Streit mit AfD Berlin : Kinderbuchautor wird von Rechten angefeindet

Ahmet Özdemir hat ein Kinderbuch über Integration geschrieben. Seitdem sieht er sich einem Shitstorm ausgesetzt – auch mit der AfD Berlin hat er Streit.

Julia Weiss
In seinem Buch erklärt Ahmet Özdemir Kindern, dass Freundschaft nicht an unterschiedlicher Herkunft scheitern sollte.
In seinem Buch erklärt Ahmet Özdemir Kindern, dass Freundschaft nicht an unterschiedlicher Herkunft scheitern sollte.Foto: Özdemir

Ob seine Tochter ein Problem mit Afrikanern habe, fragt die Lehrerin Ahmet Özdemir vor dem Klassenzimmer. Die Neunjährige weigere sich, neben Mitschülern mit dunkler Haut zu sitzen. Der 42-Jährige erschrickt. Als Sohn türkischer Einwanderer wurde er als Kind selbst oft ausgegrenzt. Deshalb will er seiner Tochter und anderen Kindern vermitteln, dass Freundschaft nicht an unterschiedlicher Herkunft scheitern sollte. Also schreibt er das Kinderbuch „Ali und Anton“. In der Geschichte streiten sich zwei Jungen, weil sie unterschiedlich aussehen – bis sie Gemeinsamkeiten entdecken und Freunde werden.

Özdemirs Tochter hat die Lektion mittlerweile gelernt, allerdings hat der Autor jetzt ein anderes Problem: Seit der Veröffentlichung seiner Buches bekommt er hasserfüllte und fremdenfeindliche Nachrichten über die sozialen Medien. Einige hat er auf seinem Twitter-Profil öffentlich gemacht: Ein User fragt, ob er in seinem Buch Anleitung zum Köpfen gebe. Ein anderer will wissen, ob Anton Ali nicht beim Kofferpacken helfen könne. Özdemir selbst wird als „IS-Krieger“ und „Salafist“ bezeichnet. Die schlimmsten Beleidigungen hat der Kölner Autor zur Anzeige gebracht.

Eigentlich war der Shitstorm in letzter Zeit etwas abgeflaut, sagt Özdemir. Sein Buch gibt es mittlerweile seit einem Jahr zu kaufen. Doch in letzter Zeit bekomme er wieder öfter solche Nachrichten. „Auslöser ist ein Tweet der AfD Berlin. Darin haben sie mir vorgeworfen, Kinderhandel zu tolerieren. Das ist Rufmord“, sagt der Autor.

Hintergrund ist ein Streit auf Twitter. Denn Ahmet Özdemir reagiert in den sozialen Medien nicht nur auf Kritik an seinem Buch, sondern äußert sich auch zur Politik der AfD. So auch am 5. Juli, als der Berliner Landesverband der Partei Folgendes twittert: „Junge Mädchen, noch halbe Kinder, werden von ihren Clans an alte Männer verschachert. Und die Multikultibesoffenen von Rotrotgrün sehen tatenlos zu.“ Daraufhin wirft Özdemir der Partei Hetze vor. Er kommentiert: „Mir wird ehrlich schlecht. Seit wann interessieren Sie sich für Kinder?! Haben Sie nie – Sie hetzen, mehr nicht!“ Dazu die AfD: „Ein Kinderbuchautor, der Kinderhandel toleriert? Krude Vorstellung, wäre das nicht etwas pervers?“

Der Streit geht einige Tage lang weiter. Ahmet Özdemir hält der AfD Berlin vor, dass sich ihre Wähler rassistisch und diskriminierend verhalten. Daraufhin twittert diese: „Kinderbuchautor beleidigt Millionen von Deutsche. Hatespeech im Endstadium.“ Dazu der Hashtag „Erdoganismus“. Das ärgert den Kinderbuchautor besonders. „Ich stehe dem türkischen Präsidenten sehr kritisch gegenüber“, sagt er.

Die AfD Berlin kann die Vorwürfe nicht nachvollziehen. „Herr Özdemir scheint wie besessen von der AfD zu sein“, sagt Sprecher Ronald Gläser auf Nachfrage. „Vermutlich verspricht er sich dadurch eine Steigerung seines Bekanntheitsgrades und seiner Buchverkäufe. Er ist es, der uns ständig angreift und sich im Ton vergreift.“ Und tatsächlich fallen auf Özdemirs Profil unsachliche Äußerungen auf. Zum Beispiel ein Tweet an Beatrix von Storch: „Bea seit wann hast du Ahnung von irgendwas? Bellen bitte draußen, ganz weit weg. Danke!“.

Gegen das Buch „Ali und Anton“ habe die AfD Berlin aber grundsätzlich nichts. Nur seinen eigenen Kinder würde Gläser dieses „multikulti Gutmenschen-Buch“ nicht kaufen, wie er sagt.

Ob Ahmet Özdemir die Bekanntheit, die sein Buch durch Shitstorm und Streit erfährt, nicht auch gelegen komme? „Auf keinen Fall“, sagt er. Er wolle lediglich kritisieren, wie die Partei Stimmung gegen Migranten mache. Er persönlich erfahre das im Alltag immer wieder. Zum Beispiel wenn ihn Verkäufer im Kaufhaus auf Schritt und Tritt verfolgen, nur weil er „nicht deutsch“ aussehe. „Deshalb werde ich weiter gegen Diskriminierung kämpfen“, sagt er. „Damit Kinder miteinander befreundet sein können – egal welche Hautfarbe sie haben.“

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