• Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen: Frauen werfen Hubertus Knabe sexuelle Belästigung vor

Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen : Frauen werfen Hubertus Knabe sexuelle Belästigung vor

Der ehemalige Leiter der Stasiopfer-Gedenkstätte musste wegen Sexismusvorwürfen gehen, die seinen Vize betrafen. Jetzt gerät er selbst unter Verdacht.

Unter Führung von Hubertus Knabe habe eine frauenfeindliche Arbeitsstimmung geherrscht, sagen Mitarbeiterinnen.
Unter Führung von Hubertus Knabe habe eine frauenfeindliche Arbeitsstimmung geherrscht, sagen Mitarbeiterinnen.Foto: Tim Brakemeier/dpa

Auch gegen Hubertus Knabe werden nun Sexismusvorwürfe erhoben. Mehrere Frauen werfen dem entlassenen Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen nach Tagesspiegel-Informationen sexuelle Belästigung vor. Es geht um Äußerungen von Knabe, die sogar noch im Frühjahr 2018 gegenüber Mitarbeiterinnen gefallen sein sollen – also nachdem er bereits zum wiederholten Male über Sexismus-Vorwürfe gegen seinen Stellvertreter Helmuth Frauendorfer informiert worden war.

Politisch sind die Vorwürfe brisant: Denn von mehreren Seiten war die in der vergangenen Woche vom Stiftungsrat der Gedenkstätte beschlossene Entlassung des Direktors heftig als durchsichtiges politisches Manöver kritisiert worden, angeblich gesteuert von Kultursenator Klaus Lederer (Linke), um den politisch unliebsamen und unangepassten Knabe loszuwerden. Sogar von einer Intrige war die Rede. Es gebe keine belastbaren Vorwürfe gegen ihn, Knabes Rausschmiss sei politisch motiviert, hieß es.

Dabei hatte der Stiftungsrat deutlich gemacht, warum Knabe gekündigt wurde. Das von Lederer geführte Gremium entschied in der vergangenen Woche: Der Stiftungsrat habe kein Vertrauen in Knabe, dass dieser „den dringend notwendigen Kulturwandel in der Stiftung einleiten wird, geschweige denn einen solchen glaubhaft vertreten kann“. Im Stiftungsrat sitzen auch eine Vertreterin von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), aber auch der Vertreter der Opferverbände Dieter Dombrowski (CDU), Vize-Präsident des Landtags Brandenburg. Beide haben den Rausschmiss mitgetragen.

Ein Klima der Angst

Eine Anwältin hatte zuvor im Auftrag der Kulturverwaltung nach Gesprächen mit Frauen, die im Juni die Belästigungsvorwürfe erhoben haben, ein Gutachten erstellt. Das soll nicht nur Helmuth Frauendorfer, sondern auch Knabe belasten. Grütters sagte dem Deutschlandfunk: „Die Vorwürfe wären unseres Erachtens ohne eine Kultur des Wegschauens oder auch des Deckens dieser Vorgänge und des stillschweigenden Akzeptierens in der Gesamtleitung nicht möglich gewesen.“ Aus Sicht des Stiftungsrates hat Knabe ein Klima der Angst an der Gedenkstätte zu verantworten, sodass sich betroffene Frauen an den Stiftungsrat gewandt hatten – und eben nicht an die Leitung oder an den Personalrat.

Die neuen Sexismus-Vorwürfe gegen Knabe selbst spielten für den Rausschmiss aber noch keine Rolle. Dass er vorerst beurlaubt wurde, bis seine Kündigung zum 30. März 2019 wirksam wird, begründete der Stiftungsrat mit internen Ermittlungen. Dabei ging es nach Tagesspiegel-Informationen aber auch um den Schutz von Mitarbeiterinnen.

Vor zwei Wochen waren Beschwerden über strukturellen Sexismus in der Gedenkstätte und Belästigungsvorwürfe gegen Knabes Stellvertreter durch einen Bericht des rbb bekannt geworden, ein Anwalt räumte sogar Fehlverhalten ein. Vor der Enthüllung sind laut Senatsverwaltung sechs Frauen, die Anfang Juni ermutigt durch die „#MeToo“-Debatte einen Beschwerdebrief an Lederer und Grütters geschrieben haben, sowie zwei weitere Frauen angehört worden.

Danach meldeten sich nach Tagesspiegel-Informationen weitere Mitarbeiterinnen bei der Kulturverwaltung, die Knabe sexistische Äußerungen und Belästigung vorwerfen. Die Sache wird aber noch mit höchster Zurückhaltung behandelt. Mehrere Versuche auf verschiedenen Kanälen, mit Knabe Kontakt aufzunehmen, um ihn mit den Vorwürfen zu konfrontieren, schlugen fehl. Ein Sprecher der Senatskulturverwaltung wollte „zulaufenden Verfahren und personalrechtlichen Einzelangelegenheiten keine Angaben machen“.

"Eine Kultur des offenen Sexismus“

Auch andere frühere Mitarbeiterinnen erheben Sexismus-Vorwürfe gegen Knabe. Demnach soll auch er körperlichen Kontakt zu jungen Mitarbeiterinnen gesucht haben. Die Zustände in der Gedenkstätte beschreibt die frühere Mitarbeiterin als „Abhängigkeitskultur“ – und Knabe sei ein Teil davon gewesen. Als Frauendorfer zum Vize-Direktor wurde, habe nach ihrem Eindruck „eine Kultur des offenen Sexismus“ Einzug gehalten, die von Knabe nicht unterbunden worden sei.

Der strukturelle Sexismus soll auch wiederholt Thema in Experten- und Beraterkreisen gewesen sein. Nach dem Eindruck der früheren Mitarbeiterin soll in der Stasi-Gedenkstätte ein Frauenbild vorgeherrscht haben, wonach diese vor allem bei Veranstaltungen, top gestylt und angezogen, „als Farbtupfer“ fungieren sollten. Sie habe Knabe als jemanden erlebt, der sich Menschen gefügig gemacht habe. Es habe bei Knabe „etwas Diabolisches“ mitgeschwungen. Nicht nur diese frühere Mitarbeiterin äußert sehr deutlich die Ansicht, dass Hubertus Knabe schon seit längerem „nicht mehr haltbar gewesen ist“. Warum die Verantwortlichen in der Politik aber so lange tatenlos zugesehen hatten, ist zumindest für sie absolut nicht nachvollziehbar.

Ein strukturelles Problem

Politisch bleiben die Vorgänge ohnehin ein Streitfall, gerade in der CDU, obwohl Kulturstaatsministerin Grütters selbst als treibende Kraft in dem Fall gilt. Zur Erinnerung: Mitte Oktober 2017 war die „#MeToo“-Debatte durch Sexismusvorwürfe in der US-amerikanischen Filmbranche entfacht worden – auch in Deutschland. Nun geraten nach publik gewordenen Übergriffen bei Filmdrehs oder im Theater andere Kulturinstitutionen in den Blick.

Grütters sagte dem Deutschlandfunk, was sie von einer modernen Führung in diesen Bereichen erwartet: „Ich glaube, Sie müssen Empathie haben, und Sie müssen so souverän und auch mit einem Wertefundament ausgestattet sein, dass Sie gar nicht erst in die Versuchung kommen, eine Machtposition Frauen oder anderen Untergebenen gegenüber auszunutzen." Die Kulturstaatsministerin sieht grundsätzliche Probleme: In diesem asymmetrischen Machtverhältnis seien es keine Einzelfälle, „sondern da liegt ein strukturelles Problem“. In Deutschland werde sich auf Führungskompetenz verlassen, die es aber häufig nicht gebe.

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