Streifzug durch die Hauptstadt : In den Ruinen von Berlin

Berlin ist auch eine Geisterstadt: Verlassene Bauten der vermarkteten Hauptstadt heben den Hipnessfaktor – und provozieren beschleunigte Bürger mit dem Stillstand der Dinge. Ein Streifzug.

Die Ruine der Wiesenburg in Berlin-Wedding. Das stark verfallene Gebäude steht auf einem Privatgelände.
Die Ruine der Wiesenburg in Berlin-Wedding. Das stark verfallene Gebäude steht auf einem Privatgelände.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Zur Geisterstadt gehört die Asylruine. Zwischen Grundmauern ehemaliger Schlafsäle schlagen dicke Bäume Wurzeln. Auf einem Stumpf hockt eine geschnitzte Rieseneule. Nebenan haben Tänzer, Bildhauer und Beleuchtungskünstler Ateliers eingerichtet. Am Bächlein gegenüber stehen Bienenstöcke und ein hoher Jägersitz. Um einen der zwei Schornsteine, mit deren Unterstützung hier vor hundert Jahren für Obdachlose das Badewasser geheizt wurde, streicht eine braune Katze. Außerdem gibt es in der Geisterstadt die antike Eisfabrik, eine rote Backsteinburg, vor der sich eine sandige Abrisswüste erstreckt. Am Rande: ein paar Tipis unter Anarchoflagge, ein bunter Bauwagen. Auf dem Fabrikdach angewehte Bäumchen. Am Schornstein lehnt ein kapellenartiger Bau mit Satteldach und hohen, glaslosen Fenstern.

Die Geisterstadt hat sogar stillgelegte Gleise samt Bahnhöfen, aus denen einst Siemens-Arbeiter zur Schicht hasteten. An einem kleben noch Lettern „BAHNHOF WERNER WE ...K“. Die letzte Bahnhofskneipe, „Café Köpu Bar“, ist zu. Vor vermauerten Aufgängen zwischen blauen Kachelwänden breitet ein Schlüsseldienst sein Depot aus.

Verlorene Orte in Berlin und Brandenburg
Eine alte Zuckerfabrik auf den Dreißiger Jahren in Ketzin an der Havel. Das Gelände mit seinen Industriedenkmälern und Betonsilos soll zu einem neuen Wohn- und Gewerbegebiet werden. - Foto: Rolf Dietrich Brecher (CC: BY-SA 2.0)Weitere Bilder anzeigen
1 von 780Foto: Rolf Dietrich Brecher
17.05.2022 15:45Eine alte Zuckerfabrik auf den Dreißiger Jahren in Ketzin an der Havel. Das Gelände mit seinen Industriedenkmälern und Betonsilos...

Auf dem Bahndamm türmen sich über kaputten Schienen Bohlen und gestürzte Bäume zur Chaoskulisse. Aus dem Schotter sprießen grüne Büsche. Dazwischen Flaschen, Spritzen, eine Unterhose. Ein Tor mit Drahtgitter, Ketten, Schlössern, Eisenstangen, Stacheldraht. Ein Schild: „Achtung Absturzgefahr!“ Ebenfalls verfügt die seltsame Stadt über ein fesches Ballhaus am Spreeufer. Hohe Fensterbögen, der Wintergarten mit schwarzen Platten vernagelt. Im Schaukasten sieht man die Ziegelwand dahinter, im Keller auf rostende Motoren, im Garten auf glaslose Laternen. Ein überkuppelter Pavillon, gestapeltes Gestrüpp. Ziehende Wolken.

Mysteriöse Locations - Hip und ohne Lobby

Zur Geisterstadt gehört außerdem das unüberschaubare Brauereigelände. Kinder und Rucksackabenteurer quetschen sich zwischen den grünen Stäben des Gittertores („Kunden u. Besucher bitte Sprechanlage benutzen“) aufs stadtteilgroße Gewerbeterrain. Bröckelfassaden am Direktionshaus, durch ein Netz gesichert, sind säulengeschmückt. Am Maschinenhaus zersplitterte Scheiben. Auch der monumentale Bürokasten mit pathetisch geschwungener Portalüberdachung ist, mitten im Zentrumsgewusel, Teil der Phantomhauptstadt.

Die Siemensbahn in Bildern - Foto-Update
24. September 2020. Neun Jahre noch, dann soll die Siemensbahn wieder fahren. Die ersten Arbeiten an der Trasse haben bereits begonnen: Es wird geprüft, wie stabil der historische Stahlviadukt noch ist. Bagger holen zunächst den Steinschotter von der Stahlkonstruktion.Weitere Bilder anzeigen
1 von 865Foto: Jörn Hasselmann
24.09.2020 17:0824. September 2020. Neun Jahre noch, dann soll die Siemensbahn wieder fahren. Die ersten Arbeiten an der Trasse haben bereits...

Plakatbeklebte Bretter verdecken die edle Granitverkleidung am Erdgeschoss. Blinde Fenster, runtergelassene Lamellen. Am Hausvorsprung eine dampfende Megakaffeetasse: lädierte Neonreklame. Im Eckenschatten: Schlafsäcke, Matratzen. „Privatgrundstück – Betreten und Schuttabladen verboten – Bundesanstalt für Immobilienaufgaben“, steht auf einem Schild, dazu eine Telefonnummer...

Willkommen in der Ruinenmetropole! Während das neue Berlin mit Durchschnittsarchitektur langweilt und seine schicken Altbauten fürs 21. Jahrhundert aufpeppt, haben jene mysteriösen Locations, die den bedrohten Hipnessfaktor heben, keine Lobby. Gerade hat der Senat mit dem Rückkauf des Spreeparks im Plänterwald die Resozialisierung einer irren Landschaft angekündigt: wo bislang wuchernde Flora, das denkmalgeschützte Eierhäuschen, Rummelplatzfragmente und Urzeitviecher zaunüberwindende Abenteurer anlockten. Freilich prägen die derzeit bestehenden Hauptstadtruinen keineswegs das Panorama der Gemeinde. Sie bilden keinen Geisterkiez, sind zu Dutzenden über viele Bezirke verteilt. Der Asylkomplex „Wiesenburg“ liegt im Wedding, die Eisfabrik in Mitte, die Siemensbahn in der Siemensstadt, das Ballhaus in Grünau, die Bärenquell-Brauerei in Treptow. Das Haus der Statistik, wie der Gigakasten an der Otto-Braun-Straße mal hieß, steht einen Steinwurf vom Alexanderplatz.

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