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Stellenabbau in Berlin : Wut, Sorge, Frust: Siemens-Mitarbeiter gehen auf die Straßen

Vor einem Jahr feierte Siemens mit viel Bohei Jubiläum in der Heimat - nun müssen Hunderte vor Weihnachten um ihren Job bangen. Ein Demo-Besuch.

Raus auf die Straßen: die Arbeiter sind in Sorge.
Raus auf die Straßen: die Arbeiter sind in Sorge.Foto: Vooren

Sie sind wütend, sie sind in Sorge. Hunderte Mitarbeiter sind am Freitagvormittag vor die Berliner Siemens-Zentrale im Ortsteil Siemensstadt gezogen - der Heimat des Konzerns. Der Verkehr auf den Straßen kam zum Erliegen - ein Video vom Protest auf den Straßen finden Sie auf unserer Facebookseite von Tagesspiegel Spandau.

"Ich bin seit 17 Jahren bei Siemens, ich fürchte um meinen Job"

Zu den Demonstranten gehört auch Marcel Winkler, 35 Jahre alt, seit dem Jahr 2000 im Dynamowerk angestellt. "Man hat es kommen sehen, dass Stellen gestrichen werden. Aber doch nicht gleich eine drohende Werksschließung! Das ist eine Frechheit!" Er glaubt, dass er "auf jeden Fall" betroffen sein werde. Der Ärger ist groß. "Ich hoffe sehr, dass unser Kampf etwas bringt. Sonst muss ich wohl einen neuen Job finden. Aber ich weiß nicht, wo. Das ist eine Mischung aus Angst vor der Zukunft Wut und Enttäuschung.“

In Sorge: Sabrina Schulz.
In Sorge: Sabrina Schulz.Foto: Vooren

Frust im Westen Berlins: Air Berlin, Osram, jetzt Siemens

Es sind unruhige Wochen für den Industriestandort Berlin: Erst war da die Sorge um den Flughafenstandort durch das Aus von Air Berlin, dann kamen die Nachrichten aus den alten Osram-Werken, jetzt ist die Siemens-Belegschaft gleich nebenan betroffen.

"Ich arbeite gerne hier, aber ...."

Im Protestzug ist auch Sabrina Schulz, 31 Jahre. Sie arbeitet seit mehr als fünf Jahren für Siemens in der Entwicklung. Sie sagt: "Wir haben in den vergangenen Wochen viele Gerüchte schon gehört. Man hätte also ein mulmiges Gefühl. Und einige schlaflose Nächte. Trotzdem haben wir unsere Arbeit so gut wie möglich gemacht. Ich arbeite ja gern hier. Vor einigen Wochen habe ich mal nach anderen Jobs geschaut, aus Sorge. Aber es gibt ja nichts, das ist nicht so leicht. Und wir haben gerade vor anderthalb Jahre. Ein Haus gekauft...."

In Sorge: Marcel Winkler.
In Sorge: Marcel Winkler.Foto: Vooren

"Enormer Widerstand" angekündigt

Der Frust über die von Siemens verkündeten Stellenstreichungen und Standortschließungen hält an. Der Chef der IG Metall Berlin, Klaus Abel, hatte am Morgen dem Konzern im Tagesspiegel "Vertragsbruch" vorgeworfen. Er bezog sich auf Zusagen des Unternehmens aus dem Jahr 2008 zu Standort- und Beschäftigungsgarantien. Sollte der Konzern seine Kürzungspläne wie angekündigt durchsetzen wollen, "muss er sich auf enormen Widerstand einstellen". Abel kündigte "jede Menge Druck" an, unter anderem mit Demonstrationen und der Vorstellung von Konzepten zur profitablen Weiterentwicklung von Standorten.

Nichts geht mehr: Protest vor der Siemenszentrale.
Nichts geht mehr: Protest vor der Siemenszentrale.Foto: Vooren

300 Stellen in Moabit, 570 in Siemensstadt

Siemens hatte am Donnerstag verkündet, in den kommenden Jahren weltweit 6900 Stellen abzubauen, darunter etwa 3300 in Deutschland. Mehrere Standorte sollen ganz geschlossen werden. Wie berichtet sollen in Berlin rund 900 der insgesamt 12.000 Stellen in Berlin gestrichen werden - 300 in Moabit, 570 im Dynamo-Werk in Siemensstadt. In der alten Heimat hat Siemens erst vor einem Jahr groß mit viel Bohei sein 200-jähriges Bestehen gefeiert.

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