Streit um Wohnungsbau in Berlin : Gentrifizierung der Gräber in Prenzlauer Berg

In Prenzlauer Berg soll ein früherer Friedhof bebaut werden. Anwohner protestieren. Eine Geschichte über Nazis, DDR, Enteignungen und Gerechtigkeit.

Der Bezirk ließ den Friedhof nach der Wende zur öffentlichen Grünfläche umbauen, die Anwohner fürchten nun um Spielplatz und Aussicht.
Der Bezirk ließ den Friedhof nach der Wende zur öffentlichen Grünfläche umbauen, die Anwohner fürchten nun um Spielplatz und...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Fast totenstill ist es, nur im Hintergrund rumpelt eine Straßenbahn vorbei. Anke Reuther bleibt stehen, „da hinten kommt wieder eine Kita“, sagt sie. Schweigend sieht sie zu, wie die Erzieherinnen den Wagen vor einem Grabstein parken. Die Kinder springen heraus und stürzen auf den von Bäumen umringten Spielplatz zu.

Der Friedhofspark in der Pappelallee wirkt wie ein unberührtes Idyll inmitten der tobenden Großstadt. Doch das grüne Kleinod ist vermutlich das am heftigsten umkämpfte Gebiet der Großkampfzone Prenzlauer Berg. Fast jeder Nachbar will ein Stück davon. In den Wirren der Nachwendezeit ließen sich die Nebenhäuser eigene Zugangstore vom Bezirk bauen, um dort Grillfeste feiern zu können.

Ein Musikstar wollte eine Stadtvilla bis über die Friedhofsmauer bauen lassen. Die Kitas beanspruchen das Gelände als exklusiven Spielplatz, der Bezirk wollte es mehrfach als öffentlichen Park erwerben. Gegen all diese Ansprüche wehrt sich die Freireligiöse Gemeinde Berlin als Eigentümerin seit Jahrzehnten. Doch nun will die Vorsitzende Anke Reuther den Park selbst bebauen. Und die Nachbarn laufen Sturm.

Inzwischen ist die Sache eskaliert

Auf der anderen Seite, am inzwischen versperrten östlichen Parkausgang, sitzen Thomas Reimer und Friedemann Vorbäumen in einem Café. Beide wohnen in der Lychener Straße, direkt vor ihrem Haus soll der Neubau errichtet werden. Reimer hörte vor zwei Jahren von den Plänen und trat daraufhin in die Gemeinde ein. Er ist dagegen, aber nein, er wolle den Verein nicht zerstören, sagt der Fotograf, ihm gehe es um das Interesse der Allgemeinheit.

Hier soll nach Willen der Gemeinde ein Wohnhaus gebaut werden.
Hier soll nach Willen der Gemeinde ein Wohnhaus gebaut werden.Visualisierung: Tsp/US

Inzwischen ist die Sache eskaliert. Mitglieder der von Reimer gegründeten Initiative fühlen sich verfolgt und ausspioniert. Der Vereinsvorstand sieht sich von Reimer bedroht und rief zuletzt sogar die Polizei. Nun hat er Hausverbot, in der kommenden Woche soll er ausgeschlossen werden. „Dabei leiste ich mir nur das Recht einer eigenen Meinung“, sagt Reimer. „Ich bin also eigentlich ein Freidenker.“

Wer unter die Oberfläche des Konflikts blickt, befördert alle erdenklichen Widersprüche und Brüche der jüngeren deutschen Geschichte zutage. Als der erste Dissidentenfriedhof Berlins 1845 als Gegenpol zur Kirche und Keimzelle der Arbeiterbewegung gegründet wurde, da war er noch von Ackerland umgeben. Mehr als eineinhalb Jahrhunderte später liegt er im Herzen eines hochverdichteten und weltweit beliebten Metropolenviertels.

So viel ist seither geschehen, dass die Deutungshoheit über diesen kostbaren Ort und seine bewegte Geschichte kaum noch ohne Anmaßung zu erlangen ist. Die Frage, die sich an so vielen Stellen im Osten der Republik aufwirft, wird hier auf die Spitze getrieben. Kann es nach Monarchien, Diktaturen, Weltkriegen und Republiken, nach Enteignungen, Umwidmungen, Entschädigungen und Verkäufen überhaupt noch so etwas wie Gerechtigkeit geben?

"Wir fühlen uns wie bei der dritten Enteignung"

Ja, zumindest wenn es nach Anke Reuther geht. „Wir sind von zwei Diktaturen zweimal enteignet worden“, sagt die 76- Jährige. „Und wir fühlen uns wie bei der dritten Enteignung.“ Sie meint die Anwohnerinitiative, die nicht nur gegen die Baupläne kämpft, sondern das Grün endgültig zum Stadtpark umwidmen lassen will. „Wenn sie die Verstaatlichung fordern, stellen sie das in den historischen Kontext der vorherigen Enteignungen“, sagt Reuther. „Das ist eine Zumutung für uns.“

Reuther wuchs in Ost-Berlin auf, sie ist die Nichte des SPD-Idols Franz Neumann. Seit 1995 steht die SPD-Politikerin der Gemeinde vor. Sie hat in dieser Zeit kistenweise Akten studiert und die Geschichte der Freireligiösen bis ins kleinste Detail bis zum Ursprung rekonstruiert.

Das Grundstück sei ein aktiver Friedhof gewesen, als es durch die Nazis enteignet wurde. Die DDR habe das Unrecht fortgeführt, 1970 sei der Friedhof ganz stillgelegt worden, um ihn zum Park umzugestalten. 1955 hätten nachweisbar einstige Mitglieder den Verein in West-Berlin wiedergegründet, seit 1998 sei der Friedhof wieder in seinem Eigentum. Und nun wolle er eben wieder selbst darüber bestimmen.

Prenzlauer Berg im Wandel der Zeit
VEB Sekundärrohstofferfassung, 1983. Für eine leere Flasche wurden hier 5-10 Pfennige gezahlt, schreibt uns Ralf Rohrlach. "Für leere Bierflaschen, die keine Sekundärrohstoffe waren sondern Pfandflaschen, gab es 30 Pfennige. Für ein Kilo Altpapier 15 Pfennige. So gab es immer was zu sammeln, was den ganzen 'Schnick-Schnack' der Mülltrennung heute [...] unnnötig machte." Der Laden befand sich in der Senefelderstraße 2, wie uns Leserin Cornelia Neubert versichert. Sie hatte in den 80ern gegenüber in einer Werkstatt gearbeitet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 437Foto: Thomas Graminsky
27.02.2018 14:29VEB Sekundärrohstofferfassung, 1983. Für eine leere Flasche wurden hier 5-10 Pfennige gezahlt, schreibt uns Ralf Rohrlach. "Für...

Das ist aber nicht so einfach, denn der Friedhof ist nun ein öffentliches Gut. „Denkmalschutz gilt in Deutschland“, sagt Friedemann Vorbäumen von der Anwohnerinitiative, der aus Angst vor „Einschüchterungsversuchen“ unter Pseudonym auftreten will. Per Satzung verpflichtet sich die Gemeinde zum Erhalt des Denkmals Friedhofspark. Die Frage aber, was damit gemeint ist, ist der Kern des Streits. Anwohner und Bezirksamt verstehen darunter eine geschützte Grünanlage. Der Verein sieht den Friedhofspark als kulturhistorische Stätte, die er nach 70 Jahren wieder mit Leben füllen möchte.

Die Umwandlung in ein Gartendenkmal Anfang der 90er Jahre erscheint in diesem Narrativ als Fortführung der Enteignung. Während die Anwohner fürchten, der Verein wolle den „ursprünglichen Charakter“ des Parks zerstören, entgegnet der Verein, das sei schon vor langer Zeit geschehen.

"Ist Mülltonnengeklapper besser als Kinderlachen?"

Das Bezirksamt habe den durch Vandalismus und Verwilderung beschädigten Friedhof nach der Wende noch vor der Restitution abräumen lassen, sagt Reuther. Bedeutende Grabsteine seien im Müll gelandet, mit Billigung des Denkmalschutzes. Der habe nach der Umgestaltung zum Park mit Spielplatz erklärt, das Grün sei nun als Unikat unantastbar.

Der Kampf um die paar Quadratmeter Sand mit Schaukel und Wippe portiert den Konflikt ins Hier und Jetzt des Helmholtzkiezes. Seit Jahren liefert sich die Gemeinde einen Kleinkrieg mit Kitas aus der Umgebung. Anfangs habe man Schlüssel für das Tor an der Lychener Straße ausgehändigt, sagt Reuther. Doch bald sei die Lage außer Kontrolle geraten. Kinder seien auf Grabsteinen herumgeturnt, Erzieher nicht eingeschritten, Schlüssel kopiert und weitergegeben worden.

Die Kitas wiederum beklagen Schikanen durch die Gemeinde wie den Austausch des Schlosses und verweisen auf den Nutzungsvertrag mit dem Bezirksamt. Eine Kita versuchte in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) erfolglos, ihr Recht auf den Schlüssel zu erwirken.

Der Kinderladen Domino sieht sich nun selbst bedroht, da sein Bestand von einer geeigneten Freifläche abhängt. Es gehe für 30 Kinder „um eine Existenzberechtigung ihrer Kita“, sagt der ehemalige Kita-Vorstand Alexander Wassiltschenko. „Ist Mülltonnengeklapper besser als Kinderlachen?“, fragt Vorbäumen.

Die vermeintliche Kinderhasserin Reuther zeichnet ein größeres Bild. Der Spielplatz sei schon Teil jener DDR-Planungen für einen städtischen Park gewesen. Dies habe der Bezirk ungeachtet der Restitutionsansprüche nach 1989 weiterverfolgt und damit die „Eroberungssituation“ durch die Anwohner eingeleitet.

Die Biografie wird zur Waffe

2020 läuft der Vertrag für den Spielplatz mit dem Bezirk aus, dort ist der Neubau geplant. „Hier stand mal das Gartenhaus“, sagt Reuther. Dass der Südflügel des Hauses daneben auf einstigen Gräbern errichtet werden soll, hält sie für unproblematisch: „Auch die Kirche lässt auf entwidmeten Friedhöfen Häuser bauen.“

Der Verein betont die Bedeutung des Baus als „ideelle und materielle Grundlage für unsere Zukunft“, wie Anne-Kathrin Pauk sagt, die Reuther bald als Vorsitzende folgen soll. Derzeit hat die Gemeinde 30 Mitglieder, Pauk will sie sichtbarer und größer machen, vor dem Haus soll auch ein Konzertplatz entstehen. „Wir brauchen eine Heimat für unser weltlich-humanistisches Kulturleben, um in die Gesellschaft hineinwirken zu können. Deshalb müssen wir notgedrungen auf das verbliebene Grundstück zurückgreifen.“

Auf der Hauptversammlung habe er davon nichts gehört, sagt Reimer. „Es ging um finanzielle Motive, sie streben Einnahmen von monatlich 5000 Euro oder mehr an.“ Der Bau ist in der Tat als Wohnhaus geplant, das auf 99 Jahre verpachtet werden solle, der Verein will sich darin mietfreie Räume zusichern lassen. Der gedankliche Sprung zum renditeorientierten Investor ist kürzer als ein Spaziergang im Park.

Ein Großteil der Auseinandersetzung dreht sich auf beiden Seiten längst um die Diffamierung des Gegners. Es geht um „Verleumdung“ und „Verrat“, die Biografie wird zur Waffe. Vor ein paar Tagen stießen die Anwohner auf alte Vorwürfe des Journalisten Peter Kratz gegen die Gemeinde, eine „Nazi-Sekte“ gewesen zu sein.

Der Bezirk sah dafür einst keine Bestätigung, Reuther hat auch dazu Ordner voller Papier. Sie holt einen Brief von 1934 heraus, unterschrieben von Hermann Göring. Darin wird die Freireligiöse Gemeinde Berlin als „staatsfeindlich“ verboten und enteignet, da von „Anhängern ehemaliger kommunistischer und sozialistischer Parteien“ unterwandert. „Wir müssen das alles ins Internet stellen“, sagt Reuther. „Sonst kommt dieser ganze Müll immer wieder hoch.“

Wer ist hier der Gentrifizierer?

Die Frage, ob ein derart umstrittenes Gelände überhaupt zum Stadtpark taugt, stellt sich den Anwohnern nicht. „Deswegen kann man doch nicht einfach sagen, da darf kein Kinderspielplatz mehr sein und stattdessen ein langer Wohnriegel“, sagt Vorbäumen. Reimer gibt zu, dass er im Verein keine nationalen oder völkischen Tendenzen erkannt hat. Problematisch sei aber, „dass der Verein sich abschottet und der Vorstand sehr konspirativ arbeitet. Im Wesentlichen ist es eine Frau, die das Grundstück als ihres empfindet.“

Der Verein beklagt im Gegenzug die Respektlosigkeit und Ignoranz vieler Anwohner. Er stellt sie als großkotzige Wessis dar, die sich nicht mit der Geschichte des Ortes befassen, sondern Eigeninteressen durchsetzen wollen, angeführt von Reimer als Sohn eines reichen Hamburger Schnapsfabrikanten.

„Ich will eigentlich keine Klischees bedienen“, sagt Pauk, „aber das sind die Leute, die mit den dicken SUVs vor der Haustür parken.“ Die Kita Domino habe sogar mal dreist gefragt, ob sie ein Stück des Parks für einen Privatspielplatz abkaufen könne: „Sie wollen uns mit ein paar Glasperlen abspeisen, und wir sollen dann die Klappe halten.“

Reimer mag sich nicht als ignoranten Gentrifizierer dargestellt sehen, „ich wohne zur Miete. Wer will denn hier mit einer teuren Immobilie Geld machen? Doch das Gartendenkmal kann man nicht einfach opfern, um den Verein am Leben zu erhalten.“ Er fragt, wo denn überhaupt das Geld geblieben sei, das die Gemeinde durch den Verkauf der angrenzenden Vereinsgebäude vor wenigen Jahren eingenommen habe: „Ich vermutet, dass zumindest ein Teil am Ende in eine Bundesorganisation gelenkt wird.“

Diese Vorwürfe hält Reuther für „eine schwere Lüge. Es fließt kein Geld irgendwohin, das schwöre ich.“ Das Geld sei noch da, „aber auch das ist endlich“. Natürlich habe der Verein auch mit eigenen Fehlern zur prekären Lage beigetragen.

Das Pankower Bauamt wird den Plänen wohl nicht zustimmen

Nach der Rückübertragung 1998 sah sich Reuther zum „Notverkauf“ der maroden Häuser gezwungen, auch weil es keine finanzielle Entschädigung gegeben habe. Das einstige Hauptgebäude, die Bibliothek im Hinterhof und die historische Feierhalle waren weg – heute befindet sich darin das Theater „Ballhaus Ost“.

Übrig blieb der einstige Friedhof, nicht mal komplett. Mitverkauft wurde ein Streifen vor der Feierhalle, auf den der Bezirk beim Umbau verbliebene Grabsteine abgestellt hatte. Die neuen Eigentümer „Pohl & Prym Immobilien“ planen dort eine Café-Terrasse. Unlängst wollten sie in den alten Vereinsgebäuden Lofts mit exklusivem Parkzugang errichten. Weil sie gegenüber an der Lychener Straße aktuell Wohnungen mit Parkblick bewerben und sie für bis zu 7000 Euro pro Quadratmeter anbieten, lehnen sie die Baupläne ebenfalls ab. Die Grabsteine könne die Gemeinde aber gern kostenlos zurückhaben.

Die Gemeinde hat sich einstweilen ein paar Häuser weiter südlich eingemietet. „Aber wir können nicht ewig Miete zahlen, das wäre unser Todesurteil“, sagt Pauk. Bei einer außerordentlichen Versammlung Anfang März sollen die Mitglieder über die Baupläne abstimmen.

Die Anwohner haben deshalb bereits Pankows Bauamt eingeschaltet und die erhoffte Antwort erhalten: planungs- und denkmalrechtlich „wird einer Bebauung des Parkgeländes nicht zugestimmt“, heißt es. Über ihre Beziehungen arbeite Reuther aber daran, den Flächennutzungsplan ändern zu lassen, befürchtet Reimer. Die Initiative will die Causa deswegen in die BVV bringen. Der Bezirk solle das Gelände kaufen, sagt Vorbäumen, mit dem Geld könne der Verein dann woanders bauen, statt den Friedhof zu zerstören.

Eine Glaubensfrage

Im Park ist es wieder ruhig, die Kinder sind weg, ein Handschuh ist dageblieben. Ein Touristenpärchen lugt durchs Tor und freut sich über seine Entdeckung. Ob es die Geschichte dieses Idylls kennt?

Nachbarn gegen Nachbarn, Ost gegen West, Links gegen Rechts, Arm gegen Reich, Diktatur gegen Demokratie, Dissidenten gegen Opportunisten, Gläubige gegen Atheisten, Anwohner gegen Bauprojekte, Nazis, Russen, Genossen, so viele Zeitschichten und Konfliktlinien verlaufen wirr zwischen den stillen Gräbern.

Wer nun Recht hat? Das ist am Ende wohl eine Glaubensfrage.

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