• Spendenaktion „Menschen helfen!“: Wie eine Initiative Sprachbarrieren in Kliniken überwindet

Spendenaktion „Menschen helfen!“ : Wie eine Initiative Sprachbarrieren in Kliniken überwindet

Wenn Ärzte und Patienten sich nicht verständigen können, bedeutet das Stress pur. Triaphon bietet Übersetzungen an - und bittet jetzt um Spenden.

Doua Abdallah (l.) und Jana Gebhard von Triaphon.
Doua Abdallah (l.) und Jana Gebhard von Triaphon.Thilo Rückeis

Im Krankenhaus ist jeden Tag Babylon. Soll heißen: Wo viele Menschen zusammenkommen, werden viele Sprachen gesprochen. Was die Verständigung, über Medizinisches zumal, nicht einfacher macht. „Wer nicht selbst im Nachtdienst oder in der Notaufnahme einer Klinik gearbeitet hat, kann sich nicht vorstellen, wie schlimm das ist, wenn man keine gemeinsame Sprache findet“, erzählt Korbinian Fischer, Assistenzarzt in Weiterbildung zum Allgemeinmediziner.

Er und seine Kollegin, die angehende Kinderärztin Lisanne Knop, wissen es sehr gut. Denn sie haben es immer wieder erlebt: wie ein Kind zehn Tropfen eines Medikaments nehmen sollte und von den nicht-deutschsprachigen Eltern die ganze Flasche verabreicht bekommen hat. Wie die Einstufung in der Rettungsstelle, die sogenannte Triage, nach „sehr dringend“, „weniger dringend“ und „nicht dringend“ unmöglich ist, weil Patienten einfach nicht formulieren können, warum sie gekommen sind. Lisanne Knop musste in der Ausbildung einmal sogar mitansehen, wie ein vietnamesischer Junge starb, weil ein Hirntumor wegen der Sprachbarriere nicht rechtzeitig entdeckt wurde.

Hilfe in acht Sprachen - und es sollen mehr werden

„Es kann ein Segen sein, wenn zufällig Pflegerinnen, Reinigungskräfte oder Angehörige anwesend sind und übersetzen“, sagt Fischer. Doch auf den Zufall zu vertrauen, das ist gerade im Krankenhaus oft keine gute Idee.

Deshalb haben Fischer und Knop 2017 die Organisation Triaphon gegründet, wo Ärzte oder Pflegerinnen bei Verständnisschwierigkeiten anrufen und sofort mit einer Übersetzerin oder einem Übersetzer sprechen können. Neben Deutsch wird der Dienst in sieben Sprachen angeboten: Arabisch, Türkisch, Vietnamesisch, Farsi (Persisch), Polnisch, Rumänisch und Russisch; Bulgarisch befindet sich im Aufbau. Die Non-Profit-Organisation benötigt für ein eigenes Büro dringend Spenden.

Die Sprachmittlerinnen heißen bewusst nicht "Dolmetscher"

Ortstermin auf dem Tempelhofer Feld. Hier, in Sichtweite der rot-gelben Zelte vom Zirkus Cabuwazi, nutzt Triaphon zurzeit einen Campingwagen der Gesellschaft für Sport und Jugendsozialarbeit (GSJ) als Büro. Mitarbeiterin Jana Gebhard öffnet die Tür. „Unser Name Triaphon verweist auf das Dreieck, das Ärztinnen, Patienten und Sprachmittlerinnen bilden“, erklärt sie.

Letztere – rund 160 von ihnen arbeiten gegen eine Aufwandsentschädigung für Triaphon – heißen bewusst nicht „Dolmetscher“. Denn sie sind nicht zertifiziert. „Es sind einfach Menschen, die mindestens zwei Sprachen sprechen“, sagt Jana Gebhard. Aktuell wird der Übersetzungsdienst an 14 Partnerkliniken und bei acht sozialen Organisationen bundesweit angeboten, die eine geringe Lizenzgebühr an Triaphon zahlen, auch Flatrates werden angeboten.

Dafür bekommen sie eine Telefonnummer, die rund um die Uhr besetzt ist, an sieben Tagen die Woche, und die hier in der Zeitung natürlich nicht veröffentlicht werden kann, um Missbrauch vorzubeugen. „Das ist Teil des Konzepts: eine simple Nummer“, erklärt Triaphon-Gründer Korbinian Fischer. „Ärztinnen und Pfleger im Stress haben keine Zeit, sich umständlich irgendwo anzumelden oder Kontaktmasken im Internet auszufüllen. Sie müssen sofort wissen, was eine Patientin zu ihnen sagt. Eine Telefonnummer, mehr nicht.“

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In Berlin wird der Dienst an drei Kliniken angeboten: im Sana Klinikum Lichtenberg, im Alexianer St. Joseph-Krankenhaus Weißensee und in der Gynäkologie und Geburtshilfe des Helios Klinikums Buch. Außerdem gehören open.med, eine Ambulanz für Menschen ohne Papiere, und die Ambulanz für Obdachlose der Berliner Stadtmission dazu.

„Unsere Organisation wächst, aber in den Kliniken neue Prozesse zu implementieren, ist oft nicht leicht. Dazu kommt der ökonomische Druck“, sagt Fischer. Wichtigster Partner ist das Sana Klinikum Lichtenberg. Hier entstand die Idee, und Lisanne Knop begleitete die Testphase von Oktober bis Dezember 2017 als Ärztin in der Kinderklinik sowie den weiteren Ausbau im Haus.

Doua Abdallah kommt herein. Sie wurde im Libanon geboren, ihre Eltern sind mit ihr nach Berlin gekommen, als sie noch ein Kind war. Jetzt wohnt sie in Rudow und arbeitet von ihrer Wohnung aus oder hier im Wagen als Übersetzerin für Arabisch. Sie erzählt: „Viele Anrufe erhalten wir vormittags, wenn auf den Stationen Visite ist.“ Typische Fragen, etwa auf der Rettungsstelle, seien: „Warum sind Sie hier?“ oder „Seit wann hat Ihr Kind Fieber?“. Hat eine Mutter gerade entbunden, kann so ein Telefonat auch schon mal 15 Minuten dauern, wenn sich Ärzte ausführlich nach dem Befinden erkundigen möchten. Seit Gründung der Organisation hat es rund 4600 solcher Anrufe gegeben.

"Wenn Sie nochmal was sagen, fliegen Sie raus!"

Doua Abdallah arbeitet gern für Triaphon. Sie mag die Vorstellung, dass es einen Übersetzerdienst auch für ihren eigenen Vater gibt, der nicht gut Deutsch spricht – falls er ins Krankenhaus kommen sollte. Das ist in der Vergangenheit durchaus schon passiert. Einmal wurde sie, wie sie erzählt, von einer Schwester des Zimmers verwiesen, ein anderes Mal raunzte sie ein Arzt an: „Wenn Sie noch mal was sagen, fliegen Sie raus!“ Man könne sich, so Abdallah, vorstellen, dass viele Patienten den Druck spüren, unter dem Medizinerinnen oder Pfleger stünden, und deshalb möglichst schnell Antworten geben – auch wenn sie falsch sind.

[Das Spendenkonto: Spendenaktion Der Tagesspiegel e.V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse IBAN: DE43 1005 0000 0250 0309 42. Bitte Namen und Anschrift leserlich notieren. Der Tagesspiegel bietet ein neues Benefiz-Abo: www.tagesspiegel.de/verschenken. Fragen per Telefon? Mo-Fr 7-19.30 Uhr; Sa-So 8-12 Uhr: (030) 29 02 15 50]

Als Arzt weiß Korbinian Fischer, wie zentral die Anamnese, die Erfragung medizinisch relevanter Informationen, für die Diagnosestellung ist. Und welch wichtige Rolle in so einem Gespräch Kleinigkeiten spielen können, Details, Momente von Verständigung.

Die Sprachmittlerinnen und Sprachmittler werden medizinisch geschult und sensibilisiert. Zum Beispiel dafür, dass es im Arabischen für „Fieber“ mehrere Ausdrücke gibt, je nachdem, ob die Patientin einen Dialekt oder Hocharabisch benützt. Spricht ein vietnamesischer Patient von „Durchfall“ oder „Schlaganfall“? 

Auch andersherum gilt das: Den Arzt oder die Ärztin müssen die Sprachmittler gut verstehen können. Sie müssen wissen, dass eine Blinddarmentzündung gemeint ist, wenn von „Appendizitis“ die Rede ist. Oft kann man die Ausdrücke nicht 1:1 übersetzen. Dann sollen die Sprachmittler den Sachverhalt umschreiben. Verstehen sie selbst etwas nicht, sollen sie konkret bei der Ärztin oder beim Arzt nachfragen.

Und was ist mit „bad news“? Wenn zum Beispiel wenig erfreuliche Testergebnisse mitgeteilt werden müssen oder gar ein Tumor entdeckt wurde? „Bei solchen Aufklärungsgesprächen muss der Arzt entscheiden, ob er sie via Triaphon durchführen kann“, erläutert Korbinian Fischer. „Unsere Richtlinie ist: Bei guter Planbarkeit sollen Gespräche dieser Art mit Vor-Ort-Dolmetschern erfolgen, nur im Notfall mit Triaphon. Die Verantwortung trägt hier der Arzt.“

Berliner Communities sind gut vernetzt

Inzwischen beantwortet Doua Abdallah nicht nur Anrufe auf Arabisch, sondern arbeitet auch als Koordinatorin. In dieser Funktion achtet sie darauf, dass alle Schichten immer besetzt sind, die Zu- oder Absage kann per App erfolgen. Sie wertet die Telefonate aus, denn die Kliniken und Praxen haben die Möglichkeit, die Qualität des Gesprächs zu bewerten. Und sie führt Erstgespräche mit potenziellen neuen Sprachmittlern.

„Sie zu akquirieren, ist in Berlin eigentlich nicht schwer“, sagt sie. Die Communitys – vor allem die vietnamesische – seien stark untereinander vernetzt. Wenn Bekannte, Freunde oder Angehörige von Triaphon hören, wollen sie oft selbst mitmachen. Und da die Organisation weiterwachsen will, werden sich hoffentlich noch viele neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem Tempelhofer Feld vorstellen. Oder auch bald, vielleicht, in einem festen Büro.

Übrigens: In der sogenannten NGO-Sparte bietet Triaphon für Organisationen wie die Berliner Stadtmission auch besonders günstige Lizenzgebühren an. Um dieses Angebot aufrechterhalten zu können, auch dafür sollen die Spenden verwendet werden.

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