Street-Art-Künstler aus Berlin : Nicht alles nur Fassade

Innerfields malt weltweit Bilder an Häuserwände – in der Ukraine eckte das Künstlertrio damit schon an. In Berlin ist seine Arbeit nun als Teil eines Street-Art-Projekts zu sehen.

’We are’ schmückt momentan eine Fassade in Prenzlauer Berg.
’We are’ schmückt momentan eine Fassade in Prenzlauer Berg.Foto: PROMO/ Nina Kramer

Der Puppenspieler lenkt die Bewegungen zweier Marionetten in einem stilisierten Theater. Alle drei tragen sogenannte Virtual-Reality-Brillen, kurz VR-Brillen. „Wir wollen mit dem Bild Fragen aufwerfen: Was ist real? Wer kontrolliert eigentlich die Realität? Und wer die virtuelle? Wer ist eigentlich der, der spielt?“, erklären Holger Weißflog, Jakob Bardou und Veit Tempich vom Künstlertrio Innerfields ihr Bild. „Schon der Titel – ’We are' – spielt mit dem Klang von ’VR' und gibt gleichzeitig einen Hinweis auf die Aussage“, ergänzt Tempich.

Zu sehen ist "We are" nicht etwa auf einer Leinwand in einer Galerie, sondern auf der Fassade des Hauses Schwedter Straße 30 in Prenzlauer Berg. Das 12 mal 18 Meter große Bild ist Teil des "One Wall"-Projektes des Urban-Nation-Museums aus Schöneberg.

Innerfields bemalt seit 2008 Fassaden in Berlin und anderen Teilen der Welt. „Wir wollten nicht mehr so einfach von der Bildfläche verschwinden", erklärt Bardou die Anfänge des Künstlertrios. Also begannen die drei Berliner, legale Auftragsarbeiten statt illegaler Graffiti an die Häuserwände zu malen.

Holger Weißflog, Jakob Bardou und Veit Tempich (v.l.n.r.) sind das Künstlertrio Innerfields.
Holger Weißflog, Jakob Bardou und Veit Tempich (v.l.n.r.) sind das Künstlertrio Innerfields.Foto: Madlen Haarbach

„In die Auftragsmalerei kamen wir eher zufällig", erzählt Weißflog. Recht schnell entstand dann das Thema rund um Handys und später Smartphones, das sich wie ein roter Faden durch viele ihrer Werke zieht. „Zentral ist für uns der Gegensatz zwischen Natur und Kultur – und die sich anschließende Frage, wie der Mensch mit dieser Natur umgeht", sagt Tempich.

Zum Nachdenken anregen, aus dem Alltag reißen

Die Handys – und nun als Weiterentwicklung die VR-Brillen – symbolisieren die zunehmende Digitalisierung des Alltagslebens. Dabei stellen die Bilder vor allem Situationen dar, die den drei Künstlern in ihrem Umfeld oder auf Reisen begegnen. „Im Prinzip werfen unsere Bilder die Fragen auf, die wir uns selbst stellen", sagt Bardou. „Das ist immer auch ein Prozess der Selbstreflexion, ein Spiegelbild unserer selbst."

So wollen die Künstler nicht nur die Betrachter zum Nachdenken anregen, sondern gleichzeitig auch etwa ihren eigenen Medienkonsum kritisch hinterfragen. Die Bilder sollen nicht unbedingt ein negatives Bild der Gesellschaft zeichnen, sondern stellen vielmehr Momentaufnahmen bestimmter Situationen dar.

„Wir bedienen uns der Mittel der Werbung, um ein Gegenbild zu genau dieser Werbung zu entwerfen und andere Blickwinkel aufzuzeigen", erklärt Tempich. Die nötigen Techniken eigneten sie sich mit der Zeit selbst an, bezeichnen sich als "street educated".

Das Ziel ihrer Arbeiten sei es, die Betrachter über die Aussage gewissermaßen „stolpern" zu lassen: „Die Menschen sollen aus dem täglichen Weg zur Arbeit herausgerissen werden und über bestimmte Situationen reflektieren", sagt Weißflog. So kann auch negatives Feedback zu positiver Resonanz werden: „Wenn etwas in den Leuten passiert, wenn wir Emotionen hervorrufen können, dann ist das ja genau das, was wir erreichen wollen."

Wegen einer Arbeit in der Ukraine musste Innerfields eine Erklärung an den Kiewer Bürgermeister Klitschko verfassen.
Wegen einer Arbeit in der Ukraine musste Innerfields eine Erklärung an den Kiewer Bürgermeister Klitschko verfassen.Foto: Innerfields

Vor einiger Zeit hätte sich etwa ein Anwohner bei ihnen beschwert, nach dem sie ein kapitalismuskritisches Bild an die Fassade hinter einem Kaufhaus gemalt hatten: Nun sei er gezwungen, sich dauerhaft mit der Aussage zu beschäftigen. Nach einer Arbeit in der Ukraine im Dunstkreis der Proteste von 2015 mussten die Künstler gar eine Erklärung an den Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko verfassen, da Anwohner die Aussage des Wandbildes eines sich umarmenden Paares – im Rücken des männlichen Schattens steckt ein Pfeil – als gewaltverherrlichend interpretiert und sich beschwert hatten. Dabei sei die Darstellung als reines Liebesmotiv, der Pfeil als Zeichen Amors gemeint gewesen. Ansonsten blieben die üblichen Kommentare, Wandmalereien seien - wie Graffiti - nur Vandalismus, nicht aus.

Worum es geht: um das Malen

Dabei passt Innerfields gerade seine großen Wandmalereien durchaus der Nachbarschaft an und nimmt Rücksicht auf mögliche Reaktionen. Neben den großflächigen Hausfassaden mit selbst gestalteten Motiven sind die Künstler auch als klassische Fassadenmaler tätig: Sie setzen etwa Werbeaufträge großer Firmen um, teils mit fremden, teils mit eigenen Ideen. Parallel arbeitet jeder an eigenen künstlerischen Projekten, zum Teil auch auf Leinwand.

„Es gibt manchmal Themen, die müssen einfach raus", erklärt Bardou. „Und dann ist es auch egal, wenn sich das fertige Werk später niemand über die Couch im Wohnzimmer hängen will." Denn auch der Kunstmarkt sei ja stark von Angebot und Nachfrage bestimmt, betont Weißflog.

Manchmal müsse man als Künstler aus diesen Zwängen ausbrechen. „Eine Aussage zu transportieren ist uns ein besonderes Anliegen - dafür verzichten wir im Zweifel auch mal auf einen Wochenverdienst", sagt er. Denn im Endeffekt ginge es ja nur um eine Sache: um das Malen. „Wir malen selbst im Urlaub", ergänzt Bardou. „Wir versuchen, überall, wo wir sind, auch etwas von uns zu hinterlassen."

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