In einer Bar mitten im Transvestitenstrich (Tag 27)

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Tagesspiegel Exklusiv : Auf Tour mit Jim Avignon - Teil Sechs
Jim Avignon
Die malenden Mädchen.
Die malenden Mädchen.Foto: Jim Avignon

Neben unserer Wand ist die Straße aufgerissen. Dies ist am Sonntag nicht so aufgefallen, aber jetzt stehen überall Bauarbeiter im Weg und Bagger fahren zwischen den Bildern herum. Mit gelbem Bauband trennen wir einen 1 Meter breiten Bereich für uns ab. Die Bauarbeiter schauen uns interessiert beim Malen zu und kommentieren lebhaft die Bilder. Ein Junge mit 2 Ziegen läuft die Straße entlang und knallt genau neben mir mit seiner Peitsche auf den Boden. Für einen Moment glaube ich , ich sei erschossen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass in Guatemala jeder zweite mit einem Schießeisen herumläuft. So auch unser sympathischer, kurzsichtiger Parkplatzwächter, der eine halbverrostete abgesägte Pumpgun an der Schulter hängen hat. Ich brauche einige Zeit um mich wieder vom Schreck zu erholen. 

Ansonsten geht die Arbeit gut voran, alle sind bereits am Ausmalen, nur Künstler Checks hat sich irgendwie verkalkuliert und seine Wand mit bonbonfarbenen Figuren überladen. Da muss er jetzt erst mal Ordnung reinbringen. Gutgelaunt tausche ich Hut gegen Kopfhörer um mir mit etwas Musik noch mehr Drive zu geben, aber schon eine halbe Stunde später klebt mir ein brikettartiger roter Sonnenbrandstreifen auf der Stirn. Nicht gut. Um damit nicht dem Fernsehteam in die Hände zu fallen,  beschließe ich, mich für den Rest des Tages vor ihnen zu verstecken.

Unser sympathischer, kurzsichtiger Parkplatzwächter hat eine halbverrostete abgesägte Pumpgun an der Schulter hängen.
Unser sympathischer, kurzsichtiger Parkplatzwächter hat eine halbverrostete abgesägte Pumpgun an der Schulter hängen.

Abends wollen die Künstler wieder mit uns trinken gehn und ködern uns mit einer “Künstlerbar”. Diese entpuppt sich als buntbemaltes Nebenzimmer einer landestypischen Pinte, in dem mehrere alte Musikboxen abgestellt sind. Checks präsentiert mehrere rosafarbene Fläschchen mit einer süßlich schmeckenden likörartigen Flüssigkeit, die er nun gerne zur Völkerverständigung mit uns trinken möchte. Kein Abendessen, leichter Sonnenstich und nun diese hochprozentigen Fusel, das ergibt eine gefährliche Mischung.

Schon entern wir abenteuerlustig die Musikbox und beglücken die anderen Gäste mit einem 15-minütigen Marimba-Potpourri. Schon finden wir uns für ein Gruppenfoto hinter der Ladentheke wieder. Die anderen Künstler singen lustig mit und ordern noch mehr rosa Fläschchen. Aus Versehen haben wir die Telefonnummer für das sichere Taxi, das uns heimbringen soll, gelöscht? Egal. Lily Acevedo verspricht uns heimzufahren. Sie will nur noch warten, bis sie wieder nüchtern ist – das kann dauern,  wir bestellen noch mehr Fläschchen.

Schon leicht betrunken in der Künstlerbar.
Schon leicht betrunken in der Künstlerbar.

Allerlei eigenartige Typen sind nun auf der Straße unterwegs. Was für ein Zufall, dass unsere Bar mitten im  Transvestitenstrich liegt. Ein ähnlich betrunkener älterer Herr redet sich in Rage und ruft plötzlich mehrmals “Daniel Cohn-Bendit” in  die Dunkelheit hinein. Wir werden nie erfahren, was er damit sagen wollte, denn Lily ist nun wieder ok und wir fahren heim. Mit Müh und Not bekomme ich die Türschlosskarte in den Schlitz und verbringe die Nacht in Schuhen auf dem Bett.

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