Studio und Kino in Prenzlauer Berg : Von Art House bis Til Schweiger

In Prenzlauer Berg eröffnet an diesem Wochenende eine neue Filmspielstätte. Die alte Brauerei soll tagsüber Studio und abends Kino sein. Wie geht das?

Die neu belebte Alte Brauerei Königstadt in der Saarbrücker Straße in Berlin-Prenzlauer Berg.
Die neu belebte Alte Brauerei Königstadt in der Saarbrücker Straße in Berlin-Prenzlauer Berg.Foto: imago stock&people

Kino kann so ungesund sein. Man lümmelt über Stunden bewegungsarm auf seinem Sessel herum, stopft sich mit klebrigem Popcorn voll, kippt literweise zuckerhaltige Softgetränke oder andere kalorienhaltige Kaltgetränke hinterher, dass jedem Ernährungsberater schon bei dem Gedanken daran schlecht wird. Und was an schadstoffhaltigen Stoffen im Saal verbaut wurde – man will es gar nicht wissen.

Es geht auch anders. Nicht, dass die Zuschauer in der neuen Filmkunststätte „Kino & Bar in der Königstadt“ während der Vorstellungen Turnübungen einlegen dürften. Auch wird es dort wohl nicht nur Mineralwasser zu trinken geben. Aber um die Baustoffe muss man sich nicht sorgen. Ausschließlich wasserlösliche Farben und Klebstoffe habe man eingesetzt, die Verschalung mit dem ätherische Öle freisetzenden Holz der Zirbelkiefer gebaut und mit Hanf gedämmt, schwärmt Harald Siebler, Regisseur, Schauspieler und nun auch Geschäftsführer der Betreiberfirma, der ein etwas sperriger Name verpasst wurde: Gesellschaft für Europäische Film- und Kinokultur in der Königstadt.

Schon wird das Haus als „das erste ökologische Kino Berlins“ angepriesen, lobt es Siebler als „unglaublich gesund“. Wer sich dort 90 Minuten einen Film anschaue oder acht, neun Stunden an einer Postproduktion arbeite, tue tatsächlich etwas für seine Gesundheit.

Tagsüber Studio, abends Kino

Man kann dort in der Königstadt, in einem Neubau auf dem Gewerbehofgelände einer alten Brauerei in Prenzlauer Berg, eben nicht nur Filme gucken, sondern auch fertigstellen. Tagsüber Studio, abends Kino – so beschreibt Siebler das Konzept. Postproduktionen, etwa für Farbkorrekturen, sind dort in 4K-Auflösung möglich, auch empfiehlt man sich für Filmabnahmen, Vor- und Presseaufführungen oder auch Premieren und ähnliche Events. Für deren Spezialpublikum wie auch die abendlichen Normalzuschauer stehen 66 Kinosessel, eine nagelneue Projektions- und Tonanlage und eben die schon im Namen des Hauses hervorgehobene Bar zur Verfügung.

[Die Filmstätte „Kino & Bar in der Königstadt“, Straßburger Straße 55 in Prenzlauer Berg, eröffnet an diesem Sonnabend um 12 Uhr, bei freiem Eintritt mit Kurzfilmen. Das offizielle Filmprogramm startet am Sonntag, 18 Uhr, mit „The Laundromat“. Mehr Infos unter www.kino-bar.berlin.]

Das alte Brauereigelände diente auch zuvor schon als Ort für Kulturelles. So betrieb eine Künstlergruppe eine Zeitlang in den alten Gewölben unter dem Areal die „Galerie unter Berlin“. Dort hatten sie für eine Ausstellung auch mal einen künstlichen See angelegt, dessen Oberfläche wie ein Spiegel Kunstwerke reflektierte. Es gab Klanginstallationen, Fotoausstellungen und bei einer Ausstellung auch mal einen Film zu sehen. Dessen Betrachtung war acht Meter unter der Erde aber weniger komfortabel als es jetzt das Kino über der Erde sein dürfte.

Die neue Filmstätte soll eben nicht nur Kino für die Zuschauer sein, also die letzte Station im Produktions- und Verwertungsprozess, sondern zugleich ein Ort der Kreativen, die zu viel ihrer Arbeit aus der Hand gegeben hätten und dann, wenn ein Film fertig sei, allzu oft wie Bittsteller nach Abspielmöglichkeiten oder gar einem Verleih suchen müssten, wie Siebler klagt.

Breites Angebot für Filmliebhaber

Das neue Kino soll helfen, diese missliche Situation zu lindern, was für das Programm eine Art Spagat zwischen etabliertem Arthouse-Kino und Newcomer-Filmen bedeutet. So beginnt das Programm am Sonntag mit Steven Soderberghs „The Laudromat“ und Stars wie Meryl Streep, Gary Oldman und Antonio Banderas, gefolgt von David Michôds „The King“.

Ab dem 6. November ist das Interfilm-Festival zu Gast, und zur Premiere von „5 Dinge, die ich nicht verstehe“ am 13. November, Debütfilm des Regisseurs Henning Beckhoff, gibt Wim Wenders eine Einführung. Ab 14. November wird dann sogar Martin Scorseses für Netflix gedrehter, im Kino nur limitiert zu sehender Thriller „The Irishman“ gezeigt, mit Robert De Niro in der Titelrolle.

Ein weitgefächertes Filmangebot also, irgendwie passend zum Spektrum der vielen Filmkreativen, die sich in der Umgebung angesiedelt haben, von Wim Wenders bis Til Schweiger. Oder, wenn man so will, von Mineralwasser bis Popcorn, dazwischen vielleicht noch den einen oder anderen, durch die Zapfen der Zirbelkiefer veredelten Zirbenschnaps.

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