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Spanien-Konflikt in Berlin : „Wir sind Madrid nicht mehr unterstellt“

Katalonien stimmt für die Unabhängigkeit, Madrid für die Entmachtung der Region. Was bedeutet das für die Vertretung Kataloniens in Berlin? Interview mit der Leiterin Marie Kapretz.

Katalanen protestieren in Berlin gegen die Inhaftierung von zwei Organisatoren der Unabhängigkeitsbewegung.
Katalanen protestieren in Berlin gegen die Inhaftierung von zwei Organisatoren der Unabhängigkeitsbewegung.Foto: imago/Christian Mang

Der innerspanische Konflikt hat sich am Freitag zugespitzt. Das katalanische Parlament in Barcelona stimmte am Nachmittag für die Unabhängigkeit Kataloniens. Kurz danach votierte der Senat in Madrid für die Anwendung des Artikels 155 der spanischen Verfassung, der Katalonien unter eine Art Zwangsverwaltung zu stellt und zu einer Entmachtung von Regierung und Parlament führt.
Was bedeutet das für die Vertretung der Region in Berlin? Marie Kapretz leitet die Vertretung. Die 42-Jährige ist gebürtige Berlinerin, lebte 22 Jahre in Cercs, einem Dorf mit etwa 1300 Einwohnern, in den Vorpyrenäen. Dort engagierte sie sich für die Mitte-Links-Partei ERC in der Kommunalpolitik, war Landkreis- und Gemeinderätin. Vor einem Jahr kehrte sie nach Berlin zurück.


Frau Kapretz, was ist Ihre Reaktion auf die Ereignisse des heutigen Tages?

Dass der Senat in Madrid für die Anwendung des Artikels 155 stimmt, war zu erwarten, und es ist ein Armutszeugnis für die spanische Demokratie. Ich bin aber sehr froh, dass das Parlament in Barcelona eine Stunde vorher für die Unabhängigkeit Kataloniens gestimmt hat, damit gilt der Artikel 155 nicht mehr für uns. Durch diese Entscheidung haben wir einen Schritt in Richtung Eigenstaatlichkeit gemacht und sind deswegen gegenüber Madrid nicht mehr weisungsgebunden. Insofern ist das ein guter Tag für Katalonien. Man hat aber in der Vergangenheit gesehen, dass Spanien nicht davor zurückschreckt, auch mit Gewalt vorzugehen. Es ist also nicht auszuschließen, dass die demokratischen Institutionen, eben auch die Vertretungen Kataloniens im Ausland, von der zentralspanischen Regierung übernommen oder ganz annulliert werden. Komme, was kommen mag: Ich werde weiterhin zur Arbeit gehen - und das ganze Team ebenfalls.

Marie Kapretz leitet die Vertretung Kataloniens in Berlin.
Marie Kapretz leitet die Vertretung Kataloniens in Berlin.Foto: Regierung von Katalonien/Vertretung in Deutschland

Gibt es Signale von deutschen Politikern, die Ihnen Unterstützung im Falle einer Unabhängigkeit Kataloniens andeuten?

Es wird Unterstützung für den demokratischen Prozess signalisiert und darauf gepocht, dass die demokratischen Spielregeln eingehalten werden, was am Tag des Referendums mit der Polizeigewalt gegen unschuldige Bürger nicht der Fall war. Wir bekommen auch viel Unterstützung von der deutschen Zivilgesellschaft, zum Beispiel durch E-Mails.

Wie nehmen Sie die Stimmung der Katalanen in Berlin wahr, auch zwischen ihnen und Zentralspaniern?

Ich finde die Stimmung überraschend gut. Nach der Polizeigewalt am Referendumstag haben Vertreter von Podemos, also einer zentralspanischen Partei, eine Kundgebung in Berlin organisiert, zu der Spanier und Katalanen kamen und gemeinsam ihren Protest ausdrückten. Interessant war, dass der Sprecher gar kein Katalanisch konnte, aber so empört über die Polizeigewalt war, dass er etwas tun wollte. Es geht ja nicht nur um die Unabhängigkeit, sondern auch um die nicht ausreichend aufgearbeitete Militärdiktatur in Spanien und generell um die Frage, wie man Demokratie im 21. Jahrhundert lebt. Berlin ist ein Anziehungspunkt für progressive Denker, hier erlebe ich dahingehend Konsens zwischen Spaniern und Katalanen.

Trotzdem wollen Sie nach Katalonien zurückkehren, wenn Ihre Zeit als Leiterin der Vertretung endet ...

In Katalonien ist viel los, was nachbarschaftliches Engagement betrifft. Die Bürger organisieren sich, es finden ständig Vorträge statt, zum Beispiel von Rentnern, die jahrelang als Wirtschaftswissenschaftler gearbeitet haben und jetzt Stammtische organisieren. Es gibt eine Debattenkultur, die gerade so in Berlin nicht stattfindet. Auch hier engagieren sich Bürger, zum Beispiel für Flüchtlinge und Obdachlose, aber durch die Größe der Stadt verläuft sich das mehr. Auch nach der Bundestagswahl habe ich gespürt, dass es in Berlin weniger politisches Engagement auf der Straße gibt. Aber die Stadt muss sich gerade auch selber finden, sie ist ähnlich wie Barcelona von Gentrifizierung, Spekulation und überbordendem Tourismus betroffen. Vielleicht könnten beide Städte da zusammenarbeiten.

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