• Streit um die Kitagebühren: „Elternbeiträge sollten komplett abgeschafft werden“

Streit um die Kitagebühren : „Elternbeiträge sollten komplett abgeschafft werden“

Fehlendes Personal und mangelnde Ausstattung: Für unsere Wahlserie vor den Landtagswahlen in Brandenburg erzählt eine Erzieherin aus ihrem Alltag.

Marion Kaufmann
Kinder-Managerin. Erzieherin Stephanie Löbe aus Cottbus leitet eine Integrations-Kita in ihrer Heimatstadt.
Kinder-Managerin. Erzieherin Stephanie Löbe aus Cottbus leitet eine Integrations-Kita in ihrer Heimatstadt.Foto: Marion Kaufmann

Vor den Landtagswahlen in Brandenburg am 1. September wollen wir wissen, was Wähler bewegt – und Parteien bewegen wollen. Im ersten Teil unserer Wahlserie „Brandenburger Stimmen" geht es um Bildung.

Frau Löbe, über die Situation in den Brandenburger Kitas wird ja oft gesagt: Der Betreuungsschlüssel, also die Anzahl der Erzieher pro Kind, ist zwar deutschlandweit einer der schlechtesten, dafür ist die Betreuungsquote hoch. In Potsdam und dem Umland sind manche Eltern aber der Verzweiflung nahe, weil sie keinen Kitaplatz finden. Wie sieht es in Cottbus aus?

Nicht besser, auch in Cottbus fehlen Kitaplätze. Wenn wir unsere Einrichtung nehmen: Zum neuen Kitajahr, das diese Woche begonnen hat, konnten wir 24 Kinder aufnehmen. Für diese Plätze gab es aber gut 80 Anmeldungen.

Sie leiten eine Integrationskita. Was bedeutet das genau?

Das heißt, dass zehn von unseren insgesamt 102 Plätzen Kindern vorbehalten sind, die einen besonderen Förderbedarf haben. Wir sind ein barrierefreies Haus, können also Kinder im Rollstuhl aufnehmen oder Kinder, die schwere körperliche Beeinträchtigungen haben. Auch Kindern mit geistiger oder emotionaler Beeinträchtigung kommen zu uns.

Damit sind wir mitten beim Thema Inklusion, dem Miteinander von Kindern mit und ohne Förderbedarf, das in Brandenburgs Bildungspolitik noch vor einigen Jahren ein großes Thema war. Nun wird darüber kaum noch gesprochen. Oder täuscht das?

Nein, der Eindruck täuscht nicht. Meine Vermutung ist: Das Thema Inklusion ist in der politischen Debatte wieder heruntergefahren worden, weil man festgestellt hat, welche Bedarfe wirklich dahinter stecken, wenn man den Inklusionsgedanken sowohl in der Kita als auch in der Schule umsetzen will. Man hat bemerkt, dass dafür nicht nur mehr Personal nötig ist, sondern auch speziell ausgebildetes Personal – und das sich Inklusion nicht mal so nebenbei umsetzen lässt.

Bekommen Sie denn mehr Personal für die Betreuung der Kinder mit Förderbedarf?

Jein. Wir haben zwei Heilpädagogen und zwei Integrationserzieher im Team – aber die zählen genau wie ich zu den insgesamt 17 Erziehern im Haus. Wir haben kein zusätzliches Personal, das etwa eine 1:1-Betreuung von Kindern ermöglichen würde, obwohl es nötig wäre. Wenn wir feststellen, dass ein Kind wegen eines bestimmten Krankheitsbildes einen besonderen Betreuungsbedarf hat, stemmen wir das aus unserem Personalbestand heraus. Und wir reden hier mitunter von Kindern, die vom Hals abwärts gelähmt sind oder eine Sauerstoffversorgung brauchen.

Wie viele Erzieher bräuchten Sie denn, um jedem Kind gerecht werden zu können?

Das kann ich gar nicht genau beziffern. Das Problem ist ein anderes: Bei der Personalbemessung werden Krankheit, Urlaub oder Fortbildungen nicht eingerechnet. Zudem gibt es in Brandenburg keine volle Leitungsfreistellung, das heißt, dass ich als Leitung mich fast zur Hälfte als Erzieherin für die Betreuung der Kinder mit einplanen muss, während gleichzeitig viele andere Aufgaben auf meinem Tisch landen. Mehr Erzieher allein lösen unsere Probleme aber nicht.

Wir bräuchten eine einfachere Gesetzgebung, mehr Flexibilität der Sozial- und Jugendämter. Ich erkläre das mal: Ein Kind wird über das Sozialamt eingestuft. Es wird eine schwere geistige Behinderung festgestellt. Es kann aber auch sein, dass dazu auch eine Form von Autismus kommt, die wieder einer anderen Förderung bedürfte. Aber das wird dann nicht berücksichtigt, es zählt nur das eine Krankheitsbild. Es wird nicht geschaut, was das einzelne Kind individuell an Unterstützung benötigt.

Und dann sind schließlich noch 92 Kinder ohne Handicap in Ihrer Einrichtung, die ja auch gut gefördert werden wollen.

So ist es. Insgesamt 102 Kinder mit unterschiedlichsten Voraussetzungen, die zu allen Zeiten optimal gefördert werden wollen. Schließlich legen wir hier die Grundlagen für die Entwicklung, bereiten auf die Schule vor, leisten Bildungsarbeit.

Der Träger Fröbel, zu dem Ihre Einrichtung gehört, hat im vergangenen Jahr mit seiner Selbstanzeige Schlagzeilen verursacht: Weil das Land längere, durch die Berufstätigkeit der Eltern bedingte Betreuungszeiten nicht ausreichend gegenfinanziert, könne der Betreuungsschlüssel nicht mehr eingehaltenwerden. Trifft das auch für ihre Einrichtung zu, haben sie sich an der Kampagne beteiligt?

Ja, das haben wir. Gemeinsam mit unseren Eltern sind wir nach Potsdam gefahren und haben vor dem Landtag demonstriert. Bei uns sind mehr als 95 Prozent der Eltern berufstätig, etwa 30 Prozent müssen ihre Kinder mehr als acht Stunden pro Tag zu uns bringen – bei Öffnungszeiten von 6 bis 17.30 Uhr. Und im neuen Kitajahr wird der Anteil noch steigen.

Ihr Protest hat ja Wirkung gezeigt. Künftig sollen längere Betreuungszeiten auch mit Mitteln aus dem Gute-Kita-Gesetz des Bundes finanziert werden. Aber nicht flächendeckend, sondern nur in den Einrichtungen, bei denen es tatsächlich den Bedarf gibt. Sind Sie damit zufrieden?

Wir freuen uns, dass nun etwas passiert und in der Tat sieht der Bedarf außerhalb der größeren Städte oft anders aus. Da gibt es Oma, Tante, Freundin, die bei der Kinderbetreuung unterstützen. Was nun geplant ist, hilft uns schon, aber das darf nicht das letzte Wort gewesen sein. Es muss weiter darüber gesprochen werden, wie das langfristig geregelt werden soll. Denn für Einrichtungen, die tatsächlich eine hohe Nachfrage nach langen Öffnungszeiten haben, ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Außerdem: Es ist ein Förderprogramm, nicht auf Dauer angelegt. Die Finanzierung der längeren Betreuungszeiten muss im Kitagesetz verankert werden, etwa in dem man doch wieder eine dritte Betreuungsstufe einführt, das Land also den tatsächlichen Betreuungsbedarf komplett ausfinanziert.

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