"Syrien? Wow! Nie gehört!"

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Syrischer Autor Aboud Saeed : Als geflüchteter Schriftsteller in Berlin
Aboud Saeed Übersetzung: Sandra Hetzl
Angekommen. Am Tag, als Aboud Saeed nach Deutschland kam, ließ er sich mit Verlegerin Nikola Richter (links) und Übersetzerin Sandra Hetzl (Mitte) am Hermannplatz fotografieren.
Angekommen. Am Tag, als Aboud Saeed nach Deutschland kam, ließ er sich mit Verlegerin Nikola Richter (links) und Übersetzerin...Foto: privat

Ich liebe die Warschauer Straße, jene Straße, die nie schläft, und ich liebe meinen Nachbarn Christian und seine Frau Nina. Jede Woche kochen wir gemeinsam Molochiyeh, ein aus Corchorus-Blättern und Hühner- oder Rindfleisch zubereitetes Essen, und ich habe Nina bereits noch ein paar mehr syrische Gerichte beigebracht. Und das, obwohl sie sich weigert, mir eine Freundschaftsanfrage auf Facebook zu schicken, weil sie in meinem Buch „Der klügste Mensch im Facebook“ (siehe Kasten unten) gelesen hat, dass ich mich in jedes einzelne Mädchen, das mich auf Facebook hinzufügt, sofort verliebe. Doch was soll’s, dafür sind wir im echten Leben Freunde. Wir trinken zusammen Wein und besuchen uns gegenseitig, ohne vorherige Anmeldung. Ich habe den beiden nämlich auch die Tradition des Türenklopfens ohne Termin beigebracht. Wobei ich mir nicht darüber im Klaren war, dass Christian meine Worte wörtlich nehmen würde, als ich ihm sagte: „Mein Haus ist dein Haus. Wann immer du willst, klopf einfach an und komm rein.“ Ich hatte vergessen, dass Christian Deutscher ist und als solcher alles Gesagte für bare Münze nimmt. Mit den Deutschen ist nicht zu spaßen. Dennoch mag ich Christian sehr, und er mag mich auch. Richtig angefreundet haben wir uns, als er mich nach meinem Namen gefragt hat und ich ihm gesagt habe: „Ich werde dir meinen Namen verraten, aber du musst mir versprechen, dass du nicht erschrickst.“ Er versprach es mir, also sagte ich ihm: „Ich heiße Almohammad.“ Worauf wir wie zwei kleine Kinder zu kichern begannen.

Eigentlich heiße ich ja Aboud Saeed, aber als mir der Münchner Kunstverein eine Einladung schickte – damals war ich noch in Syrien –, überquerte ich die syrisch-türkische Grenze illegal. Denn der Kunstverein hatte die Einladung an die Deutsche Botschaft in Ankara geschickt, da es in Syrien aufgrund des Krieges keine deutsche Auslandsvertretung mehr gibt. Ich machte mich also auf zur Botschaft. Dort wollte man diverse Unterlagen von mir, ein hochaufgelöstes Passfoto und eine ins Deutsche übersetzte Kopie meines Personalausweises, beglaubigt von einem türkischen Notar. Und da wir neun Brüder und sechs Schwestern sind, von denen ich der Allerjüngste bin, hatte der Beamte der Meldebehörde in meiner Heimatstadt Manbidsch damals meinen Namen auf den Einband des Familienregisters geschrieben, da im Heft kein Platz mehr dafür war, wegen meiner vierzehn Geschwister. Er schrieb also meinen Namen auf den Hefteinband und bestempelte ihn mit dem Stempel der syrischen Regierung. Und wie das Heft über die Jahre immer abgenutzter und abgegriffener wurde, wurde mein Name immer unleserlicher. Und als ich dann meinen ersten Personalausweis bekam, war mein Name zu „Aboud Saeed Almohammad“ statt „Aboud Saeed Alhamd“ geworden. Mir war das egal. Alhamd oder Almohammad, Meier oder Müller, ist doch eh alles das Gleiche.

Keine Angst, Mama, es ist nichts passiert

In Ankara bereitete ich alle Unterlagen vor und ging damit zur Deutschen Botschaft. Dort gab man mir einen deutschen Fremdenpass. Vom syrischen Staat konnte ich nämlich keinen Reisepass bekommen, da ich meinen Militärdienst nicht geleistet habe. Ich nahm also den Pass mit dem Visum und machte mich direkt auf den Weg zum Istanbuler Flughafen. Bei der Passkontrolle hielt man mich zwei Stunden lang fest, fragte mich nach meiner Nationalität und wie ich in die Türkei gelangt sei. Ich erklärte, dass ich auf illegalem Weg in die Türkei gekommen sei, daraufhin riefen sie bei der Deutschen Botschaft in Ankara an, um meine Aussagen zu überprüfen. Nachdem ich ein zweijähriges Einreiseverbot in die Türkei unterschrieben hatte, ließen sie mich gehen.

Ich stieg zum ersten Mal in meinem Leben in ein Flugzeug und landete in Berlin. Und als ich meinen Asylantrag stellte, sagte ich dem Sachbearbeiter, dass mein Name im Pass falsch geschrieben sei. Ich bat ihn, irgendetwas an meinem Namen zu ändern, damit ich wieder in die Türkei reisen und meine Familie, die inzwischen dort lebt, besuchen kann. Der Beamte tauschte freundlicherweise einfach meinen falsch geschriebenen Nachnamen mit meinem Vornamen aus, und so wurde mein Name „Almohammad Aboud Saeed“.

Jeden Abend gehe ich, Almohammad Aboud Saeed, nun in die Revaler Straße, ganz in der Nähe meiner Wohnung. Dank der ganzen Touristen hat mein Englisch einen enormen Qualitätssprung gemacht. An Samstagen stelle ich mich mit den Menschenmassen in die Schlange vor dem Berghain. Nach mehreren Stunden des Wartens sagt der Türsteher immer zu mir: „No, sorry, have a nice night!“ Doch letzten Samstag schaffte ich es schließlich in den Club, indem ich mich neben einen Mann stellte, der Make-up trug. Keine Angst, Mama, es ist nichts passiert. Sobald wir drinnen waren, war unsere Beziehung beendet. Wir trennten uns, und jeder ging seinen Weg.

In Clubs mag ich besonders diejenigen, die mich fragen, woher ich komme, und die, wenn ich mit „Syrien“ antworte, sagen: „Wow! Nie gehört! Wo liegt das denn?“ Ich habe nämlich auch vergessen, wo Syrien liegt. Ich habe meine Heimat vergessen, Mama. Und wenn du irgendwann hierherkommst, dann gehen wir zusammen ins Berghain. Und dann lernen wir, dass die Menschen die eigentliche Heimat sind.

"Du bist nicht schwarz. Du bist blond und schön"

Wenn ich zu Hause bin, schreibe ich weiter an meinem Roman, für den ich ein Arbeitsstipendium von der Kulturverwaltung des Berliner Senats erhalten habe. Ich träume davon, einen Winkel für mich in einer Tageszeitung zu finden, die für experimentelle Literatur offen ist und für die ich dann regelmäßig schreiben könnte. Ich bin weiterhin in Kontakt mit meiner Verlegerin Nikola und mit Sandra, die meine Bücher ins Deutsche übersetzt hat. Ich hoffe, dass sie auch meinen Roman übersetzen wird und dass wir ihn bei Literaturwettbewerben einreichen und Preise gewinnen werden. Und von dem Geld fahren Sandra und ich dann nach Thailand. Denn immer, wenn ich einen Deutschen treffe, sagt er früher oder später zu mir: „Ich werde nach Thailand reisen.“ Ich will auch nach Thailand reisen, ich bin auch ein Deutscher. Als ich noch klein war und auf die Grundschule ging, zogen mich meine Mitschüler immer mit meiner braunen Hautfarbe auf und bezeichneten mich als „Schwarzen“, was mich damals verletzte und ärgerte. Wenn ich dann niedergeschlagen von der Schule nach Hause kam, strich mir meine Mutter tröstend über den Kopf und sagte: „Du bist nicht schwarz. Du bist blond und schön. Ein Deutscher bist du!“ Und dann sang sie: „Du hübscher Brauner, wie schön du doch bist, du strahlender Mond am höchsten Firmament.“ Denjenigen zum Trotz, die mich als schwarz bezeichneten, kaufte sie mir ein Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft, das die Nummer Neun trug, weswegen meine Geschwister sagten, ich sei Rudi Völler. Davon animiert kickte ich den Fußball hoch und weit, völlig abseits vom Tor.

Ich liebe die Band Modern Talking und kann nicht tanzen. Meine Freundin, die immer um zehn Uhr schlafen geht, will immer mit mir tanzen gehen. Jedes Mal lehne ich ab, und jedes Mal insistiert sie: „Aber warum tanzt du denn nicht? Bist du zu schüchtern?“ Ich erwidere: „Ich kann zwar nicht tanzen, aber ich schaue anderen liebend gerne beim Tanzen zu. Du scheinst außerdem vergessen zu haben, dass ich Syrer bin. Mein Herz ist miesepetrig und mürrisch, wie das Gesicht meines Vaters, der nicht wusste, wie Lächeln geht. Wenn Leute in Syrien ihn loben wollen, sagen sie: ,Er war ein hochanständiger Mann. Nicht ein einziges Mal in seinem Leben hat er gelacht.‘ Aber ich verspreche dir: Eines Tages werde ich tanzen.“

Jeden Winter werde ich zweimal krank

Mama, ich habe dich nicht vergessen. Immer, wenn ich vor dem Spiegel stehe, denke ich an dich. Jedes Mal, wenn ich einen Mantel vom Flohmarkt anziehe, denke ich an dich. Jedes Mal, wenn ich mit der Bankkarte Geld von einem Automaten an der Straße abhebe. Jedes Mal, wenn ein Obdachloser mich um eine Zigarette bittet, erinnere ich mich an dich und stelle mir vor, dass du mir zusiehst. Dann nehme ich eine Zigarette aus der Packung in meiner Jackentasche und gebe sie dem Obdachlosen. Ich wünschte nur, er wüsste, dass ich ihm die Zigarette nicht seinet-, sondern deinetwillen gebe.

Jeden Winter werde ich zweimal krank, und der Apotheker will mir kein Antibiotikum geben und besteht darauf, dass ich ein Rezept vom Arzt brauche. Trotzdem liebe ich den Winter in Berlin, weil im Winter die Sonne so lange wegbleibt. Sonne kann ich nämlich nicht leiden. Wobei die Sonne hier eine richtige Sonne ist. Nicht wie die Sonne in meinem Heimatland. Die gleicht eher einem Stück Plastik, das man an eine mit einer Wetterkarte bemalte Metalltafel gesteckt hat und das der Moderator der Wettervorhersage, der ein staatlicher Angestellter ist, nach Belieben hin- und herschieben kann. Nein, hier richtet sich die Sonne nicht nach den Launen des Wetter-Moderators.

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