Stolpersteine in Berlin-Kreuzberg : Auf der Suche nach Familie Merory

In Kreuzberg wurden Stolpersteine in Gedenken an die Familie Merory verlegt, die Opfer der Nazis geworden war. Dabei lernten sich amerikanische und deutsche Nachfahren kennen.

Sieben Steine, sieben Schicksale. In der Yorckstraße lebte unter anderem Amalie Merory, die Mutter der Familie.
Sieben Steine, sieben Schicksale. In der Yorckstraße lebte unter anderem Amalie Merory, die Mutter der Familie.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Arm in Arm stehen die Schwestern Pamela und Kathrin Durnham vor den Stolpersteinen und weinen. Aus einem Lautsprecher erklingt die Stimme von Nina Simone – „I wish I knew how it would feel to be free“. Viele weitere Verwandte stehen um die Beiden herum und legen Rosen rund um die neu gesetzten Steine. In einem Haus in der Hermannstraße lebten die Vorfahren der Schwestern – ihre Großeltern waren Martin und Ella Merory. Martin Merory gehörte zur Avantgarde der Berliner Schauspielerszene. In den 1920er Jahren war er Mitglied im Ensemble der Zweiten Piscator-Bühne des Theaters am Nollendorfplatz. Das Theater, an dem unter anderem auch Bertolt Brecht arbeitete.

Während der sogenannten „Polenaktion“ im Oktober 1938 wurden im nationalsozialistischen Deutschland mehr als 16.000 Jüdinnen und Juden polnischer Staatsangehörigkeit verhaftet. Unter ihnen die Großfamilie Merory. Am Dienstagnachmittag fanden in Gedenken an die Familie zwei Stolpersteinverlegungen statt. Insgesamt 12 Stolpersteine wurden hierbei an der Yorckstraße und der Hermannstraße in Erinnerung an die Familie verlegt.

Forschungsprojekt zur "Polenaktion" an der FU

Die Nachfahren der Familie Merory leben in Deutschland und den USA. Erst kurz vor der Zeremonie lernten sie sich kennen. „Ein überwältigendes Gefühl“, sagt Klaus Merory. Er wohnt mit seiner Familie in Berlin. „Eigentlich sind wir nur zu viert, aber gestern Abend aßen wir gemeinsam mit 14 anderen Familienmitgliedern.“ Durch ein Forschungsprojekt der Freien Universität zum Thema „Polenaktion“ kam die Geschichte der Familie Merory ans Licht.

In der Yorckstraße wurden sieben Stolpersteine für die Familie Merory verlegt.
In der Yorckstraße wurden sieben Stolpersteine für die Familie Merory verlegt.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Historikerin Alina Bothe betreut Seminare zum Thema an der FU. Zwei ihrer Studentinnen, Christine Meibeck und Lara Büchel, befassten sich ausführlich mit der Familie Merory. „Wir gründeten ein Crowdfunding für unser Projekt zur Geschichte der Familie. Dadurch wurde Pamela Durnham auf uns aufmerksam – es kam zum ersten direkten Kontakt zu Familienmitgliedern“, erzählt Christine Meibeck.

Die amerikanischen Nachfahren der Familie Merory leben in Kalifornien. Für sie waren die Reise nach Deutschland und die Begegnung mit bislang unbekannten Verwandten sehr emotional. „Dank den Studentinnen und meiner Schwester lernte ich nun meine deutschen Verwandten kennen, das ist großartig“, findet Kathrin Durnham. Am vergangenen Freitag ist sie angereist, Sonntag besuchte die Familie das KZ Sachsenhausen, in dem auch ihre Vorfahren gefangen waren.

Vorstellung der Forschungsergebnisse im Centrum Judaicum

Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das an die von Nationalsozialisten verfolgten Menschen erinnern soll.

Finanziert werden Stolpersteine eigentlich durch private Spenden. Seit vergangenem Jahr übernimmt Friedrichshain-Kreuzberg die Kosten für Verlegungen im Bezirk. „Für mich sind Stolpersteine zentraler Bestandteil der Erinnerungskultur“, sagt Clara Hermann, Stadträtin für Finanzen, Umwelt, Kultur und Weiterbildung.

880 solcher Steine gibt es bereits im Bezirk, 50 kommen dieses Jahr dazu. Insgesamt gibt es etwa 6000 Stolpersteine in ganz Berlin. „Die Deportationen während der Polenaktion zerriss Familien. Mit Stolpersteinen und unseren Forschungen möchten wir den Familien ihr geraubtes Wissen zurückgeben.", erklärt Bothe.

Um mehr Geschichte wie diese der Familie Merory bekannt zu machen, werden die Forschungsergebnisse seit dem 8. Juli in der Ausstellung „Ausgewiesen! Berlin 28. Oktober 1938. Die Geschichte der Polenaktion“ im Centrum Judaicum vorgestellt. Die Ausstellung läuft bis Ende des Jahres und umfasst die Geschichte von sechs Familien, die von den Deportationen betroffen waren. Am 29. Oktober, 80 Jahre nach der „Polenaktion“, findet im Judaicum eine Gedenkfeier statt. Bothe erwartet elf Familien und hofft auf Hilfe des Auswärtigen Amtes, um die Reisekosten zu übernehmen.

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