Stadtplanung : Die perfekte grüne Welle auf Berlins Straßen
Schon in der Theorie ist das Vorhaben nicht ganz einfach.
Schon in der Theorie ist das Vorhaben nicht ganz einfach.Foto: dpa

Die Theorie

Um das Grundprinzip der grünen Welle zu verstehen, hilft zunächst ein Blick auf den einfachsten Fall, den die obere Grafik zeigt. Hier fahren auf gerader Straße mit zwei Ampelkreuzungen zwei Autos: Auto A von links nach rechts, Auto B entgegen. Die Umlaufzeit der Ampeln – vom Beginn einer Grünphase bis zum Beginn der nächsten Grünphase – beträgt im Beispiel 90 Sekunden. Davon hat unsere Richtung 40 Sekunden Grün. Auto A fährt zu Beginn der Grünphase an der linken Ampel bei Sekunde null los und braucht

30 Sekunden bis zur zweiten Ampel. Die muss also nach 30 Sekunden ebenfalls auf Grün springen – oder möglichst noch etwas früher, damit Autofahrer A gar nicht erst bremsen muss. Autofahrer B bekommt an dieser Kreuzung ebenfalls in der 30. Sekunde Grün. Er fährt nun von der zweiten zur ersten Ampel. Weil er dafür ebenfalls 30 Sekunden braucht, erreicht er die erste Ampel in der 60. Sekunde des Schaltprogramms – und sieht Rot. Denn erst eine halbe Minute später hat die Ampel ihren 90-Sekunden-Umlauf absolviert und springt wieder auf Grün. Die grüne Welle funktioniert also nur in der Richtung von Auto A.

Um auch Auto B eine grüne Welle zu verschaffen, müssten die Umlaufzeiten beider Ampeln z.B. auf 60 Sekunden programmiert und ihre „Nulllinien“ um 30 Sekunden zueinander versetzt werden: Die erste Ampel zeigt von Sekunde null an Grün und dann wieder ab Sekunde 60 (wenn Auto B ankommt). Die Grünphase der zweiten Ampel beginnt bei Sekunde 30, Sekunde 90 usw.

Die perfekte grüne Welle gibt es nur einer Richtung

Theoretisch ließe sich diese grüne Welle für beide Richtungen durch die ganze Stadt verlängern. Doch dazu müsste diese Stadt nach amerikanischem Muster aus einem quadratisch angelegten Straßennetz mit immer gleichen Abständen zwischen den Kreuzungen bestehen. Die untere Grafik zeigt, dass schon eine weitere Kreuzung in etwas geringerem Abstand alles durcheinanderbringt: Auto A startet wiederum bei Sekunde null, passiert nach 30 Sekunden die zweite Kreuzung – und erreicht die dritte schon in der 50. Sekunde, weil der Weg dorthin kürzer ist als zur zweiten. Die dritte Ampel müsste also spätestens in der 50. Sekunde Grün sein, um Auto A freie Bahn zu verschaffen. Doch das bedeutet für Auto B, dass es in der 50. Sekunde an der dritten Ampel starten kann, in der 70. Sekunde die zweite Ampel erreicht und in der 100. die erste. Die zeigt dann aber noch 20 Sekunden lang Rot, bis ihr nächster 60-Sekunden-Umlauf beginnt.

Im wahren Leben kommen zu den unterschiedlich weit voneinander entfernten Kreuzungen auch noch die Menschen mit ihren Marotten: Morgens strömen sie massenhaft in

die Stadt und brauchen entsprechend lange Grünphasen einwärts, um nicht zum Dauerstau zu gerinnen. Nachmittags rollt alles umgekehrt. Und zwischendrin werden die

einen von Kurven, Straßenschäden und Tempo-30-Schildern gebremst, während andere sich von Ausfahrten oder Einmündungen her dazwischenmogeln und dann den bei Rot-Gelb nahenden Pulk ausbremsen, weil sie erst

beschleunigen müssen.

Eine Ecke weiter brauchen die vielen Linksabbieger eine eigene Ampelphase, die zwangsläufig zulasten des geradeaus fahrenden Gegenverkehrs geht.

Die Linksabbieger halten mit ihrer Grünphase nicht nur den Gegenverkehr auf, sondern auch die dazu parallelen Fußgänger. Die gehen vor allem spätabends bekanntlich lieber gleich bei Rot, statt ewig zu warten. Dagegen sollen kürzere Umläufe in Zeiten mit wenig Verkehr helfen. Aber allzu kurz dürfen sie auch nicht werden, denn der genormte Fußgänger muss schließlich mit seinem Tempo von 1,2 Metern pro Sekunde noch die andere Straßenseite erreichen können, bevor die nächsten Autos kommen. Je breiter die Straße, desto größer muss der Puffer sein.

Da all diese Phänomene auch für die Querstraßen gelten, wäre eine stadtweite grüne Welle Zauberei.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie es in der Praxis aussieht.

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