Show "Afrika! Afrika!" : Ein Salto in die Zukunft

Die Show „Afrika! Afrika!“ überzeugt im Theater am Potsdamer Platz mit neuen Ideen vom Menschenmöglichen und einem poetisch trötenden Elefanten.

Fernreise ganz nah. Die Neuauflage von André Hellers Show zeigt ein Afrika jenseits der schlechten Nachrichten.
Fernreise ganz nah. Die Neuauflage von André Hellers Show zeigt ein Afrika jenseits der schlechten Nachrichten.Foto: promo

Wo kommen nur diese ungeheuren, urgewaltigen Kräfte her? Vulkanen gleich, die sich aus tiefer Erde die Bahn brechen gen Himmel, wirbeln sie Menschen durch die Luft, scheinbar mühelos aus dem Stand. Ein doppelter Salto auf dem Sprung von Menschenpyramide zu Menschenpyramide wird weit in der Luft noch in eine dritte Drehung gewandelt. Und federnd landet der Artist auf den Händen der Mitspieler wie auf einem knapp dimensionierten Trampolin. Dazu betörend beschwörender Gesang aus dem Herzen Afrikas. Kein Wunder, dass der Applaus kaum enden wollte, am Ende der Show „Afrika! Afrika!“, die am Dienstagabend im Theater am Potsdamer Platz Premiere hatte.

Überraschend und verwirrend zugleich war das Programm in einer Zeit, in der so viele schlechte Nachrichten vom scheinbar elenden Kontinent kommen. Hier gibt es das Kontrastprogramm. Unbändige Lebensfreude äußerte sich in unerhört schwungvollen Bewegungen. Artistik mit einfachsten Mitteln wird in großer Perfektion dargeboten. Und wenn ein Trick nicht klappt, wird er eben nochmal wiederholt.

70 Künstler aus zehn Ländern

Regisseur Georges Momboye hat André Hellers Idee, den Kontinent des Staunens in seinen artistischen Facetten auf die Bühne zu bringen, genial weiterentwickelt. Beeindruckend an diesem Erlebnis ist vor allem auch, dass es in einer durchtechnisierten, digitalen, oft unverständlichen Welt ohne Maschinen auskommt. Eine Besinnung auf die eigentlichen, unabhängigen Fähigkeiten des Menschen, wenn er nur lange und ausdauernd genug trainiert, ist vielleicht sowieso überfällig. Ein Trampolin vor dem Basketballkorb wirkte da schon fast extravagant. Aber auch diese Spielerei wurde abgefedert mit einem Augenzwinkern, als nach dem Ball und einem weiteren Salto auch der Werfer lächelnd im Korb landete.

In einer Zeit, da es normalerweise immer gefährlicher zugehen muss, bis die Leute mal den Atem anhalten, schafft Momboye, Sohn eines Zeremonienmeisters von der Elfenbeinküste, mit seinen 70 Künstlern aus zehn Ländern ganz eindrucksvolle Spannungsmomente, zum Beispiel bei einer Balance-Performance von Andreis Jacobs, der scheinbar unendlich viele lange Palmzweige zu einer fragilen, weit ausgreifenden Skulptur stapelt, die am Ende sogar von selbst steht, bis er sie nach endlosen Minuten mit großer Leichtigkeit zusammenfallen lässt. Kein Geräusch im Publikum war zu hören. Auch das ist ein seltenes Erlebnis im Berlin dieser Tage.

Breakdance und traditionelle Tänze

Natürlich gab es Erholung vom Atem anhalten bei den afrikanischen Interpretationen von Breakdance der scheinbar gummigliedrigen Artisten, die im modernen Kontrast standen zu traditionelleren Choreographien, wie dem Tanoura Tanz aus Ägypten. Der soll einen rituellen Brückenschlag zwischen Himmel und Erde symbolisieren. Ganz ohne Zement schaffen diese Brücke die beiden Protagonisten der „Ikarischen Spiele“, ebenfalls eine Neuerung in dem Programm. Ein leichter Akrobat wird dabei von den Füßen des schweren, älteren Partners so schnell durch die Luft gewirbelt, dass einem schon vom Zusehen schwindelig wird: Eine Hommage an die Magie der Schwerelosigkeit. Auch der Schlangenmensch, der seinen Körper in kaum nachvollziehbare Stellungen biegen kann, einer Spirale gleich wird oder einem Ball, fordert die Wahrnehmungskapazität der Zuschauer.

Bedächtig bewegt sich dagegen der neue Star der Show, ein lebensgroßer und verblüffend echt aussehender Elefant mit schönen, feuchten Augen und um den Rüssel gewundenen bunten Bändern, der immer mal wieder ein Tröten in das weite Rund des Musical-Theaters sendet. Anders als die muskulösen, drahtigen Artisten ist Dumbo ein dicker Zeuge der poetischen Mythen des Kontinents, der viel mehr in sich birgt, als niederschmetternde Nachrichten von Kriegen vermuten lassen.

Wie hoch es ein Mensch mit seinem Handstand bringen kann, zeigt ein Artist auf einer achtstöckigen Stuhlpyramide. Wie hoch er springen kann, wird offenbar, wenn Artisten das einer Wippe ähnelnde Schleuderbrett traktieren.

Um die Herzen zu bewegen, geht es aber auch einfacher. Das fröhliche Lachen, das schwungvollen Hüpfen hebt die afrikanischen Tänzer fast in Armlänge über den Boden. Man wünscht sich, dass die scheinbar unbekümmerte, positive Leidenschaft, die sie ausstrahlen, auch außerhalb des Theaters noch Menschen mitreißen möge.

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Bis zum 28. Januar im Theater am Potsdamer Platz. Tickets ab 29,90 Euro unter www.semmel.de

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