Mit Späti und Sportclub

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Stadtstrategie 2030 : Das Berlin-Bashing nervt
Berlin. Blauer Himmel rahmt den Fernsehturm ein.
Berlin. Blauer Himmel rahmt den Fernsehturm ein.Foto: dpa

Sie schauen etwas genauer hin. Für sie sieht Berlin nicht mehr nur nach Metropole aus, sondern längst auch nach Nachbarschaft und Lebenswelt im Kiez. Mit Späti und Straßencafé, mit Kieztreff und Quartiersmanagement, mit Sportstudio und Club, mit Museum und Moschee. Mit vielen neuen Orten und Räumen also, die es vor 20, 30 Jahren so noch nicht gab, in denen heute jedoch urbanes Leben in neuer Dichte und Intensität pulsiert. Besonders gern auch draußen mit Spaziergängen und Open-Air-Konzerten, mit dem Sitzen, dem Kaffeetrinken, dem Feiern und dem Joggen.

Vor allem aber staunen die Neuen auch über die geradezu explosionsartig angewachsene Zahl der bürgerschaftlichen Akteure und Initiativen, die in den Berliner Kiezen und Quartieren aktiv sind. Zum klassischen Spektrum zivilgesellschaftlich engagierter Gruppen in Vereinen, Kirchengemeinden und Gewerkschaften sind in den letzten Jahren tatsächlich Tausende neuer Initiativen und neuer Aktiver hinzugekommen. Und sie sind nun fast überall in der Stadtlandschaft unterwegs und präsent. Sie schalten sich ein in Stadtplanungs- wie Verkehrsdebatten. Sie entwickeln eigene Konzepte von städtischem Grün und urbaner Ökologie. Sie kämpfen um Kitas wie Sozialwohnungen im Kiez, kümmern sich um Nachbarn und Geflüchtete, erklären sich zuständig für die Entwicklung und Nutzung der Stadtraumes, für neue Formen der Mitbestimmung und der Teilhabe an Stadtpolitik. Da gibt es dann mitunter gewiss auch Besserwisserei und Übergriffigkeit, doch Parteien und der Senat sollten diesen Schritt der Zivilgesellschaft in die politische Mitverantwortung begrüßen. Und nun vor allem aktiv dabei helfen, dass dieser Schritt möglichst gut gelingt. Dann wird die Zivilgesellschaft tatsächlich zur größten und wichtigsten Ressource der Stadt.

Von Nachbarschaft zu Nachbarschaft

Wir sind erst am Anfang: Da ist die ausgeprägte Unterschiedlichkeit und Unübersichtlichkeit der Organisationen, Gruppen und Initiativen, in denen alles vertreten ist von lokalen bis zu globalen Themen, von moralischen bis zu politischen Anliegen, von Mini bis Masse. Zudem arbeiten die meisten dieser Initiativen nicht professionell miteinander und aufeinander zu, sondern eher „mal so“ nebeneinander her. Vielfach ohne voneinander zu wissen und daher ständig im Begriff, das Rad von Nachbarschaft zu Nachbarschaft immer neu zu erfinden. Gleichgültig, ob es um Schulfragen oder Straßenreinigung, um Radwege oder koloniale Straßennamen geht.

Das ist der Sinn der Zusammenarbeit zwischen Gesellschaft und Politik, die das Berlin Forum will: dass dieses bürgerschaftliche Wissen und zivilgesellschaftliche Engagement mit dem verwaltungsmäßigen Know-how und dem politischen Entscheidungsprozess zusammentrifft. Es geht neben Lob und Kritik, neben Themen und Chancen also vor allem auch um eine neue Kultur gesellschaftlicher Debatten und Prozesse, um neue bürgergesellschaftliche Wege und Formate der gemeinsamen Beratung und der politischen Entscheidung.

Nirgendwo gibt es dafür bessere Voraussetzungen als hier und heute, in Berlin. Denn nirgendwo legt die zivilgesellschaftliche Aktivität so entschieden die Probleme wie die Chancen städtischer Entwicklung offen – und bietet sich zugleich als Partner für Lösungen an. Hier kann das Berlin-Forum entscheidend dabei helfen, neue Redeweisen und neue Denkstile entwickeln. Nicht professoral und elitär, sondern als gemeinsamer Treffpunkt und fester Ort der Stadtgesellschaft Berlins.

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