Spaziergang durch den Kiez : Die schönste Mitte-Arie

Von den Heckmann-Höfen bis zu Clärchens Ballhaus: ein preußisch-mediterraner Spaziergang mit der Opernsängerin Simone Kermes durch Mitte.

Kulturelles Pflaster. Simone Kermes hat schon an vielen großen Opernhäusern der Welt gesungen. In Clärchens Ballhaus in Mitte ist sie aber auch schon aufgetreten. 
Kulturelles Pflaster. Simone Kermes hat schon an vielen großen Opernhäusern der Welt gesungen. In Clärchens Ballhaus in Mitte ist...Foto: Mike Wolff

Und plötzlich sind wir am Mittelmeer. Nicht wirklich, natürlich. Aber die Überraschung ist doch gelungen: Kommt man von der Oranienburger Straße und tritt aus dem Durchgang in die Heckmann-Höfe, wähnt man sich tatsächlich in einem mediterranen Städtchen. Und das nicht, weil da ein „Ristorante Garda“ wartet. Grund sind eher die hell gestrichene zweistöckigen Häuschen, die kleinen Läden, die Vegetation, überhaupt die intime, freundliche Atmosphäre. Simone Kermes kommt gern hierher. Die Sopranistin wohnt nicht weit weg am Weinbergspark in der Brunnenstraße. „Man tritt in diesen Hof und ist völlig woanders“, sagt sie. Dabei blinzelt sie ihrem Gegenüber verschmitzt in die Augen. Auch in ihren Konzerten hält sie es so, flirtet mit dem Publikum, zieht die Hörer ganz in ihre Performance hinein, gibt alles. Ihre Fans sind regelmäßig begeistert. „Man kann die Menschen mit Tönen ungeheuer berühren“, sagt sie, „aber trotzdem geht es nicht ohne Demut gegenüber der Musik.“ Sonst würde es in bloße Effekthascherei münden.

Simone Kermes singt hauptsächlich Barockarien. „Barock ist das A und O, die stupende Gesangstechnik des Belcanto ist die Basis“, erklärt sie, „kannst du Barock singen, kannst du alles singen.“ Händel ist ihr Favorit. Mit seiner Musik begann ihre Laufbahn: Als 14-Jährige sang sie im Gewandhaus zu Leipzig eine Arie – war sofort verliebt in seine Kompositionen. „Händel ist mein Seelenverwandter, er hat mir immer Glück gebracht, mein ganzes Leben musikalisch begleitet.“ So trägt auch ihre aktuelle CD den Titel „Mio Caro Händel“.

Aber Kermes’ Repertoire reicht bis in die Gegenwart: Jacques Brel, Marlene Dietrich, Romy Schneider. Was sie mindestens genauso schätzt wie die Musik, sind Pflanzen – sie ist Gärtnerin aus Liebe auf ihrer eigenen Terrasse. In den Heckmann-Höfen stehen gerade prachtvolle Rosenstöcke in voller Blüte. Der Wind nimmt die Blätter, drapiert sie auf dem Stein eines plätschernden Springbrunnens, als sei ein Bühnenbildner am Werk gewesen. Ihre Lieblingsrose ist die „Albrecht Dürer“, sagt Kermes. Nein, nicht der „Händel“ – auch den gibt es als Rose. Aber er dufte nicht gut, leider.

Die Stimmen der Besucher murmeln im Hof. Ein Gebäude aus Backstein sticht heraus. Weil es so gar nicht mediterran wirkt, eher preußisch, nüchtern. Was die Erzählerin Simone Kermes gleich wieder richtig in Fahrt bringt. Denn zu Preußen hat sie eine besondere Beziehung. Georg Friedrich von Preußen und seine Frau Sophie hat sie auf Schloss Hohenzollern in Baden-Württemberg kennengelernt, als sie dort bei einem Benefizkonzert auftrat. Sie hat beide zum Essen zu sich in die Brunnenstraße eingeladen. Das war vor der aktuellen Diskussion um die Rückgabe von Schlössern und Kunstwerken. „Ich habe alle möglichen Kochbücher studiert, um herauszufinden, was Friedrich der Große gern gegessen hat, ein Vorfahr von Prinz Georg.“ Es war Aal- und Selleriesuppe, eher nichts für den Gast. So wurde es dann doch etwas ganz Unpreußisches: Ossobuco, geschmorte Kalbshaxe, schön mediterran.

Ihre Kariere begann nicht weit vom Geburtshaus Richard Wagners

Das „Ristorante Garda“ lassen wir trotzdem links liegen treten hinaus aus den Heckmann-Höfen auf die Auguststraße. Wir sprechen über die Anfänge einer Karriere. Die begann für Simone Kermes gar nicht weit entfernt vom Geburtshaus Richard Wagners: Dort haute sie schon früh in die Tasten – der Schreibmaschine. Als „Facharbeiterin für Schreibtechnik“, eine DDR-Berufsbezeichnung. Später sattelte sie noch eine Ausbildung zur Sekretärin drauf. „Ich bereue diese Ausbildung nicht im geringsten“, sagte sie, „dadurch weiß ich, wie man organisiert.“ Das kommt ihr heute zugute. Denn anders als viele Sängerinnen ist Simone Kermes ihre eigene Managerin, veranstaltet mit ihrer eigenen Agentur Konzerte in der Philharmonie inklusive Ticketverkauf und Promotion, kreiert die Lichtregie und entwirft die Programmhefte.

„Ich habe immer schon gern gesungen“, erzählt sie. Mit sieben im Kinderchor, mit 14 im Privatunterricht, mit 19 im Studium an der Leipziger Musikhochschule „Felix Mendelssohn Bartholdy“. Fest engagiert in einem Ensemble war sie nur einmal, für drei Jahre am Theater Koblenz, sofort nach ihrem Studium. Danach startete sie freischaffend ihre internationale Karriere. Seit sechs Jahren lebt sie in Berlin. Warum hier? Es hat, wie so oft, mit Liebe zu tun: „Ich habe mich damals privat neu entschieden.“

Dem Opernbetrieb hat Simone Kermes mehr und mehr entzogen

Wir biegen ein auf den Hof von Clärchens Ballhaus. Wieder Stimmengemurmel, Gläserklirren im Schatten grüner Büsche, und vor allem: mehrere Stöcke herrlicher Rosen. Simone Kermes führt gern Gäste hierher, sie ist auch schon mal im Ballhaus aufgetreten. Herrlich plaudern lässt sich’s hier: über Sachsen, Dresden, Leipzig, Kultur und Politik. Und über den Opernbetrieb, dem sich Simone Kermes mehr und mehr entzogen hat. „Ich kreiere meine eigene Oper: mit Konzept, Kostümen und Kulissen. Und vor allem mit meinem Orchester, den ,Amici Veneziani’. Wir sind eine Großfamilie, ich koche sogar für meine Jungs. Alles klingt ganz anders, wenn man sich gegenseitig respektiert und liebt. Das glatte Gegenteil von Intrigantenstadel.“

Das nächstes Album erscheint im Februar 2020: „Inferno e Paradiso“, 14 Stücke über die sieben Todsünden und die sieben Tugenden. Arien von Vivaldi, Bach, Bononcini, Hasse und Händel. „Und weil man mich ja die Lady Gaga der Barockmusik nennt, habe ich auch ‚Pokerface’ aufgenommen, als Symbol für Wollust. Rock und Barock sind enge Verwandte.“ Offizielle Premiere ist das Konzert in der Philharmonie am 15. März 2020. Aber wer Simone Kermes schon früher hören will: Am 24. August tritt sie auf mit dem Brandenburgischen Staatsorchester beim Choriner Musiksommer auf, mit einem Mozart-Programm.

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Beim Abschied vor dem Ballhaus winkt sie noch einmal und eilt davon. Eine Frau, die mit sich und der Welt im Reinen ist.

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