Berlin : Stephan Interthal

Generaldirektor Hotel Adlon

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Wenn man wie ich aus München kommt, empfindet man vor allem die Größe Berlins als unglaublich. Das muss man erst einmal begreifen, muss verstehen, welche Probleme auch dahinterstecken. Diese geographische Teilung beeinflusst zum Teil ebenfalls die Hotellerie: So laufen die Hotels hier im Osten wesentlich besser als die im alten Westen.

Als ich Ende 2006 hierherkam, war ich zugegebenermaßen ein wenig enttäuscht: Ich hatte erwartet, dass sich in den vergangenen Jahren doch etwas mehr getan hat, vor allem auf dem Bausektor. Da liegt noch einiges im Argen. Dies wird bereits ersichtlich, wenn man die Friedrichstraße nur mal zwei Blocks weit verlässt. Wir haben doch alle mal gedacht, dass das Gefälle innerhalb einer Generation ausgeglichen sein wird und ein homogenes Stadtbild entsteht. Davon sind wir anscheinend noch ein gutes Stück entfernt. Aber natürlich kann man nur das bauen, was auch bezahlt werden kann. Ich habe nicht den Eindruck, dass hier in Berlin getrödelt wird, aber es wird deutlich, dass die Stadt begrenzte Mittel hat. Dies macht zwar einerseits den Charme der Stadt aus, ist andererseits aber auch Teil des Problems.

Schade finde ich, dass wir in dieser Stadt zu wenig Kongresse haben und als Kongressdestination im Jahr 2007 kaum eine Rolle spielen. Dabei wäre dieser Sektor eine weitere große Chance für Berlin. Ohne einen Anreiz für die Großkonzerne zu schaffen, die alles von sich aus am Laufen halten, werden wir uns immer zwischen Politik, Verbänden, Meetings und touristischem Geschäft bewegen. Hier muss unbedingt mehr getan werden. Denn ob Großkongresse kommen, hängt ja nicht nur von der Attraktivität der Stadt und den Preisen ab, sondern vor allem von der Infrastruktur und den Rahmenbedingungen für die Organisation der Kongresse. Und es gibt nun mal mittlerweile bessere Kongresszentren als das ICC, das ist bekannt. Berlin muss sich im internationalen Wettbewerb besser aufstellen.

Aber generell hat Berlin einen sehr guten Weg eingeschlagen, besonders in den letzten zwei Jahren. Was unbedingt beibehalten werden muss, ist der Enthusiasmus, der gerade mit der Fußball-WM gekommen ist. Dies sollte man nun mit der konsequenten Positionierung Berlins als die Kulturdestination fortsetzen. Opern, Theater, Museen, die phantastische Museumsinsel. Keine Stadt der Welt kann ein solche Vielfalt mit einem derartig überwältigendem Angebot aufweisen. Darauf muss man sich einfach besinnen. bm

Stephan Interthal, 49, stammt aus Wetzlar. Nach einer Ausbildung zum Koch und Hotelfachmann absolvierte er verschiedene Stationen in den USA und Deutschland. 1997 übernahm er als Generalmanager das Budapester Hotel Kempinski Corvinus, wechselte 2004 ins Münchener Hotel Vier Jahreszeiten und ist seit Oktober 2006 Chef des Adlon sowie Regional Director Deutschland der Kempinski AG.

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