Künstlerhaus Bethanien, Kreuzberg

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Steigende Mieten : Häuserkampf in Berlin

Künstlerhaus Bethanien, Kreuzberg. „Vokü – Essen gegen Spende“. In der Druzbar-Volksküche, im Seitenflügel des Künstlerhauses Bethanien in Kreuzberg, kocht ein rothaariges Mädchen rotes Curry. Es läuft Ska, die Wände sind voller Sprüche, „Kein Mensch ist illegal“, „Mieten runter“, „Rauchen grenzt aus“. Rauchen ist nur im Gang erlaubt. Vor der Küche warten etwa 20 junge Menschen, viele Rastas, viele Tattoos, viele Piercings. Der „Soli“, den sie heute fürs Essen gegeben haben, ist für Antigentrifizierungsaktionen bestimmt, „Repressionsgelder“ sollen damit bezahlt werden, also Geldstrafen, zu denen gefasste Täter verurteilt wurden. Frage an die Wartenden: „Für welche Aktion ist der Soli heute?“ Schulterzucken. Keiner weiß Bescheid. „Soll wahrscheinlich auch keiner wissen“, mutmaßt eine junge Frau. Schließlich flüstert die rothaarige Köchin, es gehe um Aktionen „während der langen Nacht der Hausbesichtigungen“. Aber mehr will sie nicht sagen.

Berlin ist nicht die einzige Stadt, in der das Problem besteht

Das Internetportal Immobilien-Scout-24 hatte im Oktober 2011 zu einem „exklusiven Streifzug durch das Immobilienangebot der Hauptstadt“ eingeladen. Linksautonome riefen daraufhin zur „Langen Nacht der Hausbesetzungen“ auf, nervten die Makler, schrieben Sprüche an Wände, warfen Eier auf die Shuttlebusse, die vom Alexanderplatz zu den Wohnungsbesichtigungen fuhren, legten sich mit Polizisten an. Nachdem das Curry alle ist, zeigt das Mädchen mit den roten Haaren einen Film. Mit ernster Miene sagt sie: „Passend zum Soli habe ich einen Dokumentarfilm über Gentrifizierung ausgesucht.“ Licht aus, Film ab. Die Geschichte spielt in Columbus, Ohio. Ein paar Schwule und Lesben kaufen Häuser in einem Viertel, in dem bisher nur Afroamerikaner lebten. Kurz bevor die Homosexuellen zuziehen, wurde das Viertel unter Denkmalschutz gestellt, seitdem müssen die Besitzer ihre Häuser besser in Schuss halten und höhere Steuern zahlen. Ergebnis: Das Wohnen wird viel teurer. Die Schwarzen machen dafür die zugezogenen Homosexuellen verantwortlich. Die Zuzügler werfen den Schwarzen wiederum vor, dass sie ihre Häuser nicht instand halten und dass im Viertel zu viel eingebrochen wird.

„Wollt Ihr drüber diskutieren?“, fragt das rothaarige Mädchen, als der Film zu Ende ist. Lange Pause. Schließlich sagt ein Mädchen, „irgendwie kann man beide Seiten voll gut verstehen, schwierig einen Schuldigen auszumachen.“ „Es ist ja nie leicht, einen Schuldigen auszumachen“, antwortet die Rothaarige. Pause. „Was hätten sie tun können, damit das alles besser abläuft?“, fragt ein Junge. „Sie hätten sich zusammensetzen und miteinander reden können“, antwortet ein Mädchen. Die Rothaarige nickt. Mit dem Tagesspiegel wollte über das Thema übrigens kein linkes Bündnis offiziell sprechen.

Am Ende dreht sich alles um das Geld

Im Seitenflügel des Künstlerhauses Bethanien diskutieren die Linken noch eine Weile über die Gentrifizierung im Film. Am Ende sind die Schuldigen dann doch ein wenig klarer definiert. Da ist die Immobilienmaklerin, die irgendwann im Film sagt, „Ich mag Kapitalismus. Am Ende dreht sich alles immer nur ums Geld. Deshalb bin ich hier“. Und da sind die Politiker, die das Viertel unter Denkmalschutz gestellt haben, – „vielleicht zusammen mit der Immobilienmaklerin?“ – nicht etwa, um alte Gebäude zu schützen, sondern um die Gegend aufzuwerten.

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