Stadtentwicklung : Braucht Berlin einen Plan?

Bald wird Hauptstadt wieder vier Millionen Einwohner haben. Wie vor 100 Jahren. Damals bereitete sich die Stadt mit visionären Plänen auf ihr Wachstum vor. Und heute?

Geflecht und Webfehler. Der Architekt Hermann Jansen plante 1910 für die südliche Friedrichstadt ein Straßenraster, das die bestehenden Achsen zum Halleschen Tor ergänzen sollte.
Geflecht und Webfehler. Der Architekt Hermann Jansen plante 1910 für die südliche Friedrichstadt ein Straßenraster, das die...Foto: TU Architekturmuseum

Vom 18. Stock seines Turms hat Christoph Gröner einen prächtigen Weitblick, aber was er sieht, gefällt ihm nicht. Tief unten liegt ein wildes Muster aus zerhackten Häuserzeilen und isolierten Betonriegeln, aus Straßen, die irgendwo anfangen und irgendwo enden, ohne dass eine zentrale Ausrichtung erkennbar wäre. Unfertig alles, so fern das Auge reicht. Und Gröner kann wirklich weit sehen von seinem nüchtern möblierten Büro aus, Edelstahl und Glas, das sich 75 Meter hoch im ehemaligen Sitz der Berliner Postbank in Kreuzberg befindet.

Um Weitsicht geht es. Jedenfalls ihm, der mit einem Kaffee ans Fenster tritt, herabblickt und sagt: „Berlin zu einer schönen Stadt zu machen, das bekommen wir nicht mehr hin.“

Man lernt das irgendwann: Berlin ist eben, wie es ist, oder? Von da an ist man Berliner.

Aber das will der Immobilienunternehmer, 49 Jahre alt, gebürtiger Badener und als Kopf der CG-Gruppe seit 2010 in der Stadt aktiv, nicht hinnehmen. Man müsste, sagt er, einen „großen Wurf“ hinlegen. „So, wie Berlin ist, wird es nicht bleiben. Nicht in sozialer, energetischer und wirtschaftlicher Hinsicht.“ Er fragt sich, wie man das Zwangsläufige daran nicht erkennen kann.

Gröner trägt einen Nadelstreifenanzug, schwarz, ein weißes Hemd mit seinen Initialen, aber keine Krawatte. Er ist ein groß gewachsener, sportlicher Mann, Vater von vier Kindern, mit einem Lächeln, das sich seiner Strahlkraft bewusst ist. Seine Ungeduld drückt sich in einem nur schwer zu unterbrechenden Monolog und Gesten voller Spannung aus. Handkantenschläge lässt er über die Stadt streichen, imaginäre Achsen ins Häusermeer werfend. Es sind liebevolle Gesten für einen Gestalter.

„Es wird immer ein bisschen was gemacht“, klagt er, „vor allem Partikularinteressen werden verfolgt. In dieser Stadt ist es möglich, dass Entscheidungen von allgemeinem Interesse durch Minderheiten blockiert werden und alle es sogar okay finden. Wie kann man stolz darauf sein, Fortschritt durch Umständlichkeit aufzuhalten?“

Herr der Türme. Immobilienentwickler Christoph Gröner plant den "X-berg Tower" und den Steglitzer Kreisel in Wohnhochhäuser umzubauen. Aber er fürchtet, dass seine Branche "am Bedarf vorbeibaut".
Herr der Türme. Immobilienentwickler Christoph Gröner plant den "X-berg Tower" und den Steglitzer Kreisel in Wohnhochhäuser...Foto: Mike Wolff

Er ist in Fahrt gekommen. Hat nicht lange gedauert, um vom Blick über die Stadt zu ihren Niederungen zu gelangen, der Stadtpolitik. Auch wenn er naheliegende Gründe hat für seine Ungeduld, denn mit dem Hochhaus, in dem er an diesem Tag eine Reihe von Terminen wahrnimmt und der majestätische Ausblick dabei sein bestes Argument sein dürfte, geht es nicht recht voran. 711 Wohnungen sollen in dem dunkel-spiegelnden Klotz am Halleschen Ufer entstehen. Ein vertikales Stadtquartier ist geplant, dessen Fassade durch hängende Gärten begrünt und Inneres mittels Erdwärmesonden im Boden temperiert wird. Doch die Genehmigungen für den „XBerg Tower“ – so der Projektname – ziehen sich hin.

Das hat zu tun mit einem anderen von Gröners Bauvorhaben, so mutmaßt er. Ausgerechnet in der Rigaer Straße und damit in unmittelbarer Nachbarschaft zur linken Autonomen-Szene in Friedrichshain treibt er einen Neubau voran. Auch dort entstehen Wohnungen, wo es vorher keine gab. Der Widerstand ist massiv. Es gibt ein Video, das Gröner bei dem vergeblichen Versuch zeigt, eine Diskussion mit Aktivisten und Anwohnern zu führen, die sein Engagement für den Anfang ihres Untergangs halten. Er wird niedergebrüllt und seine Beteuerungen, dass er mit seinem "sozialen Projekt" zur Erhaltung des Alten beitrage, gehen in gellenden Pfiffen unter. Er ruft der Menge zu:„Ihr seid verblendet ... Glaubt ihr wirklich, wir bauen nicht, weil ihr ,Haut ab‘ schreit? Wie blöd seid ihr denn? ... Das hat doch nichts mit meiner Kohle zu tun... Dass die Mieten steigen, kannst du nicht verhindern. Ich nicht. Du nicht... Der Mietspiegel ist ein Mechanismus, neue und gute Wohnungen mit alten und nicht so guten Wohnungen zu vergleichen. Das ist die Krux. Nicht der, der neue Wohnungen baut, ist das Problem... Leute, wenn die Degewo [als gemeinnütziges Unternehmen] hier baut, kostet der Quadratmeter auch sechs bis zwölf Euro Miete... Tut mir leid, dass wir Marktwirtschaft haben.“

Das Johlen und Schimpfen ist die Geräuschkulisse der Expansion. Jeder Quadratmeter Berliner Boden hat Wert, Nutzen.

Im Sommer eskalierte die Situation, Autos der Firma gingen in Flammen auf, Mitarbeiter wurden auf der Baustelle attackiert. Und der Bezirk wolle ihn zum Verkauf des Grundstücks drängen. Gröner schrieb dem Senat einen zornigen Brief, in dem er beklagte, dass die Stadtverwaltung sich von Stimmungen Einzelner abhängig mache. „Die Relativierung oder Aufkündigung von rechtsstaatlichen Regeln und Gepflogenheiten hat ein Ausmaß erreicht, in dem man sich als Bürger auf nichts mehr verlassen kann.“

Geschrei und Pfiffe - Werden so Berlins Probleme gelöst?

Was klingt wie das übliche Business-as-Berlin-Gejammer, stammte von einem Mann, der sich als „geistiger Brandstifter gegen verkrustete und überalterte Funktionalitäten in der Stadt“ versteht. Mit seinen Hochhausplänen, zu denen auch die Umwandlung des Steglitzer Kreisels in einen Wohnturm gehört – mit 330 Einheiten –, steht Gröner an der Spitze einer Dynamik, die auf ein Berlin mit vier Millionen Einwohnern zusteuert.

Dass so viele Menschen in absehbarer Zeit an der Spree leben werden, ist sehr wahrscheinlich. Offizielle Prognosen der Senatsverwaltung gehen von einem Wachstum um 180.000 Menschen bis 2030 aus. Weiter reichen verlässliche Vorhersagen nicht. Aber der Schritt zur Vier-Millionen-Metropole könnte in zehn Jahren vollzogen sein.

Es ist eine magische Grenze. Schon einmal, 1925, wurde sie überschritten. War man damals klüger, als man es heute ist? Jedenfalls drängen sich dieselben Fragen auf: Wie brutal müsste der Eingriff ins Stadtbild ausfallen, um den wachsenden Bedarf an Wohnraum, Arbeitsplätzen, an Heizwärme, Elektrizität und Transportkapazitäten, an Krankenhausbetten und Schulen zu bewältigen? Wie das Neue nicht ausufern lassen zu den deprimierend funktionalen Siedlungstrabanten? Und wie den Charakter einer Stadt bewahren, die eine historische Mitte, aber kein Zentrum hat?

"Wo ein Wille, da ein Weg", nannte Architekt Bruno Schmitz seinen monumentalen Entwurf von 1910, der den neuen Zentralbahnhof etwa an der Stelle zeigt, wo heute der Hauptbahnhof steht. Schmitz' Ideen hätten das ehemalige Militärgelände weitgehend planiert und an seiner statt Repräsentationsbauten errichtet.
"Wo ein Wille, da ein Weg", nannte Architekt Bruno Schmitz seinen monumentalen Entwurf von 1910, der den neuen Zentralbahnhof etwa...Foto: TU Architekturmuseum

Wenn Christoph Gröner vom „großen Wurf“ träumt, denkt er an George-Eugéne Haussmann und dessen Umgestaltung von Paris Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Präfekt Napoleons III. die Hauptstadt der Aufklärung aus mittelalterlichen Gassen und Kloaken herausschnitt, sie mit Boulevards, Ponts, Jardins versah und sogar diktierte, wie die Häuserfassaden im Innenstadtbereich auszusehen hatten. Es war die Supernova der Stadtplanung. Haussmann schien die Französische Revolution um ihre architektonische Komponente zu erweitern, und seine Ideen wurden in Europa und den USA begeistert aufgenommen. Über Berlin sollte der Schriftsteller Thomas Mann später sagen, dass man der Stadt ansehe, eine Revolution nie erlebt zu haben.

Bedarf es also des großen Plans? Ist er ein Intelligenztest für die urbane Gemeinschaft, weil er zeigt, wie weit sie ihre eigene Zukunft zu erfassen vermag? Und wie müsste ein solcher Plan heute aussehen?

Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Berliner Planlosigkeit nicht bitter beklagt würde. Erst kürzlich wandte sich eine Gruppe von Berliner Architekten um Bernd Albers an die Öffentlichkeit mit der Forderung: "Fangt endlich wieder an zu planen."

Dabei stand die Stadt einmal an der Spitze eines weltweiten Reformdenkens, das die gesamte Stadt in den Blick zu nehmen sich traute. Nirgendwo sonst wurde Anfang des 20. Jahrhunderts so ergiebig darüber gestritten, wie mit urbanem Raum produktiv umgegangen und die Stadt lebenswerter gemacht werden könnte. Auch heute gibt es Masterpläne wie das „Planwerk Innere Stadt“ von 2011 und die noch bedeutendere „Gemeinsame Landesplanung“ von Berlin und Brandenburg, die das Flächenwachstum der Metropolregion auf Schwerpunktgebiete beschränkt und garantieren will, was sonst in keiner der 94 Megacitys mit über vier Millionen Einwohnern gelungen ist – eine Zersiedelung des Umlandes zu verhindern.

Die Losung heißt: nach oben.

Darüberhinaus beschränkt sich die Auseinandersetzung mit Berlins Stadtbild auf neuralgische Fragen wie Hochhäuser - ja oder nein? Oder: Braucht es eines repräsentativen Zentrums? Oder: Machen Kleingartenkolonien innerhalb des S-Bahn-Rings noch Sinn? Doch ein Überblick fehlt, wie innerhalb der Stadt Wissenschaft, Logistik oder medizinische Versorgung organisiert werden müssten.

Das Problem ist, dass sich die Intelligenz solcher Planungen in einer Sprache äußert, die nur Experten verstehen. Stadtpläne sind nämlich ganz überwiegend technische Zeichnungen. Der Öffentlichkeit werden hübsch anzusehende Simulationen künftiger Straßenszenen präsentiert, die man schon für den Plan selbst halten kann. Dem ist nicht so.

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Abgeordnetenhaus Antje Kapek, eine studierte Stadtplanerin, bringt das Dilemma so auf den Punkt. „Der Senat sagt immer: wohnen, wohnen, wohnen. Doch die Leute verlassen ihre Wohnungen morgens, um ganz viele unterschiedliche Dinge zu erledigen. Wenn ich nur auf einer Ebene plane, krankt es irgendwann an einer anderen.“ Berlin, so glaubt Kapek, steht eine Nachverdichtung bevor, die vor allem in der Innenstadt zu höheren Gebäuden führen wird.

Ein unweigerlicher Schritt, meint auch Christoph Gröner, Herr der zwei Türme. Wohnungen könnten mit entsprechenden Ausgleichsflächen, Parks und Verkehrsanbindungen in ausreichender Zahl nur entstehen, wenn Lebensraum gestapelt werde. Wofür sich die Menschen längst entschieden hätten. Sie wollen die Verdichtung, laufen in die Städte, treiben die Preise nach oben. In die Höhe zu bauen, bedeute, unten Platz zu schaffen.

Über Jahrhunderte ist Berlin gewachsen, indem Vororte sich entlang der Stadtmauer bildeten und prosperierten, weil sie von Zöllen ausgenommen waren. Obwohl der Grenzwall immer weiter hinausgeschoben wurde, blieb die Unterscheidung von drinnen und draußen wichtigster Wachstumsimpuls. Der Planer war dabei ein Vollstrecker des Herrscherwillens, dem es einerlei war, ob er Parkanlagen oder Städte anlegte. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts trat der Stadtgestalter auf in Form eines Fachmanns für Kanalisation.

Ringstraße mit Zukunft. Der Entwicklungsplan von James Hobrecht legte Mitte des 19.Jahrhunderts die Grundlage dafür, wie Berlin über seine Grenzen hinauswachsen würde.
Ringstraße mit Zukunft. Der Entwicklungsplan von James Hobrecht legte Mitte des 19.Jahrhunderts die Grundlage dafür, wie Berlin...Foto: Simon Schropp & Comp Berlin, 1856 Lithographie v. C. Birk
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