Stadt, Land oder Stadtrand? : Über eine Familie, die auszog

Rein oder raus? Viele Familien ringen mit der Entscheidung, ob sie die Stadt der Kinder wegen verlassen sollen. Unsere Autorin hat lange gezögert und ist schließlich mit Mann, Kind und zwei Hunden nach Falkensee gezogen.

Katja Schulz
Umzug nach jwd. Berlin empfand unser Autorin fürs Familienleben als zu eng - also zog sie nach Falkensee.
Umzug nach jwd. Berlin empfand unser Autorin fürs Familienleben als zu eng - also zog sie nach Falkensee.Foto: Knut Stritzke

Die Berliner Abkürzung für „janz weit draußen“ lautet bekanntlich „jwd“. Die meisten denken, das wären die Außenbezirke, Spandau oder Mariendorf. Tatsächlich aber ist es Falkensee. Warum? Weil man erst dort wirklich nicht mehr in Berlin ist. Kaum hat man den ehemaligen Mauerstreifen überquert, sind die meisten Häuser höchstens noch zwei Stockwerke hoch und haben einen Garten. Dazwischen Felder, Wald, Weiden mit Pferden oder Schafen, gleichzeitig lässt die gewohnte Dichte der Bäckereien, Frisöre, Zeitungsläden und Imbissbuden schlagartig nach. Selbst die Luft verändert sich. Es wird kühler und riecht auf einmal total fremd – so frisch.

Hat man sich in Berlin im Schnitt einen Quadratkilometer mit 4039 anderen Menschen geteilt, so sind es hier nur noch etwa 1000. Tausend Menschen, die irgendwie friedlicher sind, entspannter. Es heißt ja: Zeit ist Geld. In Falkensee aber bekomme ich den Eindruck, dass Raum Zeit ist. Die Menschen scheinen mehr Zeit zu haben, mehr Ruhe einfach dadurch, dass sie mehr Platz um sich herum haben.

Ich bin gebürtige Berlinerin und von Natur aus ein Stadtmensch. Doch vor gut zwei Jahren habe ich mit meiner Familie gewagt, was ich niemals für möglich gehalten hätte. Ich bin mitten aus dem Zentrum Berlins mit meinem Freund und unserer sechsjährigen Tochter in eine kleine Siedlung im Wald gezogen – nach Falkensee. Bereut habe ich diesen Schritt kein einziges Mal. Morgens wache ich auf und lausche den Vögeln. Ansonsten ist bei uns absolut nichts zu hören. Diese Stille und die Luft, die nach Lindenbäumen und harzigen Kiefern duftet, sind hier Grundnahrungsmittel.

"Wirf doch dein Leben nicht so weg!“, sagten meine Freunde

Ich liebe es, wenn ich morgens barfuß hinauslaufe in den Garten und kühles feuchtes Gras spüre oder wenn wir zu dritt vom Baum aus ein Kirschkernweitspucken veranstalten. „Ja, aber Vogelgezwitscher und Gras ist doch auch nicht alles!“, höre ich meine Berliner Freunde einwenden. „Was ist, wenn du mal in ein Café willst oder Sushi essen? Wirf doch dein Leben nicht so weg!“

Nun ja – das ist wirklich ein wunder Punkt. Ich liebe Cafés und all diese kleinen Imbisse und Restaurants unterschiedlicher Nationalitäten, die in der Innenstadt an jeder Ecke aus dem Boden wachsen wie hier nur die Pilze im Herbst. Hier gab es nur das „Schräääg rüber“, das vor einem halben Jahr zu gemacht hat, wegen Lärmbelästigung! Welcher Lärm?! Ich vermisse manchmal den polyfonen Klang – das Sprachgemisch in den Berliner Straßen. Die vielen Nationalitäten. Ich liebe Touristen, weil sie so freundlich sind, und davon gibt es hier draußen nicht so viele. Aber, meine lieben Berliner Freunde, es ist gar nicht so schwer!

Ich habe es selber jahrzehntelang abgelehnt, irgendwo anders als in Berlin zu leben. In Spandau aufgewachsen, zog ich 1991 mit 20 Jahren nach Prenzlauer Berg und zahlte 80 D-Mark für ein WG-Zimmer. Ein paar Babysitterjobs bei den britischen Alliierten reichten zum Leben. Als einmal der Dachstuhl bei uns im Haus abbrannte, suchte ich Zuflucht in Kreuzberg und Adlershof. Während dieser Zeit studierte ich Schauspiel und schrieb eigene Songs. Niemals wollte ich aus dieser kulturell so attraktiven Stadt wegziehen. Später hatte ich eine kleine Wohnung am Tiergarten einen knappen Kilometer vom Kanzleramt und vom Deutschen Theater entfernt, der Zoo war nebenan, der Ku'damm auch – das war toll.

Aber dann lernte ich meinen Freund kennen und mit ihm kam ein zweiter Hund in mein Leben und dann unsere Tochter. Hoppla, plötzlich waren wir Familie. Plötzlich wurde es eng in Berlin. Wir zogen in eine größere Wohnung nach Tempelhof, aber das machte es nicht besser. Die Enge war in meinem Kopf – nie konnte ich mich ganz entspannen, weil überall Autos und Menschen waren, die es eilig hatten und nicht wirklich auf Kinder und Hunde achtgaben. Und dann gab es da diese Phase, als meine Tochter alles in den Mund stecken wollte und alles Mögliche vom Boden aufhob.

Die Winter waren dreckig, das Kulturangebot sowieso nicht zu nutzen

Schließlich kamen die Winter, in denen ich mit Kinderwagen, einem großen und einem kleinen Hund unterwegs war. Überall dreckiger Matsch und wenn einer der Hunde mal musste, war es ein kompletter Krampf, die zu diesem Zweck bereitgehaltenen Beutelchen anzuwenden. Stichworte: sich vom Hals lösender Schal, Handschuhe an- und ausziehen, Leinen die sich verwickeln, entgegenkommende Hunde, ein Kind, das nicht still sitzen mag ...

Das üppige Berliner Kulturangebot war sowieso kaum noch nutzbar mit Kleinkind, und wenn ich im Sommer auf unseren Balkon hinaustrat in Erwartung einer erfrischenden Brise, dann roch ich stattdessen Abgase und die Zigarette des Nachbarn. Endlich war ich reif für jwd – Falkensee. Hier leben nicht nur Rentner. Tatsächlich sind es vor allem junge Familien, die den Ort als Lebensraum für sich und besonders für ihre Kinder entdecken. Zur Freizeitgestaltung gibt es den TSV Falkensee, Reiterhöfe und das Haus am Anger mit Töpfern, Kunstprojekten und Theatergruppe, Musikschulen (die immer völlig ausgebucht sind) haben wir auch.

Erst wenn man auf Partys gehen will und sich nach dem wilden Leben sehnt, wird Falkensee ein wenig öde. In der Altersklasse 19 bis 25 klafft hier eine Lücke. Junge Singles in der Abenteuerphase ziehen nach dem Schulabschluss erst mal nach Berlin oder an irgendeinen anderen Ort auf der weiten Welt. Etliche von ihnen kehren wieder zurück, wenn sie eine Familie gründen. Alleine in der winzigen Kita mit 20 Kindern, die meine Tochter besucht hat, gab es drei Paare, die sich zu Schulzeiten kennengelernt hatten.

Für uns allerdings ist das Leben hier draußen vor allem eines: unkompliziert. Die meisten Straßen sind klein, übersichtlich und kinderfreundlich. Unsere Tochter kann alleine mit dem Fahrrad zur Schule radeln, von dort aus zum Hort, der sich auf einem großen Waldgrundstück befindet. Sie kann selbstständig die Kinder aus der Nachbarschaft treffen und dann ziehen sie zusammen los – zum Spielplatz oder zwischen den Gärten hin und her. Ihre Freunde aus Berliner Zeiten werden dagegen täglich von den Eltern über die zahlreichen Straßen zur Schule gelotst. Selbstständig mal eben losziehen ist in Berlin eben viel gefährlicher.

Jeder lebt in seiner perfekten Welt, zufällige Begegnungen fehlen mir

Was mir aus der Stadt fehlt, sind die spontanen Begegnungen mit anderen Eltern und Kindern, auf der Straße oder dem Spielplatz. Hier dagegen ist es wichtig, sich abzusprechen, sonst verschwindet jeder allein für sich in seinem perfekt ausgestatteten Garten mit Schaukel, Trampolin oder Swimmingpool. Ich musste mich dran gewöhnen, ein bisschen zu organisieren. Vieles wird hier längerfristig geplant. Es gibt ein Sommerfest auf dem Spielplatz, zu dem alle Anwohner eingeladen sind und die meisten auch kommen. Ein Laternenfest mit Stockbrot am Lagerfeuer, Gitarre und Gesang. Den Umwelttag, an dem gemeinsam Müll im Wald gesammelt wird, und es gibt die Rehwiese, das sind die Felder etwa 300 Meter weiter, wo ein Ponyhof ist. Packt mich einmal wirklich die Sehnsucht nach Berlin, setze ich mich auf mein Klapprad und sause einen Kilometer durch den Wald bis zum Bahnhof Finkenkrug. 28 Minuten Fahrtzeit mit der Regionalbahn nach Berlin. Das ist ein Lacher. Ich meine, ich habe oft länger in der City im Stau gestanden, nur um ein paar wenige Kilometer zurückzulegen.

Meine Sehnsucht nach quirligem Großstadtleben stille ich recht zügig. Das eilige Gedränge und die Fülle auf kleinem Raum lässt mich schnell wieder umkehren. Bin ich zurück, empfängt mich der Wald. Er ist einfach geblieben, wo er immer ist, und ich radle durch die Sonnenflecken, die durchs Laub gefiltert auf dem Sandboden flimmern.

Wir wohnen in der Gezeitenzone Berlins. Von hier schwappt am Morgen die Woge der Arbeitenden hinein in die Stadt, um sich am Abend erleichtert wieder zurückzuziehen. Der Vorteil daran: Es ist viel einfacher, sich von dieser Gezeitenzone in alle Richtungen zu bewegen. Ich bin schon draußen und kann ganz leicht einfach weiterradeln, zum Beispiel den Havellandradweg entlang. Er führt über weite Strecken durch Feld und Wald. Von da ist es auch nicht mehr weit bis zur „Middle of Nüscht“, das liegt in der Altmark zwischen Havel, Tanger und Elbe, aber das ist eine andere Geschichte.

Liebe Berliner Freunde, macht es mir nach, oder kommt einfach mal vorbei. Es gibt so viel zu entdecken, man muss sich nur ein paar Stullen einpacken oder meinetwegen auch Sushi – wieso nicht.

Die Autorin, Katja Schulz, ist Schauspielerin und Sängerin. Momentan arbeitet sie vorwiegend als Autorin für Theaterstücke und Zeitschriften. Ihr Lebenspartner, Knut Stritzke, ist Fotograf und hat das Familienporträt mit Selbstauslöser gemacht.

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