Stadtspaziergang durch Berlin-Mitte : „Es ist wieder Leben in dem alten Kasten“

Sie ist die Enkelin Bertolt Brechts. Ihre Heimat ist die Bühne. Und Berlin-Mitte ihr Kiez. Unterwegs mit Johanna Schall

„Als ich klein war, sind hier noch Kohlekutschen herumgefahren.“
„Als ich klein war, sind hier noch Kohlekutschen herumgefahren.“Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Auf den ersten Blick hebt sich Johanna Schall von dem Menschengewimmel, das auch an einem grau-kalten Morgen am Hackeschen Markt unterwegs ist, kaum ab. Sie ist ganz in Schwarz gekleidet. Sie raucht eine Zigarette, während sie wartet. Auf den zweiten Blick stechen ihre Haare heraus. Sie sind kurz und weiß und stehen in alle Richtungen ab, bevor sie später unter der Mütze – ebenfalls schwarz – fast verschwinden.

Treffpunkt vor den Hackeschen Höfen, denn: „Das hier ist das nächste, das ich kenne an Heimat.“ Hier um die Ecke ist sie aufgewachsen, jetzt ist sie zurück. „Ich hab’ echt Schwein gehabt bei der Wohnungssuche“, sagt sie. Als ihre Mutter Barbara Brecht-Schall, die Tochter Bertolt Brechts, bei der sie zur Untermiete gelebt hatte, 2015 starb, fand sich Schall plötzlich auf dem Berliner Wohnungsmarkt wieder. „Ich lief dann immer mit so einem Aktenkoffer herum“, erinnert sie sich. Was die Vermieter heute alles sehen wollen! Gehaltsnachweise, Schufa, Mietschuldenfreiheitsbescheinigung.

In einem anderen Land

Als sie Kind war, lebte sie noch in einem anderen Land. Johanna Schall wird 1958 in Ost-Berlin geboren. Kurz vor ihrem dritten Geburtstag baut die DDR eine Mauer um ihren Staat. Johanna hat Glück: Ihr Opa Bertolt Brecht ist einer der wichtigsten Dramatiker und Dichter der DDR, das ermöglicht ihr ein privilegiertes Leben und gibt ihr Freiheiten, die ihre Klassenkameraden nicht haben. Ab 16 Jahren darf sie reisen, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass ihre Großmutter Helene Weigel ihre österreichische Staatsbürgerschaft nie aufgegeben hat.

„Da war früher ein Altenheim“, sagt Schall jetzt und deutet auf eine Lücke gegenüber den Höfen. Bagger transportieren Schutt ab. Schall hofft, dass der Edeka, der unten im Haus war, wieder zurückkommt – der war praktisch zum Einkaufen. Und dass die alten Leute jetzt nicht am Stadtrand versauern. Als sie auf der Fußgängerinsel fotografiert wird, überquert ein junger Mann, der Blick sehr wach und sehr müde zugleich, die Rosenthaler Straße. Als er ihre Höhe erreicht, deutet er eine Verbeugung an, dann läuft, nein tänzelt er weiter. Schall blickt ihm nach. „Das ist auch Mitte“, sagt sie dann.

Wieder auf der Bühne

Sie steht wieder auf der Bühne. Was ein großes Ding ist, denn die Schauspielerei hatte sie eigentlich aufgegeben. Anfang der Neunziger begann Schall, Regie zu führen. Erfolgreich war sie damit allemal. „Johanna Schalls expressionistische „Dreigroschenoper“ triumphiert am Berliner Gorki-Theater“, schrieb der Tagesspiegel 2004. Jetzt: „Hase, Hase“, das Martin Woelffers Komödie am Kurfürstendamm am 20. Januar im Schillertheater zur Premiere bringt. Inszeniert wird das 1992 am selben Ort erstmals in Deutschland gezeigte Stück von Coline Serreau, die es auch selbst geschrieben hat. Katharina Thalbach steht damals wie heute als „kleiner Hase“ auf der Bühne und Johanna Schall spielt die Nachbarin der Hasenfamilie, Madame Duperri. Warum sie nach über 20 Jahren wieder Theater spielt? „Weil es ein tolles Stück ist, mit einer Truppe, mit der man so schnell nicht wieder zusammenkommt.“ Irgendwie sind auf der Bühne alle verwandt oder verschwägert und „die Mutter von Kathi und meine waren beste Freundinnen“, erzählt Schall.

Als sie die Oranienburger Straße entlangspaziert, erinnert sie sich an die letzte Vorkriegsprostituierte, die dafür bekannt war, jungen Männern, die sie mit nach Hause nahm, morgens noch Frühstück zu machen. „Als Kinder waren die Straßen unser Spielplatz“, sagt sie. „Als die Mauer dann gefallen ist, war die Oranienburger Straße wild.“ Viel spielte sich im Tacheles ab, auch in der Galerie C/O, die mittlerweile an den Bahnhof Zoo gezogen ist. Diese Mischung, die gab es sonst nirgendwo: Wohnungen, Restaurants, Kultur, Jugendszene, Prostitution.

„Schade, dass das so geschützt werden muss!“

In der Großen Hamburger Straße passiert Schall das Jüdische Gymnasium, das hinter einem hohen Metallzaun liegt. „Schade, dass das so geschützt werden muss!“ Am Koppenplatz liegen Leihfahrräder herum, achtlos auf den Boden geworfen. Oder einfach umgefallen. Manchmal ärgert sich Schall darüber. „Manche Touristen fahren auch Fahrrad, obwohl sie es gar nicht richtig können.“ Aber sie möchte nicht schlecht über Berlin-Besucher sprechen, „die bringen viel Geld in die Stadt“.

Überhaupt macht Geld einen großen Unterschied im Stadtbild. „In der DDR war alles grau, rußig und vergammelt“, sagt Schall. „Wenn man das alte Mitte mit dem neuen vergleicht, ist es, als würde man eine Schwarz-Weiß-Aufnahme in Farbe sehen.“ Dennoch lauern hinter jeder Ecke Erinnerungen. In dem Gebäude an der Ecke Rosenthaler und Weinmeisterstraße war früher das Pionierkulturhaus. „Da habe ich im Pionierkabarett gespielt“, erzählt Schall. Heute ist hier eine Waldorfschule untergebracht.

„Zum Glück habe ich noch einen Beruf“

Eine Frage zu ihrem Opa: Wie ist es, nach dem Tod ihrer Mutter für Brechts Nachlass verantwortlich zu sein? „Ich habe viel gelernt. Und ich versuche, so nützlich wie möglich zu sein“, sagt Schall diplomatisch. „Aber der Nachlass nimmt auch nicht mein ganzes Leben in Anspruch. Zum Glück habe ich noch einen Beruf. Und der SuhrkampVerlag macht das sehr gut.“ Wir sind wieder in den Hackeschen Höfen angekommen. Zum Schluss geht es noch auf einen Kaffee ins Ben Rahim. Ihr Lieblingscafé zeigt, dass sie eine ist, die zwischen den Welten und den Zeiten problemlos wandeln kann. Hier gibt es „Third Wave Coffee“, den man auf Englisch bestellt. Nicht ganz heiß, leicht säuerlich. Zu Hause macht sie sich den Kaffee noch nach DDR-Art, indem sie einfach Kaffeepulver mit heißem Wasser aufgießt. Schall blickt von drinnen auf die Straße. „Als ich klein war, sind hier noch Kohlekutschen herumgefahren“, sagt sie. Dann muss sie wieder los, zur Probe ins Schillertheater. „Es ist wieder Leben in dem alten Kasten“, freut sie sich. Und verschwindet. Schwarz zu grau.

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