Suchtberatung in Berlin : Wie Alkoholiker unter der Coronakrise leiden

Keine Gruppentreffen, keine menschliche Nähe: Für suchtkranke Menschen sind die Kontaktbeschränkungen eine große Gefahr.

Während der Coronakrise haben es Suchtkranke besonders schwer.
Während der Coronakrise haben es Suchtkranke besonders schwer.Foto: Paul Zinken/dpa

Thomas Haustein kennt die Frau seit Jahren, er kennt den Weg, auf dem sie abgestürzt ist, erst schleichend, dann immer schneller. Abitur, Hochschulstudium, aber dann kein Anker im Leben, der bei Krisen stabilisiert.

Immer wieder griff sie zur Flasche, wenn Probleme auftauchten, immer öfter, immer mehr Alkohol floss. Inzwischen, sagt der Caritas-Suchtberater Haustein am Telefon, „ist sie Mitte 50 und wegen ihrer Sucht schwer krank“.

Aber inzwischen hat sie auch einen Anker im Leben gefunden. Menschen, die ihr Schicksal kennen, weil ihr eigenes Leben ähnlich verlaufen ist. „Sie geht jeden Tag in eine Selbsthilfegruppe“, sagt Haustein, „sie zwingt sich, zumindest vor und kurz nach den Treffen nicht zu trinken.“ Ohne die Gruppen, habe sie mal gesagt, wäre sie längst tot. Das war vor dem Ausbruch des Coronavirus.

Aber jetzt beherrscht Covid-19 den Alltag. Jetzt gibt es keine Gruppen im klassischen Sinn mehr. Keinen, den man körperlich spüren kann, keinen, der einem notfalls die Hand hält. Treffen sind verboten. „Wir haben viele Klienten, die sagen, ihnen helfe nur der tägliche Zugang zu den Gruppen. Wenn das jetzt wegfällt ist das für die Betroffenen katastrophal“, sagt Haustein.

Und der Leiter einer Suchtberatung in Friedrichshain-Kreuzberg, der anonym bleiben möchte, sagt: „Das ganze Netzwerk an Hilfseinrichtungen ist zusammengebrochen. Wir haben viele Klienten, die waren trocken und trinken wieder aus Frust, weil sie mit der Situation nicht klar kommen.“

Anonyme Alkoholiker bieten digitale Gruppengespräche an

Alkohol und Corona, eine gefährliche Kombination, eine mit vielen Facetten. Die Anonymen Alkoholiker, die in normalen Zeiten jede Woche 130 Treffen in Berlin organisieren, bieten jetzt Gruppengespräche mit einer Konferenz-App, WhatsApp-Gruppen oder einem 24-Stunden-Dienst an. Hauptsache, der Kontakt bleibt bestehen.

Es gibt viele, die das digitale Angebot annehmen, besser als gar nichts. Doch es gibt genügend Betroffene, die darauf verzichten. Sie haben schlicht die technischen Möglichkeiten nicht. Oder für sie ist eine App kein Ersatz für eine Gruppe, in der die körperliche Nähe zugleich auch seelische Nähe bedeutet.

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Haustein jedenfalls kennt „keinen, der an so einem digitalen Treffen teilnimmt“. Was die Frau jetzt macht, die ohne Gruppen längst tot wäre, weiß er nicht. Er hat von ihr seit Beginn der Beschränkungen nichts mehr gehört.

Aber Haustein weiß wie viele Menschen bei der Caritas anrufen, weil sie sich von der ganzen Situation überfordert fühlen. „Die haben Depressionen oder Angstzustände“, sagt er. „Die erklären, dass sie wieder rückfällig werden oder dass sie noch mehr als früher zum Alkohol greifen.“

Kleine Änderungen bringen Tagesstruktur durcheinander

Während vielen Menschen die Einschränkungen lediglich auf die Nerven gehen, bringen diejenigen mit Suchtproblemen schon kleinste Änderungen ihrer Tagesstruktur aus dem seelischen Gleichgewicht. Die Ämter sind geschlossen? „Da kommen sofort negative Gefühle auf, da resignieren viele“, sagt Haustein. Der Verkauf von Alkohol in Berlin ist in den vergangenen Wochen stark gestiegen.

Zwei feste Gruppen für Klienten bietet die Caritas normalerweise an, dazu kommt eine für Angehörige von Betroffenen. Aber jetzt? „Wir versuchen, den Klienten telefonisch eine Struktur zu geben.“ Und so hängt der Sozialpädagoge Haustein, wie seine Mitarbeiter auch, „täglich bis zu fünf Stunden am Telefon“.

Bei der Caritas melden sich auch entlassene Häftlinge. Sie sind plötzlich auf freiem Fuß, weil ihre Strafe sowieso bald abgelaufen wäre und weil Schutzmaßnahmen in den Gefängnissen schwer durchzusetzen sind. Also durften viele ihre Zellen früher als geplant verlassen.

„Ich bin so frustriert, ich klau jetzt eine Flasche Schnaps“

Nun beginnt für einige von ihnen der nächste Stress. „Die kommen völlig unerwartet nach Hause, wo sie auch nicht unbedingt sofort willkommen sind“, sagt Haustein. Er hatte vor wenigen Tagen einen verzweifelten Mann am Telefon, 35 Jahre alt, gerade entlassen.

Die einzige Idee, die ihm einfiel, war die Rückkehr zu seinen Eltern. Nur wollten die ihn sofort belehren und bekehren, dem Mann war das alles zu viel. Nach kurzer Zeit floh er in eine Notunterkunft in Berlin. Am Telefon erklärte er Haustein: „Ich bin so frustriert, ich glaube, ich klau jetzt eine Flasche Schnaps.“

Auch Katrin Lewkowicz, Psychologin in der Suchtberatungstelle Charlottenburg-Wilmersdorf, hofft dringend, „dass wir bald wieder persönlich mit den Klienten reden können“. Normalerweise haben sie und ihre beiden Mitarbeiter rund 350 Kontakte mit Klienten im Monat.

Jetzt ist die Zahl auf 100 geschrumpft, alle am Telefon natürlich. Gleich geblieben ist allerdings die absolute Zahl an Menschen, die erzählen, dass sie rückfällig geworden sind, weil sie die aktuelle Situation nicht mehr aushalten.

Im Umkehrschluss bedeutet dass, mehr Rückfälle also sonst im Vergleich zu den Gesamtkontakten. „Für viele fällt die Tagesstruktur weg, denen fehlt die Perspektive“, sagt Lewkowicz.

Eine Perspektive ist normalerweise ein Platz im Krankenhaus zur Entgiftung oder ein Therapieplatz. Aber durch Corona ist die Zahl der Krankenhausbetten für diese Alkoholkranken erheblich gesunken. Die Betten müssen für potenzielle Coronapatienten freigehalten werden.

Selbst das jüdische Krankenhaus, das auf Suchtbehandlung spezialisiert ist, nahm zwischenzeitlich nur „akut bedrohte“, also lebensgefährlich verletzte Patienten auf. Andere Krankenhäuser akzeptierten nur Patienten aus ihrem eigenen Bezirk. Inzwischen entspannt sich zwar die Lage in den Krankenhäusern etwas, aber der Normalzustand ist noch weit entfernt.

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Und für viele alkoholkranke Patienten kommt selbst die Entspannung zu spät. „Wir haben viele Klienten, die einen Termin in der Therapie oder im Krankenhaus hatten“, sagt Katrin Lewkowicz. „Die haben gesagt, dass sie bis dahin durchhalten und entweder trocken bleiben oder gar nichts trinken.“

Die Wartezeit auf einen Krankenhaus-Platz dauert auch im Normalfall nicht selten sechs oder acht Wochen, aber wenigstens gibt es ein konkretes Ziel, ein festes Datum. Dieser Termin stellt ein seelisches Gerüst dar. Fällt der Termin weg, bricht das System zusammen.

Beratungsstelle in Friedrichhain-Kreuzberg trifft Betroffene noch persönlich

„Für die Betroffenen“, sagt der Leiter der Beratungsstelle in Friedrichhain-Kreuzberg, „ist so eine Situation frustrierend. Wir führen ja Einführungs- und Beratungsgespräche als Vorbereitung auf die Therapie oder die Entgiftung.“ Gespräche, die Klienten dann oft genug als sinnlos empfinden.

Die Suchtberatungsstelle in Friedrichshain-Kreuzberg ist derzeit die einzige Einrichtung, die ihre Klienten noch persönlich empfängt. „Wir haben viele, die wir schon lange kennen, die stabilisieren wir“, sagt der Leiter der Beratungsstelle. „Die sind froh, dass sie zu jemandem gehen können.“

Zum Beispiel der Mann, der seit 35 Jahren trocken ist. „Aber auch bei dem ist die Gefahr eines Rückfalls riesig“, sagt der Leiter. „Wir haben Leute, die kommen fünf, sechs Mal in der Woche, für die sind solche Treffen absolut stabilisierend.“

Den Verlust der anderen Gruppen können die Mitarbeiter trotzdem nicht ausgleichen. „Es gibt viele, die gerade trocken wurden und jetzt anrufen und sagen, sie würden aus Frust wieder trinken“, sagt der Leiter. Er kann sich solche Sätze nur mit ohnmächtiger Hilflosigkeit anhören. Und seine Antwort ist immer gleich. „Ich erkläre dann: trink weiter. Was soll ich anderes sagen?“

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