Single-Unglück in Berlin : Tut mal nicht so cool!

In Berliner Bars und Clubs wird nicht gelächelt, wenn man sich sympathisch findet. Bei Verabredungen gilt: bloß nicht festlegen. Dabei gibt es einen Ausweg aus der Dating-Hölle. Ein Appell.

Friederike Sandow
Schöner Schein. Aber Gefühle zeigen - das will niemand.
Schöner Schein. Aber Gefühle zeigen - das will niemand.Foto: p-a/dpa/Jens Kalaene

Telefonat mit den Eltern in der alten Heimat, weit weg von Berlin: „Und, hast du jemanden kennen gelernt?“ – „Was? Nein!“, die Antwort klingt so bestimmt verneinend, als hätten die Eltern gefragt, ob man denn endlich den Heiligen Gral gefunden habe. „Ach Kind, warum denn nicht?“ Und dieses „Warum denn nicht?“ macht jedes Mal unglaublich schlechte Laune. Man muss an sich halten, nicht direkt eine Antwort rauszubrüllen. Diese Warum-Frage ist grotesk, sie suggeriert dem Adressaten, dass es an ihm oder ihr liegt. Dabei liegt es an Berlin. Jedenfalls zum Großteil.

Es ist anstrengend in Berlin zu daten, fast schon zermürbend. Das geht nicht nur mir so. Denn Single zu sein in Berlin, ist so leicht, wie es auch frustrierend ist. Leicht, wenn man nichts Ernstes sucht und seine Ruhe will. Frustrierend, wenn man gerne mal wieder jemanden wirklich kennen lernen würde. Die absolute Hölle, wenn man sich eine längerfristige Beziehung wünscht.

Niemand verlässt sich mehr auf sein Bauchgefühl

Wer nach Berlin zieht, eignet sich eine Sprunghaftigkeit und Bindungsangst an, die schon fast lächerlich ist. Hier ist alles unverbindlich. Man will sich nicht festlegen, vielleicht sieht man nämlich morgen oder schon hinter der nächsten Straßenecke oder in der nächsten Dating-App jemanden, der noch besser passt. Oder noch besser aussieht oder eben einfach cooler ist. Hier verlässt man sich nicht mehr auf sein Bauchgefühl, hier geht es um den Lässigkeits- oder Coolnessfaktor. In den Cafés, Bars oder Clubs in Berlin lächelt man sich nicht an, wenn man sich sympathisch findet. Man ignoriert sich. Nur keine Blöße geben. Es könne ja so aussehen, als habe man Interesse.

Wenn man sich dann doch dazu durchringt, Nummern auszutauschen, geht es erst richtig los. Die Abende sind ja eigentlich komplett verplant, einen kostbaren Tag am Wochenende will man schon gar nicht für ein Kennenlernen aufgeben, man kennt die Person ja kaum. Könnte ja schief gehen, dann wäre der Abend vergeudet. Sprung ins kalte Wasser? Nee, nee, lieber strikt durchkalkulieren und dabei nicht vergessen: Contenance. Dem Gegenüber immer das Gefühl vermitteln: Ist mir egal, ob wir uns wiedersehen oder nicht. Hier kommt die Unverbindlichkeit ins Spiel – es kann immer, wirklich immer, kurzfristig abgesagt werden. Das ist okay. Wer das doof findet, sollte nicht in Berlin leben. Komm ich heut nicht, komm ich morgen. Bitte nicht aufregen, das wäre echt nicht cool. Zwischenmenschlicher Anstand wird in Berlin mit fehlender Lässigkeit verwechselt.

Berlin katapultiert Menschen in die Pubertät zurück

Selbst wenn sich zwei gefunden haben, die sich mögen: Auf keinen Fall, unter keinen Umständen, darf der andere bemerken, dass das schön ist. Lieber alle Türen offen halten, aus Angst, was zu verpassen. Oder noch viel schlimmer, Gefühle zu entwickeln. Die Singles unter 35 Jahren in Berlin sind chronisch partnerlos, weil Berlin mit all seinen Möglichkeiten und Freiheiten die Menschen in den Zustand der Pubertät zurück katapultiert. Man spielt Spielchen, macht sich rar.

Dabei ist doch nichts natürlicher auf der Welt, als sich gegenseitig gut zu finden. Man muss ja auch nicht gleich die große Liebe finden, aber man kann doch offen für sie sein. Offen für Menschen. Ruhig mal lächeln, offensiv sein. Nicht sofort denken, dass das Gegenüber unheimlich ist, nur weil er oder sie offen redet und klare Signale sendet. Weil da jemand von sich aus nach einem Bier oder Kaffee nächste Woche fragt. Das ist gut! Das ist ehrlich! Das heißt doch nicht, dass das die Einladung zum Heiraten ist. Es heißt einfach nur: Lass uns mal wiedersehen und uns kennenlernen.

Berlin, werd erwachsen!

Ist das wirklich uncool? Diese ganze erzwungene Berliner Abgebrühtheit nimmt doch keiner mehr dem anderen ab. Selbst wer das ganze Spiel durchschaut, muss aber anscheinend gezwungenermaßen selbst dabei mitmachen. Am Ende ist jedoch nichts so traurig, wie vor lauter Coolness zu vergessen, wie toll andere Menschen sein können, wenn man sich auf sie einlässt. Berlin, sei doch mal weniger cool! Nimm dich mal nicht immer so wichtig. Werd erwachsen. Es würde dir wirklich stehen. Ich finde dich nämlich eigentlich echt nett.

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