• Täglich hunderte Anrufe: Berlins Gesundheitsämter stoßen wegen Coronavirus an ihre Grenzen
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Täglich hunderte Anrufe : Berlins Gesundheitsämter stoßen wegen Coronavirus an ihre Grenzen

Hunderte Anrufe am Tag, Lücken in anderen Bereichen, zu wenig Fachleute: Die Gesundheitsämter kämpfen gegen das Virus – und Hausärzte weisen Patienten ab.

Bereits vor und erst recht seit dem Bekanntwerden des ersten Corona-Falls in Berlin sind Schutzutensilien rar.
Bereits vor und erst recht seit dem Bekanntwerden des ersten Corona-Falls in Berlin sind Schutzutensilien rar.Foto: Foto: Stefan Jaitner/dpa

Berlins Amtsärzte haben sich am Mittwoch zu einer gemeinsamen Runde getroffen, um das weitere Vorgehen bei Covid-19 zu besprechen. Dabei verwiesen die Vertreter aus Reinickendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf auf Fälle von Hausarztpraxen, die Patienten mit Corona-Symptomen abwehren und dies unter anderem mit fehlender Schutzkleidung begründen. „Das ist an der Grenze der unterlassenen Hilfeleistung“, sagte Reinickendorfs Amtsarzt Patrick Larscheid über einen Hausarzt. Dieser nehme damit auch keine Erkältungspatienten mehr an. „Zahllose Leute werden in Reinickendorf von den Hausärzten abgewiesen.“ Ein Aushang aus Reinickendorf zeigt die Vorsicht der Praxen.

Das Gesundheitsamt von Charlottenburg-Wilmersdorf hat ebenfalls Meldungen bekommen, dass mehrere Hausarztpraxen im Bezirk Corona-Verdachtsfälle mit Aushängen abwehren: Sie wollen diese Patienten nicht aufnehmen und untersuchen. Als Grund geben sie fehlende Schutzkleidung an. Im Amt überlegt man, diese Fälle der Kassenärztlichen Vereinigung zu melden, da Ärzte damit gegen ihre Pflichten zur Versorgung verstießen.

In der Tat fühlen sich Hausärzte berlinweit schlecht auf Covid-19 vorbereitet. Eine Neuköllner Hausärztin hat mit dem Tagesspiegel über die Lage der niedergelassenen Ärzte gesprochen und was sie und ihre Kollegen jetzt brauchen, um ihre Arbeit machen zu können – lesen Sie hier ihre Schilderungen.

Die für den Infektionsschutz zuständigen Fachleute aus allen Bezirken außer Tempelhof-Schöneberg waren sich im Vorfeld einig, dass die Gesundheitsämter mehr Personal brauchen, um auf besondere Situationen wie die Ausbreitung des neuen Coronavirus zu reagieren. [Alle Neuigkeiten zu Corona in Berlin erfahren Sie im Liveblog.]

Auch Gynäkologen und Kinderärzte für Gesundheitsämter im Einsatz

Derzeit ziehe man Mitarbeiter aus diversen Abteilungen der Gesundheitsämter zusammen, darunter beispielsweise auch Gynäkologen und Kinderärzte, heißt es aus einigen Ämtern. Bürger müssten mit „Leistungseinschränkungen“ in verschiedenen Bereichen rechnen.

Beispielsweise fallen in Friedrichshain-Kreuzberg die üblichen Einschulungsuntersuchungen und viele Sprechstunden aus. Auch in Marzahn-Hellersdorf wurden Einschulungs- und Kinderuntersuchungen abgesagt.

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Unter besonderer Personalnot leide das Gesundheitsamt Lichtenberg. Für die seit Längerem vakante Amtsleiterstelle sei bisher kein Nachfolger gefunden worden, sagt Ute Geuß-Fosu vom Fachbereich Hygiene und Infektionsschutz, die als kommissarische Leiterin fungiert.

Speziell für den Infektionsschutz habe man außerdem schon vor zwei Jahren eine Stelle ausgeschrieben. Zwei Bewerberinnen hätten nach kurzer Zeit wieder abgesagt – eine davon erst vor Kurzem, als das neue Virus Sars-CoV-2 bekannt wurde.

Das Bezirksamt Mitte will „heute oder morgen“ eine eigene telefonische Hotline zum Umgang mit Covid-19 schalten und dafür vier Mitarbeiter einsetzen. Die Nummer ist noch nicht bekannt. „Wir machen Volldampf und werfen alles in die Bearbeitung“, sagte Amtsarzt Lukas Murajda am Mittwoch.

Fragen und Antworten zum Coronavirus

In Steglitz-Zehlendorf seien die vielen Anfragen per E-Mail und Telefon derzeit „das Hauptproblem“, fügte Amtsärztin Eva Bielecki aus Steglitz-Zehlendorf hinzu.

Charlottenburg-Wilmersdorf plane ebenfalls eine zusätzliche Sonder-Rufnummer, sagte die dortige Amtsärztin Nicoletta Wischnewski. Vereinzelt seien Menschen, die sich als gefährdet einstufen, sogar schon in den Fluren des Amtes am Hohenzollerndamm erschienen, obwohl dieses keine Anlaufstelle für solche Fälle sei.

Allein in diesem Bezirk habe es seit dem 27. Januar 68 Verdachtsfälle gegeben, die meisten wurden negativ getestet, einige wenige Ergebnisse stünden noch aus. Bei 16 Personen wurden Abstriche in ihren Wohnungen vorgenommen. Es gab vier Quarantäneanordnungen und ein Tätigkeitsverbot.

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Amtsärztin warnt vor "übersteigerter Angst"

Wischnewski trägt selbst bei Untersuchungen von Verdachtsfällen Mund- und Nasenschutz, Schutzbrille, Handschuhen, Kittel und schützt sich mit Händedesinfektionsmittel. Im Zusammenhang mit dem Coronavirus nimmt sie in der Bevölkerung aber eine "übersteigerte Angst" wahr. Die Gefährlichkeit vergleicht sie mit der "einer schweren Grippe".

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Täglich melden sich etwa 250 Anrufer beim Gesundheitsamt des Bezirks - da könne es auch mal sein, dass die Leitung der beiden Hotlines besetzt ist, wirbt Wischnewski um Verständnis. Hinzu kämen täglich 30 bis 50 Mails von Bürgern. Bislang habe es um die 30 Anfragen von Veranstaltern gegeben, die Fragen zum Umgang mit Corona hatten.

Amtshilfe in anderen Bezirken

Nachdem am Dienstag eine Corona-Ambulanz an der Charité eröffnet hat, gibt es derzeit auch Pläne für solche Einrichtungen im Bezirk, etwa im Klinikum Westend und im Martin-Luther-Krankenhaus. Eine Sprecherin der Westend-Klinik bestätigte, dass die Ambulanz dort ihre Arbeit in der kommenden Woche aufnehmen soll.

Nach Angaben von Wischnewski verfüge das bezirkliche Gesundheitsamt bei insgesamt 240 Mitarbeitern über drei auf Infektiologie spezialisierte Amtsärzte. Weitere Kräfte könne man nicht mobilisieren, aber im Vergleich zu anderen Bezirken sei man bereits gut aufgestellt, leiste anderswo sogar Amtshilfe.

Coronavirus-Ambulanz der Charité überlastet

Die spezielle Anlaufstelle für Coronavirus-Verdachtsfälle an der Charité kommt offenbar nicht mit den Tests hinterher. Seit 11 Uhr wurden am Mittwoch Wartende abgewiesen, berichtete die „Berliner Zeitung“. Die Pressestelle der Charité konnte dazu zunächst nichts sagen.

Der Andrang bei der Coronavirus-Untersuchungsstelle der Charité ist groß.
Der Andrang bei der Coronavirus-Untersuchungsstelle der Charité ist groß.Foto: Tobias SCHWARZ / AFP

Die neue Untersuchungsstelle hat am ersten Tag rund 100 Abstriche für Tests auf den Erreger genommen. „Die interne Maßnahme hat die Notaufnahmen zwar entlastet, aber die Nachfrage war wie zu erwarten sehr hoch“, sagte eine Sprecherin. Am Mittwoch habe der Andrang bislang nicht abgenommen. Sie appellierte, dass nur Patienten mit starken Erkältungssymptomen die Untersuchungsstelle direkt aufsuchen sollten.

Der landeseigene Klinikkonzern Vivantes plant an seinen Standorten in Tempelhof und Prenzlauer Berg ebenfalls Anlaufstellen. Wann sie öffnen sollen, ist unklar.

Berliner Feuerwehr limitiert Schutzmasken

Wegen der Ausbreitung des Coronavirus schränkt die Berliner Feuerwehr die Ausgabe von Schutzmasken und Desinfektionsmitteln an die Mitarbeiter ein. Das geht aus einer internen Anordnung der Feuerwehr hervor, die dem Tagesspiegel vorliegt. In dem Schreiben vom Dienstag ist von einer „Verteilung von Mangelressourcen“ die Rede. Die Bestellung von Nachschub wird in den Direktionen nun zentral koordiniert. Die einzelnen Feuerwachen sollen nicht mehr selbst bestellen.

Auch bei den Schutzmasken der höchsten Schutzklasse FFP3 gibt es jetzt strengere Vorgaben: „Die FFP3-Schutzmasken werden ab sofort 1:1 (gegen Vorlage der Einsatznummer) neu ausgegeben“, heißt es in der Anordnung. Und weiter: „Auf den Wachen übernehmen die Wachabteilungsleiter die Herausgabe und Dokumentation der Desinfektionsmittel. Die Herausgabe erfolgte im Tausch ,verbraucht‘ gegen ,neu‘.“

Weltweit sind Schutzmasken, Schutzkittel und Schutzanzüge am Markt nicht mehr zu haben. Bund und Länder haben sich am Mittwoch geeinigt, Schutzutensilien zentral zu beschaffen.

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