bei seinem Verein häuften sich die Nachfragen, seine Sportschule sei jedoch nicht der Verein, um den es gehe. „Diese Vorwürfe sind unfassbar, ein solches Verhalten ist für normal denkende Menschen nicht zu verstehen“, so Bock. Seine Sportschule werde den Vorfall zum Anlass nehmen, auch die eigenen Präventionsmaßnahmen nochmals zu prüfen und zu verbessern.

Der Verdächtige ist in der Judo-Szene stadtbekannt. Mehrere Befragte wollten sich zu seiner Person nicht äußern. Ein anderer Trainer, der den Beschuldigten aus den Sitzungen des Judo-Verbands kennt, sagt, der Mann sei nicht gerade ein angenehmer Zeitgenosse und als Querulant bekannt. Er sei keinem Streit aus dem Weg gegangen und habe auch schon mal mit Klage gedroht, wenn auch nur, um Druck aufzubauen.

Eltern wandten sich die Kinderschutzbeauftragte des Sportbundes

Der Missbrauchsfall wurde aufgedeckt, weil sich Eltern betroffener Kinder an die Kinderschutzbeauftragte des Landessportbundes Berlin gewendet hatten. Die Eltern hatten sich untereinander vernetzt. Nachdem die Meldung eingegangen war, habe man die Eltern beraten, sagte Friedhard Teuffel, Direktor des Landessportbundes Berlin, dem Tagesspiegel.

Anschließend habe man den Berliner Judo-Verband informiert, die Dachorganisation der Berliner Judovereine. Ab diesem Zeitpunkt habe der Landessportbund sich auch mit den Ermittlungsbehörden ausgetauscht.

Der Vorstand des Judo-Verbands befasst sich mit dem Fall

Der Judo-Verband Berlin reagierte noch am Nachmittag mit einer Stellungnahme: „Wir haben heute von der Verhaftung erfahren und werden dieses Thema direkt in unserer heutigen Vorstandssitzung behandeln“, teilte Geschäftsführer René Duvinage mit. „Der Judo-Verband Berlin steht entschieden für den Kinder- und Jugendschutz ein und erwartet von allen Mitgliedsvereinen die Einhaltung der Gesetze, des DJB-Ehrenkodexes und unserer Judowerte.“

Die Kinderschutzbeauftragte des Berliner Landessportbundes, an die sich die Eltern gewandt hatten, ist Teil eines Netzwerks innerhalb der Berliner Sportvereine, das sowohl in akuten Fällen sexualisierter Gewalt im Einsatz ist, als auch präventive Maßnahmen entwickelt und durchführt.

Ein Runder Tisch zum Kinderschutz tagt alle drei Monate

Zu diesem Zweck gibt es einen Runden Tisch, an dem nicht nur Kinderschutzbeauftragte einzelner Verbände und Vereine sitzen, sondern auch Vertreter des Landeskriminalamts sowie von Beratungsstellen für Kinderschutz. Er tagt alle drei Monate. „Dieser Tisch kümmert sich um ein strategisches Konzept und verbindliche Maßnahmen für den Kinderschutz“, sagt Teuffel. Eine dieser Maßnahmen ist die neugeschaffene Pflicht, dass Menschen, die sich zu Übungsleitern ausbilden lassen möchten, ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen müssen. Für alle, die schon länger als Übungsleiter tätig sind, gibt es jedoch keine einheitliche Regelung.

Erst kürzlich wurde ein Fall sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in Kladow bekannt. Im südlichsten Ort des Berliner Bezirks Spandau soll ein 50-Jähriger in seinem Wohnwagen in den vergangenen Jahren vier Jungen im Alter von acht bis elf Jahren in 136 Fällen sexuell missbraucht haben, teils schwer. Die Ermittler glauben, dass es nicht die einzigen Fälle sind. Seit dem 1. November sitzt der Mann in Untersuchungshaft.

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