Stadtstrategie 2030 : Das Berlin-Bashing nervt

Weshalb wir ein Berlin-Forum brauchen – ein Gastbeitrag von Wolfgang Kaschuba, Barbara John, Ulrike Kostka, Cornelia Poczka, Jörg Richert, Klaus Kohlmeyer.

Berlin. Blauer Himmel rahmt den Fernsehturm ein.
Berlin. Blauer Himmel rahmt den Fernsehturm ein.Foto: dpa

Der Senat arbeitet gegenwärtig an seiner Stadtstrategie 2030. Das kann nicht falsch sein. Denn das Tal der Tränen wie des Trans, in dem sich die neuernannte und verwirrte Hauptstadt so lange befand, liegt hinter uns. So muss sich der Blick nach vorn richten, in die Zukunft einer wachsenden und attraktiven Metropole mit einer diskutierenden und aktiven Öffentlichkeit.

Dafür jedoch wird eine politisch und administrativ entwickelte Stadtstrategie allein zu wenig sein. Eine breitere Mobilisierung der Stadtgesellschaft und ihrer öffentlichen Beratungsformen muss her, um Stadtgesellschaft und Stadtpolitik in einem kontinuierlichen Wissensaustausch und Verhandlungsmodus enger zu verzahnen. Jenseits von Bürger- und Bezirksegoismen und diesseits von politisch-administrativem Ressortdenken.

Die um die Stiftung Zukunft Berlin herum gruppierte Initiative „Berlin-Forum“ hat den im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien und dem Senat ein Konzept vorgeschlagen, das diesen Weg eröffnen und beschreiten soll. Es geht dabei um neue dezentrale wie zentrale, um analoge wie digitale Beratungsformen, die besondere Potenziale wie kritische Schwächen in der Entwicklung Berlins gemeinsam ausleuchten und sie dann fördern wie korrigieren sollen. Um Formen, die Berlins Stadtgesellschaft nicht als zerstrittene und egoistische Lobbyistengruppen auftreten lassen, sondern die bekannte wie bislang eher unbekannte Stimmen und Erfahrungen der Stadtgesellschaft hörbar machen. Und um Formen, die sie „zueinander“ bringen, die ihre Anliegen also in den städtischen Gesamtzusammenhang stellen. Das macht auch Kurzsichtige manchmal weitsichtig.

Weder Klientel- noch Parteipolitik

Gerd Appenzeller hatte im Tagesspiegel vom 9. August mit großer Sympathie über diese Initiative berichtet. Freilich auch mit dem leisen Hinweis, dass in der Berliner Politik – trotz grundsätzlicher Zustimmung – noch gewisse Reserven spürbar seien. Wir seien nach Diktion und Position eventuell doch etwas „professoral“ und – so hat das niemand gesagt, aber vielleicht doch gemeint – vielleicht „elitär“, hörte er raunen.

Auch darüber ist gewiss zu reden. Wir sehen es naturgemäß deutlich anders und bekennen uns daher in beiden Fällen „nicht schuldig“. Denn professoral meint wohl: den Dingen enthoben – und elitär: den eigenen Interessen verpflichtet. Dass beides nicht zutrifft, dass genau umgekehrt die Anker unseres Forum-Projekts bis tief in die Stadtgesellschaft hinein reichen, das belegen sowohl die einzelnen Akteursbiografien wie die Auswahl unsere Kooperationspartner. Paritätischer Wohlfahrtsverband und Industrie- und Handelskammer, Verdi und Landessportbund, Handwerkskammer, Evangelische Kirche und BUND: Da ist schon viel Berlin versammelt. Da muss auch niemand mehr etwas werden. Und da wird keine Klientel- oder Parteipolitik betrieben.

Vielmehr werden damit bereits erste Koalitionen und Kooperationen deutlich, die auf die Breite der Verbindungen in die Stadtgesellschaft verweisen. Und die verdeutlichen, dass hier keine neuen Theorie- und Palaver-Runden unter der urbanen Dorflinde veranstaltet werden sollen. Vielmehr sollen mit dem Berlin-Forum neue Pfade geebnet, neue Brücken gebaut und neue Plätze angelegt werden hinein in die sozialen Lebenswelten der Berliner Stadtlandschaft: als ein neues gesellschaftliches und politisches Wegenetz zugleich.

Man will dabei sein

Dafür sind die Zeit und die Stadtgesellschaft einerseits nun reif. Und es ist andererseits auch höchste Zeit. Denn das immer noch schwer angesagte Berlin-Bashing nervt. Das von drinnen – und mehr noch das von draußen. Etwa von älteren Herren aus Politik und Medien, aus dem Alster- wie dem Alpenvorland, denen der Berliner Alltag offenbar grundsätzlich fremd und ein Rätsel bleibt.

So hat Jan Fleischhauer auf „Spiegel online“ liebevoll getitelt: „Leben in Berlin. Das Venezuela Deutschlands“. Und im Text beschreibt er Berlin als eine Art Bananenrepublik, in der nur die Grundregel funktioniert, dass nichts funktioniert. Sein Berliner Pannentagebuch liest sich dann auch recht flüssig und süffig. Ja – Pannen haben wir in Berlin. Schön wäre es aber auch, wenn das Feuilleton des „Spiegel“ wenigstens ab und an etwas mit dem zu tun hätte, was das wirkliche Leben der Stadt ist.

Denn im wirklichen Leben zwischen Wedding und Neukölln überleben doch noch bemerkenswert viele Menschen und Anliegen in Berlin. In kaum einer anderen Stadtgesellschaft blüht neben viel Unsinn auch so viel Sinn auf: in Gestalt von Ideen, Initiativen, Interventionen. Tausende bürgerschaftliche Aktionen und Organisationen halten eine Stadtgesellschaft an einem Leben, in das es doch auch erstaunlich viele hinzieht. Die kommen nicht unbedingt wegen der Schönheit des Kanzleramtes oder des Alexanderplatzes, sondern weil sie dabei sein und mitmachen wollen: bei einer offensichtlich doch ziemlich attraktiven „Hauptstadtgesellschaft“.

Denn sie ist es, die vor allem junge Leute anzieht. „Ich kann hier alles machen“ und „Ich kann hier alles werden“: Das sind die beiden häufigsten Antworten von Neuankömmlingen auf die Frage: „Warum Berlin?“ Der erste Satz handelt von der Freiheit der Stadt, von uns. Der zweite von ihnen selbst, von ihrem Lebensentwurf. Das einschränkende „fast alles“ denken sie wohl unausgesprochen mit. Venezuela kennen sie auch von zuhause…

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