Sie litt an Bulimie. Klagte über Mobbing

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Suizid einer 16-Jährigen : Ein Jahr ohne Lea
Pepe Egger
Am Morgen hatte Lea noch ihre Geburtstagskerzen ausgeblasen. Am Nachmittag schrieb die Mutter ihr eine SMS: "Wann kommst Du? Der Kuchen wartet!"
Am Morgen hatte Lea noch ihre Geburtstagskerzen ausgeblasen. Am Nachmittag schrieb die Mutter ihr eine SMS: "Wann kommst Du? Der...Foto: Thilo Rückeis

Dass Lea Stress in der Schule hatte, wussten die Eltern, auch dass sie an Bulimie litt und in der 9. Klasse über Mobbing geklagt hatte. Das sei zwar vorbei gewesen, aber sie habe sich in der Schule einfach nicht mehr wohlgefühlt, sagt Gaby, „vielleicht hätte sich das in einem halben Jahr wieder gegeben“.

Dass sie vieles scheiße fand, bekamen die Eltern zu hören, dass sie ganz anders leben wollte, vielleicht ohne selbst zu wissen, wie. Bei der Greenpeace-Jugend, in der Lea bis vor eineinhalb Jahren war, wurde sie ausgewählt, in der Urania vor 800 Leuten eine Rede zu halten, vor einer Vorstellung der Schneekönigin, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. „Das war das letzte Mal, dass sie eine Leidenschaft hatte.“

Aber einen anderen Teil ihres Lebens hatte Lea vor ihren Eltern verborgen: dass sie zwei kleine Tattoos hatte, selbst gestochene, erfuhren sie erst nach ihrem Tod. Dass sie in eine Clique gekommen war, in der es nichts Besonderes war, harte Drogen zu konsumieren: Speed, Ketamin, LSD, Koks. Dass sie Geschichten ins Internet geschrieben hatte, auf Englisch, mit zwölf oder 13, über ein Mädchen, das alt wirkt, aber jung ist, und über „euch Menschen“ spricht, als zähle sie sich selbst nicht dazu. Oder über ein schwules Liebespaar in Kalifornien, das in den Untergrund geht, aus irgendeinem Grund, und über das es heißt, „Maybe it will be okay. Maybe THEY will be okay.“

„Was für eine Verschwendung“, sagt Gaby, „sie hätte ohne Probleme Schriftstellerin werden können.“

Verborgen hatte Lea auch, dass sie das, was sie später getan hat, irgendwann überlegt und dann beschlossen hatte. Erst hinterher fanden die Eltern auf ihrer Suche nach Antworten ein Notizbuch – und darin eine Art Drehbuch, in dem Lea ihren Suizid vorwegnimmt. Sie hat es zwei Jahre vor ihrem Tod geschrieben.

Der Hund zwingt sie, aufzustehen

Das ist auch einer der Gründe, warum Leas Eltern ihre Geschichte erzählen wollen und zustimmen, dass dieser Artikel erscheint. „Er macht das, was passiert ist, kein bisschen weniger sinnlos“, sagt Manoel, „aber vielleicht hilft er ja jemand anderem.“

Gaby hat Leas Zimmer immer noch nicht betreten. Manoel hat Leas Bett, das sie mit ihm gebaut hatte, weil sie so ein Palettenbett wollte, an einen ihrer Freunde verschenkt. Damit es nicht nutzlos ist. Aber als der Freund kam, um es abzuholen, und er ihm helfen wollte, da konnte er nach kurzer Zeit nicht mehr, wollte nicht mehr mit anderen sein.

Was geholfen hat, in der Zeit? „Unsere Freunde und meine Schwestern“, sagt Gaby, „wir haben uns getragen gefühlt, waren von Anfang nie allein. Und wegzufahren, drei Wochen, auf den Großglockner, nur wir beide und der Hund. Überhaupt der Hund, der einen zwingt aufzustehen, rauszugehen, sich zu bewegen.“ Als Lea verschwunden war, wollte Gaby ein Bild des Hundes mit auf die Flyer drucken. Damit Lea sich meldet, wenn sie ihn sieht.

Als wisse er, worum es geht, steht der Hund jetzt auf, guckt treuherzig, dann drückt er mit der Schnauze gegen die Tür zum Flur, bis sie aufgeht.

Gabys Therapeutin will nicht mit ihrem Namen in der Zeitung stehen, nicht in der Öffentlichkeit stehen, aber sie ist zu einem Treffen bereit, bei einem Griechen um die Ecke, wo man sie kennt. Sie sagt: „Ich bin für die Überlebenden da. Die Trauer ist für die Überlebenden da.“

Ihre Arbeit mit Leas Mutter habe am Anfang nur darin bestanden, sagt sie, sie so weit zu stabilisieren, dass sie sich selbst wieder spürt, Hoffnung schöpft, dass das nicht immer so bleiben wird. Wut auch, die kann Energie geben. Um dann, erst später, die Suche nach Antworten zu unterstützen, das ginge ja am Anfang gar nicht.

Angst, was die Mitmenschen denken

„Jeder Suizid“, sagt die Therapeutin, „ist auch ein Akt der Aggression gegen die Nächsten, und für die ein massiver Angriff auf die eigene Persönlichkeit, die eigenen Werte.“ Umso mehr, wenn es das eigene Kind ist, das sich das Leben nimmt.

Was können die Eltern tun? „Alles rauslassen“, sagt sie. Und die Scham überwinden. Weil sie Angst haben, dass ihre Mitmenschen jetzt denken, sie haben ihre Tochter nicht schützen können. Wieder die Wohnung verlassen, zurückgehen in die Stadt, die ihnen ihre Tochter genommen hat. „Die Scham überwinden, selbst wenn sie in Tränen ausbrechen, bei allen möglichen Gelegenheiten, oder Angst haben, verrückt zu werden, wenn ihnen die Tochter auf der Straße erscheint, ein ganz normales Phänomen“, sagt die Therapeutin.

Die Eltern müssten lernen, mit der Frage zu leben: Was hätten wir tun können? Ohne immer eine Selbstanklage draus zu machen, ein Urteil.

Es ist schneidend kalt, im März, zehn Monate nach Leas Tod. Ihr Grab auf einem Kreuzberger Friedhof hat noch keinen Grabstein. Es ist bloß ein kleiner Erdhügel, unter einem Ahorn, Efeu wächst schon drüber, zwischen Kränzen, Kerzen und verwelkenden Blumen. Eine Elektrokerze hat seit Weihnachten nicht aufgehört zu leuchten.

Gaby und Manoel kommen fast jeden Tag hierher, nicht wie Spaziergänger, sondern zielstrebig bis zu der Stelle, wo Leas Asche begraben ist. Eine Bank haben sie zwischen zwei Bäumen versteckt, zum Draufsitzen, und ein Kerzenlager. Gaby pflückt das welke Laub vom Grab, Manoel zündet neue rote Kerzen an, fragt sich, welcher von Leas Freunden diese oder jene Kerze gebracht hat. Gaby sagt, „ich gehe nicht mehr in unseren Garten, sondern hierher. Das ist jetzt mein Garten“.

Die Abschiedsfeier haben sie abgesagt

Sie haben sich mit den Hinterbliebenen an den benachbarten Gräbern angefreundet, den Eltern eines Jungen, der an Krebs gestorben ist, und denen eines Babys, das die Geburt nicht überlebt hat.

Gaby war inzwischen für ein paar Wochen bei einer Freundin, die Pferde hat. „Das hat geholfen“, sagt sie, „so blöd und esoterisch das klingt, die Pferde, das war irgendwie fast magisch, sie tragen einen, so große Tiere und so sanfte.“

Die Abschiedsfeier, geplant für den ersten Jahrestag von Leas Tod, haben sie abgesagt. Schon bei den ersten Schritten, sie zu organisieren, sagt Gaby, „sind in einem fort die Tränen geflossen. Wir sind einfach noch nicht bereit, für eine Feier, einen Abschied.“

Manoel sagt: „Wir gehen verschieden damit um, wir und unsere Söhne, der eine macht noch mal krass Party, der andere zieht sich zurück, spricht nicht darüber. Jeder trauert auf seine Weise. Aber man kann von außen nicht sehen, wie groß der Schmerz ist.“ Und: „Was wichtig ist, ist, dass wir miteinander reden. Das war vorher schon wichtig, und wenn das jetzt aufhören würde, wäre es fatal.“

Auch er hat einen Therapeuten, aber der sagt, er wisse nicht mehr, was er für ihn tun könne. Er wirke doch, als habe er einen Plan. „Vielleicht wirke ich so, aber ich fühle mich nicht so. Eher wie ein Schatten meines früheren Selbst.“ Vielleicht, sagt er, „sind die Therapeuten bei mir mit ihrem Latein am Ende?“

Die beiden haben sich ein Ziel gesteckt: irgendwann wieder ins normale Leben zurückzukommen, in den Arbeitsprozess. Dinge zum ersten Mal wieder tun, sich dem Alltag im Kleinen aussetzen, Schritt für Schritt. Rausgehen. Abends rausgehen. Es gebe ganz viele Sachen, wo man nicht weiß, wird das jetzt schwierig? Und dann merke man auf einmal, ja, das wird schwierig.

„Ich war vor ein paar Tagen zum ersten Mal wieder beim Zahnarzt“, sagt Gaby, „wo wir seit 25 Jahren hingehen und wo die Lea als kleines Kind schon immer hingegangen ist. Ich bin da angekommen und hab gleich zum Heulen angefangen. Die Sprechstundenhilfe ist dann rumgekommen und hat mich umarmt, total süß, dann ging es, und ich weiß jetzt, das nächste Mal wird es okay sein.“

Der letzte gemeinsame Urlaub war schön

Die beiden verstecken ihre Bank wieder zwischen den Bäumen, sammeln den Abfall zusammen und blicken noch einmal, bevor sie gehen, zurück. „Verrückt eigentlich“, sagt ihre Mutter, „dass man noch sagt: Ciao Lea, zu einem Stück Erde.“

Gaby und Manoel suchen immer noch nach Antworten, nach Anhaltspunkten, in Leas Sachen, bei Leas Freunden, im Internet. War Lea depressiv oder psychotisch? Steckte sie in einer Identitätskrise? Welche Rolle haben die Drogen gespielt? Warum hat sie die Eltern angelogen, Entschuldigungen gefälscht?

„Es bringt nichts, sauer zu sein, auf Lea, das bringt Lea nichts“, sagt ihr Vater. „Aber Lea bringt ja gar nichts mehr irgendwas“, sagt ihre Mutter.

Was ist zwei Jahre vor Leas Tod passiert, wonach sie ihren Suizid als Drehbuch ins Tagebuch schrieb? Ein Freund hatte sich das Leben genommen, als Lea 14 war, das hatte sie beeindruckt. Aber eigentlich dachten die Eltern, dass sie sich nach den Problemen in der 9. Klasse wieder gefangen, ihre Bulimie sich gebessert hatte und sie in der Oberstufe besser mit ihren Mitschülern zu rechtkam. Der letzte Urlaub mit ihrer Familie, zehn Monate vor ihrem Tod, sei schön gewesen, sagt Manoel, Lea war locker, „so wie früher“.

Auch Leas beste Freundin, Zoe, sucht immer noch nach Antworten. Sie glaubt nicht, dass Leas Suizid lange vorher geplant war. Lea, die Kleine, habe einen großen Geist gehabt, einen „extremen Lebensdrang“. „Lea lebte im Moment, ohne an die Konsequenzen zu denken“, sagt Zoe. Sie wollte immer Neues kennenlernen, wollte immer mehr, auch als sie Drogen nahm, und hörte nicht auf die anderen, wenn die sie bremsen wollten. Manchmal fragte man sich, ob die Freundschaft irgendwann ein Ablaufdatum haben würde. „Alle kannten nur eine Version von Lea“, sagt Zoe, „niemand kannte sie ganz. Was sie auch geheimnisvoll machte.“

Ein Geist, zu groß für den Körper

Zoe hat Angst, Lea zu vergessen, ihre Stimme, ihren Geruch. Leas Geist, sagt sie, war vielleicht einfach zu groß für ihren Körper. Ihren Körper, den sie nicht gemocht habe, versteckt habe. „Es ist so schade um sie“, sagt Zoe, „sie hätte so eine starke Frau werden können.“

Manoel sagt: „Ich habe, obwohl ich glaube, dass es nicht so ist, aber ich habe oft das Gefühl, ich habe versagt, meinem Kind gegenüber. Dass ich glaubte, Lea vor vielem schützen zu können, aber sie nicht vor sich selbst schützen konnte.“

„Bei mir geht das noch weiter“, sagt Gaby, „ich glaube, wir hätten sie besser schützen sollen vor der Stadt, vor den Leuten.“ Gaby hat sich die „hanebüchene Ausstellung über die armen Drogendealer im Görlitzer Park“ angeguckt, auch wenn Lea selbst nicht dort Drogen gekauft hatte, sondern eher über Bekannte und Freunde. „Da bin ich hingegangen“, sagt sie, „und hab mir dann im Gästebuch zwei, drei Seiten alles von der Seele geschrieben. Das hat mir gutgetan. Das war so typisch Kreuzberg, es wird einfach hingenommen, dass überall die Drogendealer stehen, und eigentlich sind die auch noch ganz arm. Klar sind die teilweise auch arm, aber die Ausstellung war echt heftig.“

Sie überlegt auch, noch einen Brief an die Schule zu schreiben, an die Lea zu wechseln versucht hatte. „Ich hatte diese Schule angeschrieben, dass sie gemobbt wird und wahnsinnig gerne die Schule wechseln würde. Dann hat mich die Sekretärin dermaßen abgewimmelt, dass ich mir dachte, toll, wie die umgehen mit so einer Problematik.“ Nee, wir haben hier genug Schüler, hätte sie gesagt, wir brauchen so eine nicht, wenn die Noten besser wären vielleicht, aber so ... Bringt es was, die Schule noch mal daran zu erinnern? „Klar bringt es die Lea nicht zurück“, sagt Gaby. Aber vielleicht würde es ihr, Gaby, helfen.

Er besucht den Ort, an dem sie sich erhängt hat

Leas Zimmer hat Gaby noch immer nicht betreten. „Ich dachte, ich nehme mir das vor, nach zehn Monaten“, sagt sie, „aber das wäre ja jetzt und ich kann das noch nicht.“

Manoel hat inzwischen mit seiner Schwester aus Brasilien den Ort noch einmal besucht, an dem Lea sich das Leben genommen hat. „Ich könnte das nicht“, sagt Gaby, „Ich fahr da nicht mehr hin, nicht mal in die Nähe, seitdem, nie mehr in den Bereich Wedding-Gesundbrunnen-Prenzlberg.“

„Wenn ich an den Ort hingehe“, sagt Manoel, „hab ich nicht das Gefühl, dass es ein schlechter Ort ist, im Gegenteil. Ich hab schon mal überlegt, mit der Deutschen Bahn zu sprechen, ob man da nicht etwas anbringen darf, eine Plakette, für Lea.“

„Ich geh da nie wieder hin.“

„Musst du nicht. Aber wenn ich in der Bahn bin, die fährt daran in einem Bogen vorbei, da hab ich immer einen kurzen Moment, so für mich, wo ich weiß.“

Mitte Mai wird endlich der Grabstein für Lea geliefert, ein kleiner Findling aus Granit, halb geschliffen, halb rau und unbehauen. Am Sockel stehen Leas Geburts- und Todestag, 16 Jahre auseinander. Jetzt ist der Ort wirklich zum Grab geworden. „Das war auch nicht ganz einfach“, sagt Gaby, fünf Tage vor dem Ende des ersten Jahres. Die ganze Zeit im Mai und Juni werde wahrscheinlich immer schwierig sein, je näher der Jahrestag rückt, desto beklemmender. „Heute vor einem Jahr zum Beispiel war ich mit ihr noch bei einem Psychiater. Der aber nichts taugte. Danach hat sie mich lange gedrückt, vielleicht war das schon ihr Abschied.“

Gaby und Manoel haben beschlossen, zu Leas Geburtstag, zum ersten Jahrestag, noch einmal zwei Wochen zusammen wegzufahren, zu der Freundin mit den Pferden.

Alle Namen geändert.

Hier gibt es Hilfe

Haben Sie dunkle Gedanken? Wenn es Ihnen nicht gut geht oder Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie sich melden können.

Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.

Weiterhin gibt es von der Telefonseelsorge das Angebot eines Hilfe-Chats. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite. Informationen finden Sie unter: www.telefonseelsorge.de

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