Berlin : Streit um die „verlorene Generation“

Warum haben junge türkische Männer so viele Probleme? Experten debattierten

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Die Generation der jungen türkischstämmigen Männer hat Schwierigkeiten in der Schule, bei der Jobsuche, auf dem Arbeitsmarkt. Deshalb spricht die türkischstämmige Autorin Necla Kelek in einem umstrittenen und streitlustigen Buch von der „verlorenen Generation“. Über die Gründe der Verlorenheit stritten am Mittwochabend der Rechtsanwalt Nezih Ülkekul und Oberstaatsanwalt Roman Reusch. Zwei Perspektiven auf eine Problemgruppe zeigten sich, aber kein Konsens über Gründe schlechter Integration.

Ülkekul ist ein Beispiel für das Angekommensein eines türkischen Einwanderersohnes in der deutschen Gesellschaft. Der Anwalt arbeitet in einer international tätigen Kanzlei mit Sitz am Ku’damm. Er hat sich so viel mit Einwanderern befasst, dass Friedbert Pflüger ihn im Wahlkampf zum Integrationsfachmann in seinem CDU-Schattenkabinett machte. Doch mit den – zugespitzten – Thesen Necla Keleks, die ihm Moderator Florian Schwanhäußer vorhielt, konnte Ülkekul nichts anfangen. Ist die relativ hohe Straffälligkeit türkischer junger Männer Ergebnis einer lieblosen Erziehung, der Gewalterfahrung in den Familien, überforderter Eltern? All das wollte der Anwalt nicht akzeptieren. Er kam mit der Bringschuld der Mehrheitsgesellschaft: „Wir müssen alle das Gefühl haben, in dieser Gesellschaft akzeptiert zu werden“, sagte er und erinnerte daran, dass nicht jeder Einwanderer mit Integrationsproblemen zum Straftäter werde.

Was auch niemand behauptet hatte, schon gar nicht Oberstaatsanwalt Roman Reusch, der die sogenannte Intensivtäter-Abteilung der Berliner Strafverfolgungsbehörde leitet. Für Reusch hat die Delinquenz der jungen Einwanderer viel mit deren Herkunft zu tun: mit Eltern, die sich nicht kümmern, und damit, dass viele junge Männer Grenzen erstmals durch einen Jugendrichter kennenlernen, mit einer Gewaltbereitschaft, die nicht hinterfragt wird. Doch fast überdeutlich wies Reusch auf zweierlei hin: Die Straffälligen sind im Vergleich zur Gesamtzahl der Einwanderer eine sehr kleine Gruppe. Und: viel problematischer als die türkischstämmigen jungen Männer sind die aus arabischen Großfamilien.

Nicht wenige im Publikum ließen sich auf die Argumente des streitbaren Staatsanwalts ein. Ein türkischstämmiger Sozialarbeiter sagte, es sei falsch, die eigenen Leute unter Artenschutz zu stellen – sie müssten gefordert werden. Eine türkischstämmige Familienhelferin sagte, junge türkische Mütter seien eben oft überfordert. Reusch hielt dem entgegen, dass Mitarbeiter von Jugendämtern aber oft die Tür gewiesen bekämen. Wenn die Eltern Hilfe nicht wollten, dann gefährdeten sie dadurch das Wohl ihrer Kinder. Damit müsse man sie konfrontieren. Nicht jeder, der Integrationsprobleme habe, könne einen Familienhelfer bekommen.

Reusch vermisste so etwas wie ein Bekenntnis der Einwanderer zur Integrationsbereitschaft. Zu anderen Zeiten in andern Ländern, etwa bei den deutschen Auswanderern in Amerika, sei die Integration kein Thema gewesen – weil die Einwanderer damals schnell ankommen wollten. wvb.

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