Solaranlage auf dem Dach : Ein Familienvater rüstet auf: Ich bin die Energiewende

Mit dem bulligen alten 5er BMW in den Urlaub fahren, aber zu Hause eine Solaranlage installieren – unser Autor lebt die Widersprüche der Klimapolitik.

Ralf Schönball auf dem Dach seines Hauses mit seiner Solaranlage.
Ralf Schönball auf dem Dach seines Hauses mit seiner Solaranlage.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Als alles getan ist, sitze ich mit einem Bier auf der Terrasse vor dem Haus und grinse beim Anblick der Grafik auf meinem Notebook. „Da hat es sich einer gemütlich gemacht“, ruft mein Nachbar Uli Paul herüber. „Ich verdiene gerade beim Nichtstun“, gebe ich zurück. Paul versteht die Anspielung, denn er hat den großen Anhänger der Solarwerkstatt in der Siedlung gesehen. Er kommt an den Tisch im Vorgarten, linst über meine Schulter auf den Bildschirm. Da steht sie, schwarz auf weiß, meine Stromausbeute.

Drei Jahre hat das gedauert. Und als der Auftrag endlich raus war, hat es noch mal einen halben sonnigen Sommer lang gedauert, bis die Handwerker kamen. Ohnmächtig sah ich, wie die Sonnenstrahlen stromgeschwängert auf das nackte Dach fielen, verschenkt, eine halbe Saison lang. Dabei zählt jeder Tag, wenn die kleine Stromzentrale ihren Betrieb aufnimmt und beim Finanzamt angemeldet ist, weil der Staat den erzeugten Strom 20 Jahre lang zum Festpreis abnimmt. Aber es dauert eben, bis ich so eine Entscheidung treffe. Und wenn es erst mal so weit ist, ist Warten nicht mein Ding.

Ich bin jetzt die Energiewende. Wir haben es getan. Haben uns acht Solarpaneele mit jeweils 330 Watt Spitzenleistung auf unser Dach im südlichen Wilmersdorf montieren lassen. Wir haben einen Vertrag mit der „Stromnetz Berlin“ abgeschlossen, weil wir ja jetzt Strom erzeugen und anderen verkaufen wollen, was wir nicht selbst verbrauchen. Und wir haben dem Finanzamt gemeldet, dass wir Berlins wahrscheinlich kleinstes Kraftwerk betreiben, worauf wir einen Antrag mit gut einem Dutzend Seiten ausgefüllt haben, nun stolze Besitzer einer Steuernummer nur für die Anlage sind und im Sommer im Schlaf Geld verdienen, im Mittagsschlaf.

Unser eigenes Kraftwerk ist nicht zu sehen, nicht zu hören. Es staubt nicht und strahlt nicht. Mitbekommen haben es trotzdem viele in der Siedlung. „Na, hast du dir eine Solaranlage gegönnt?“, fragte mein Nachbar Andreas kurz nach der Installation. Er hatte den großen Werkstattwagen gesehen. Andreas wollte schon beim Bau unserer Siedlung eine Anlage gleich mitbestellen. Aber der Bauträger wollte nicht. Kurios, denn der erfüllte sonst jeden Sonderwunsch gegen Aufpreis. Andreas bestellte stattdessen einen Kaminofen. Andere in der Siedlung zogen nach. Im Winter liegt nun ein Dunst verbrannten Kaminholzes in der Luft unserer Niedrigenergiesiedlung.

7000 private Anlagen gibt es in Berlin

Wer selbst Strom erzeugen will, merkt schnell, woran die Energiewende scheitert. Laut Stromnetz Berlin gibt es in Berlin 7000 private Solaranlagen zur Stromerzeugung (PV-Anlagen). Diese erzeugen knapp 100 Megawatt in der Spitze. Das reicht bei einem Durchschnittsverbrauch von 3000 Kilowattstunden im Jahr rechnerisch aus, um rund 30 000 Haushalte zu versorgen. Knapp zwei Millionen Haushalte gibt es aber in der Stadt. Und kaum steigen die Versorger in die Solarstromproduktion von Privathaushalten ein, da will die Bundesregierung mit einer Änderung des Energierechts schon wieder den Aufschwung abwürgen.

Zugegeben: Es war von Anfang an mein Projekt. Ich kann mich nicht daran erinnern, meine Pläne mit der Familie abgestimmt zu haben. Ich habe ihre Zustimmung vorausgesetzt – aus gutem Grund. Wir haben schon ziemlich viel von der deutschen Bio-Manie übernommen: Gequältes Fleisch kommt uns nicht auf den Tisch, wenn wir Essen bestellen, holen wir es mit eigenen Tupper-Boxen ab und vermeiden auch sonst Plastik. Wir kaufen Getränke in Pfandflaschen und trennen Müll. Wir fahren mit dem Fahrrad zur Arbeit und zur Schule.

Da ist die eigene umweltverträgliche Stromerzeugung nur folgerichtig. Zweifel hatte ich trotzdem. Hatten Verbraucherschützer nicht jahrelang Fotovoltaik-Anlagen für unrentabel erklärt, weil die Vergütung des Stroms drastisch gesenkt wurde? Hatte die Pleite des deutschen Herstellers „Solarworld“ nicht reihenweise Anleger ins finanzielle Elend gerissen? Und kommen nicht die meisten Paneele aus China, wo Naturschutz und Arbeitsrechte mit Füßen getreten werden?

Alles richtig, aber ich erinnere mich eben auch an die Hochzeit meines Freundes Roland in der westdeutschen Provinz und das glückliche Gesicht seines Schwiegervaters, als er uns im Keller vor dem Kilowattzähler erzählte vom Segen seiner PV-Anlage an sonnigen Tagen. Wenn ich im ICE nach Süden fahre, rauschen Felder vollgestellt mit schwarzen Paneelen an mir vorbei. Die schlauen Bauern auf dem weiten Land – niemals würden die Technik kaufen, die sich nicht rechnet. Oder? Diese Annahme bestätigt zumindest ein aktueller Bericht der Stiftung Warentest: Die Leistung der Solarpaneele sei gestiegen, lese ich, deren Preis zugleich gesunken. Deshalb seien nun „mehr als fünf Prozent“ Rendite drin.

Wir steigen aufs Dach und nehmen Maß

Mit der Suche nach Anbietern habe ich vor drei Jahren angefangen. Es ist gar nicht so einfach, eine PV-Anlage auszusuchen. Das Netz ist voll von Portalen, die alle nur eines wollen: Name, Adresse, Dachfläche – um dann Berater ins Haus zu schicken. Wer die Firma selbst aussuchen will, findet allein auf einem Portal 76 Treffer für Berlin. Seit einiger Zeit mischen Vattenfall und die Stadtwerke kräftig mit, die verschiedene Pakete anbieten: für den eigenen Verbrauch sogar einschließlich Strom-Zapfstelle fürs E-Auto. Als Mieterstrom vom Dach des Mehrfamilienhauses. Und sogar für Öko-Muffel, die einfach nur ans Geld denken: Sie können ihr Dach als Baufläche verpachten.

Ich entscheide mich dafür, drei Angebote einzuholen von Firmen, deren Internetauftritte seriös wirken. Wenige Tage später klingelt der erste Solarunternehmer an der Tür. Wir steigen aufs Dach, er nimmt Maß, macht Fotos und murmelt etwas wie „ganz schön klein“. Das Schauspiel wiederholt sich, wieder und wieder, die einen reichen Visitenkarten von großen Vertriebsfirmen, mit den anderen tauschen wir Telefonnummern aus von Werkstätten in Kreuzberg und auf einem Brandenburger Dorf. Mehrmals wöchentlich kommen dicke Kuverts mit farbigen Prospekten und Angeboten ins Haus. Ein ums andere Mal erschrecke ich über den Preis und versenke das Material im Stapel „noch zu bearbeiten“. Da bleibt es liegen. Zwei Jahre lang.

Vergangenes Jahr gibt es dann keine Ausrede mehr. Ich bekomme eine Sonderausschüttung Tantiemen für die Verbreitung von Artikeln. Geld, mit dem ich nicht gerechnet hatte, das nicht verplant war. Es reicht für die Investition. Und ich krame die alten Angebote wieder hervor.

Die Preise ähneln sich, Unterschiede gibt es bei den Herstellern. LG, der auch Fernseher baut, zählt zu den bekannteren Anbietern und geht bei dem Namen nicht so schnell pleite. Bei der Elektronik werden zwei große Hersteller immer wieder genannt: SMA aus Deutschland und Solaredge aus Israel. Ich entscheide mich dafür, die heimische Wirtschaft zu unterstützen, und mit dem koreanischen Hersteller LG strafe ich das naturschutzfeindliche China gleich ab. Das findet auch Holger Feyer von der Solarwerkstatt vertretbar, dessen Firma in Lichtenrade das alles montiert und in Betrieb nimmt. Auf die Solarwerkstatt fiel meine Wahl, weil ein Bekannter mir beiläufig von seiner Solaranlage erzählte, die seit Jahren zuverlässig Strom erzeuge – auch von der Solarwerkstatt montiert.

Meine einzige Sorge: Wo ist die Sonne?

Ich feilsche noch etwas und faxe dem Chef die Auftragsbestätigung zu. Es ist Mai 2018. Die Sonne scheint. Aber vor Juli ist kein Montagetermin mehr frei. Schade um die Sonne, denke ich. Und das wird bald auch meine einzige Sorge: Wo ist die Sonne und wie viel Strom fließt gerade?

Wie sagte schon Sigmund Freud: Am Ende will doch jeder nur den eigenen Vater übertrumpfen (um nicht zu sagen: besiegen und beseitigen). Mein Vater ermahnte uns stets, die Kühlschranktür schnell zu schließen und das Licht zu löschen. Die Entbehrungen der Nachkriegsjahre hatten Spuren bei ihm hinterlassen und dann kam noch die Ölkrise in den 1970er Jahren dazu. Mein Vater hat deshalb sogar eine Windmühle mit einer Leistung von 70 Kilowatt und einem Rotor von zwölf Metern Durchmesser gebaut und in den 80er Jahren eine Anlage auf dem Testfeld des Bundeswirtschaftsministeriums auf der Nordseeinsel Pellworm aufgestellt. Er taufte seine Firma „Noah“ und wollte unsere Zivilisation vor dem Untergang bewahren. Wenn die fossilen Rohstoffe verbraucht sein würden, werde die Gesellschaft in Chaos und Bürgerkrieg untergehen, denn ohne den Schmierstoff der Wirtschaft und die Energie für die Technik könnten sechs Milliarden Menschen nicht ernährt werden. Das glaubte er.

Meine Motivation würde ich eher so beschreiben: Spare, um zu prassen. Je geringer die Stromrechnung, desto mehr Geld bleibt für den Besuch beim Lieblingsasiaten oder für den Urlaub auf Rügen. Und wenn wir im Alltag das Licht hinter uns löschen, können wir an Festtagen den Kronleuchter anlassen. Dieselbe Dialektik bestimmt die Wahl meiner Verkehrsmittel. Hinter dem Steuer des betagten bayerischen 5er, den mit V8-Zylinder-Motor und 289 PS, genieße ich den Rausch der Geschwindigkeit, wenn die Tachonadel 200 hinter sich lässt. Im Alltag trete ich dafür in die Pedale, rund 5000 Kilometer im Jahr, zur Arbeit und zurück.

Kurzum, ich bin kein Idealist. Klar, prima Klima, das schätze ich. Aber ich allein kann es nicht retten mit meiner PV-Anlage. Was mich auch reizt, ist die Rendite. Und die berechne ich so: Die 6400 Euro für Erwerb und Montage bringen sonst auf dem Festgeldkonto zwei Prozent Zinsen – in Fotozellen und Wechselrichter investiert sind es ungefähr neun. Das ist grob geschätzt, liegt aber nur geringfügig über dem Spitzenwert, den sich Vattenfall vom eigenen Mieterstrom-Modell erhofft (fünf bis acht Prozent). Rund 1000 Kilowattstunden Solarstrom verbrauchen wir im Haushalt selbst, weitere 1500 verkaufen wir für zwölf Cent je kWh an „Stromnetz Berlin“. In der Modellrechnung kommt die Solarwerkstatt auf ein ähnliches Ergebnis: Nach 11,4 Jahren sind die Kosten wieder drin und nach 20 Jahren haben wir 9540 Euro 47 Cent eingespart.

Niemand entkommt den Widersprüchen - und der Energiewende

Viel kann eigentlich nicht kaputtgehen: Die Zellen nutzen sich aber ab und erzeugen mit den Jahren weniger Strom. Von kaputten Wechselrichtern ist wenig im Netz zu finden. Zwei Jahre kümmert sich die Solarwerkstatt, checkt und wartet, damit es gut anläuft.

Und was ist mit Schäden?, fragt Nachbar Paul. Versicherung!, sage ich. Irgendwann sei doch das Ganze schrottreif, „abgeschrieben“, wie Steuerfachleute sagen, kommt noch als Einwand. Das Finanzamt rechnet mit einer Betriebsdauer von zwanzig Jahren, und das hat ja eigentlich immer recht. Also erwidere ich: „Klar, aber ab dem zwölften Jahr ist jede selbst genutzte oder verkaufte Kilowattstunde Reingewinn“, und nach 20 Jahren montiere ich selbst leistungsfähigere Paneele aufs Dach.

Christian, mein Nachbar zur Linken, sagte neulich unumwunden: „Da kommt schon Neid auf.“ Mit Christian und seiner Frau Brita haben wir die Hausschlüssel getauscht, für den Notfall. Er leiht mir seine Gartengeräte und wir teilen Werkzeuge. Wie ich repariert Christian lieber, als neu zu kaufen, und teilt gerne, weil jedes mehrfach genutzte Stück die Herstellung eines zweiten spart und die globalen Ressourcen schont. Er habe eigentlich auch eine Anlage kaufen wollen, sagt Christian, sich dann aber dieses Jahr für den Thailandurlaub mit der ganzen Familie entschieden.

Niemand entkommt diesen Widersprüchen. Und der Energiewende. Auf der Party, am Gartenzaun oder beim Smalltalk mit Jens, dem ich von Christians Urlaubsplänen erzähle. Der schüttelt nur den Kopf und sagt, er habe erst neulich eine Freundin beschimpft, weil sie ständig vom schlechten Klima rede, sich aber in den Flieger nach Teneriffa setze. Jeder, der in diesem Flugzeug saß, habe so viel zur Klimazerstörung beigetragen wie ein Autofahrer nach 100 000 Kilometern Autobahn.

Rückblick. 9. Juli, 8 Uhr: Drei Männer von der Solarwerkstatt klingeln an meiner Tür, ein drahtiger Kerl mittleren Alters, ein Praktikant, Technikstudent mit Interesse an Fotovoltaik, und ein älterer Kollege, der sogleich mit dem Aufbau des mobilen Lastenaufzugs beginnt. Acht mannshohe dunkle Fotovoltaik-Paneele, ein Stahlgerüst, auf das diese montiert werden, sowie Terrassenplatten zur Fixierung – knapp eine Tonne muss aufs Dach befördert werden. Der Motor übernimmt die Lasten, das Treppenhaus bleibt unbeschädigt, aber der über die Terrasse rankende Wein muss Platz machen.

Die Bilanz lässt uns strahlen

Zwei Tage dauert der Einsatz und gerät einmal in Gefahr. Weil die Leitungen mit dem Strom und den Daten der Anlage vom Dach in den Keller gezogen werden müssen durch einen Schacht hindurch – und der ist eng. Üblicherweise kommt dabei ein „Cable Scout“ zum Einsatz. Das ist ein Set zusammenschraubbarer Glasfaserstangen, die biegsam genug sind, dass man sie an Hindernissen vorbeidrücken kann. Zugleich müssen sie steif genug sein, um den Weg zu ebnen an den Rohren und Leitungen im Schacht vorbei. „Mist“, flucht der Solararbeiter, als die Stange auf halbem Weg bricht. „Notfalls müssen wir auf jeder Etage den Schacht öffnen“, erklärt er.

Ich zucke zusammen, auf keinen Fall, denke ich, sehe bröckelnden Rigips, klaffende Löcher und weißen Baustaub im ganzen Haus und die tobende Ehefrau dazu. Dann lieber selbst Hand anlegen.

Ich steige auf die Ränder der Badewanne im ersten Stock, balanciere, die Taschenlampe in der linken Hand, und fische mit der rechten hinter der bisher einzigen bereits offenen Wartungsklappe des Schachtes. Da ist doch was! Ich bekomme den oberen Teil des abgebrochenen Cable Scouts zu fassen. An dem ziehen wir später die Leitungen vom Dach hinunter bis ins Bad im ersten Geschoss. Von dort runter in den Keller müssen wir improvisieren. Wir schrauben schmale Holzleisten zusammen und bahnen uns damit den Weg.

Im Keller hat der Elektriker einen rucksackgroßen Kasten an die Wand montiert und mit Stromzähler und -verteiler verbunden. An diesen „Wechselrichter“ schließen die Monteure die durch den Schacht gezogenen Strippen an. Der Strom fließt, von der Sonne auf dem Dach ins Netz.

Als ich später auf der Tabelle im Notebook das erste selbst erzeugte Watt ablese, ist es wie ein Erweckungserlebnis. Der selbstgerechte Spruch „bei uns kommt der Strom aus der Steckdose“ gilt seitdem für uns nicht mehr. Wir freuen uns doppelt über jeden Sonnenstrahl und die Bilanz lässt uns strahlen: Seit der Installation der Anlage am 9. Juli haben wir 899 Kilowattstunden Strom erzeugt. Erst seit wenigen Wochen sind wir geringfügig ins Minus gerutscht, haben rund 1187 kWh verbraucht also knapp 300 kWh mehr verbraucht. Obwohl die Sonne schon tief am Himmel stand, reichte es, wenn sie sich blicken ließ, sogar noch Ende Oktober ab zehn Uhr, um den Verbrauch zu decken. Zugegeben: wenn keiner den Wasserkocher anschaltet und 1000 Watt auf einmal aus der Leitung zapft.

Wir sind keine Selbstversorger, dafür ist unser Dach zu klein, und wir haben keinen Speicher gekauft, um den am Tag erzeugten Strom abends zu nutzen. Das hätte noch mal 6000 Euro gekostet, das Geld haben wir nicht, und auch mit Speicher würde die Solarkraft nicht reichen, um autark zu sein.

Werden wir zu Öko-Kapitalisten?

Es stimmt zwar, dass die Sonne mehr als sonst geschienen hat in diesem Jahr. Das Plus an erzeugtem Strom schrumpft aber zügig, je kürzer die Tage werden. Der Herbst schlägt auf die Stimmung – erst recht für uns Sonnenfänger. Ein grauer, regnerischer Tag bringt nicht mal eine Kilowattstunde Solarstrom. Zehnmal so viel verbrauchen wir und sind uns dessen jetzt schmerzlich bewusst. Die bedrohlichen dunklen Balken, die den Verbrauch anzeigen, überragen im Oktober wie dunkle Türme die hellen blauen Bälkchen des Ertrags. Wann soll man da noch Geräte anschalten?

Die Solaranlage hat uns verändert. Macht sie aus uns Vorreiter, Saubermänner, bessere, bewusstere Menschen? Wir leben jedenfalls nicht unbeschwerter. Im Gegenteil: „Mach das Licht aus, wenn du das Zimmer verlässt!“, rufe ich den Kindern nun öfter tadelnd zu. „Chill' deine Base“, antworten sie genervt. Manchmal fragt meine Frau: „Kann ich die Waschmaschine schon anschalten?“, dann schaue ich in den Himmel, auf die Uhr oder die Grafik im Notebook und antworte morgens: „Warte bitte eine Stunde“, oder abends: „Verschieben wir das lieber auf morgen.“ Man kann zum Solar-Faschisten und Zahlen-Junkie werden, immer erst Tabellen checken. Sie als Werkzeug nutzen, um sich zu zügeln, den Haushalt zu sanieren.

Aber meine Frau zieht mit: „Manchmal koche ich Sachen vor, weil die Sonne scheint.“

Ich habe mich schon mal gefragt, ob uns die persönliche Energiewende wohl in asketische Protestanten oder Öko-Kapitalisten verwandeln wird. Seit die dunklen Tage ohne Hoffnung auf Solarertrag da sind, wissen wir: nichts von beidem. Der Zwang lässt nach, es ist aussichtslos, in einer Reihe grauer Tage mit der Wäsche auf die Sonne zu warten. Egal, schmeiß sie an!

Das ist im Sommer anders. Als die Sonne schien, hatte meine Frau zum Beispiel die Kartoffeln für den Salat vorgekocht, den sie unseren Freunden am letzten warmen Spätsommerabend zu meinen Grillwürstchen auf der Terrasse servierte. Wir leben ihn aus, den Widerspruch der Postmoderne: Mehr CO2 als beim Grillen lässt sich kaum ausstoßen, weil ich das Holz mit Papier anzünde und dazu noch die Kohle obendrauf lege. Da sitzen wir, essen, trinken und feiern am offenen, wärmenden Feuer – bis wir spät in der Nacht die Türen des hochgedämmten Niedrigenergiehauses hinter uns schließen, um die frische Sommernacht auszusperren.

Anm. d. Red. Danke an unsere aufmerksamen Leser für die Hinweise: Wir haben natürlich nicht 8900 kWh erzeugt, sondern 890 kWh seit Inbetriebnahme und bekommen 12 Cent je kWh - wir bitten um Nachsicht!

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