Tagesspiegel-Spendenaktion "Menschen helfen!" : Streicheln für das Selbstwertgefühl

Der Verein „Windpferd“ in Wittstock therapiert mit Tieren verhaltensauffällige Kinder und bindet zugleich deren Eltern ein – und bittet um Spenden.

Vierbeinige Therapeuten. Die Kinder und Jugendlichen-Psychotherapeutin Sabine Radert vom Verein „Windpferd“.
Vierbeinige Therapeuten. Die Kinder und Jugendlichen-Psychotherapeutin Sabine Radert vom Verein „Windpferd“.Foto: Frank Bachner

Am Ende einer holprigen Straße, kurz bevor sie in einen dichten Wald führt, liegt die Koppel mit den Pferden. Der Verein „Windpferd“ in Zempow ist nicht leicht zu finden. Das Dorf ist ein Ortsteil von Wittstock, aber das Zentrum von Wittstock ist 26 Kilometer entfernt. Der schwierige geographische Zugang zu „Windpferd“ steht symbolisch für das Problem, das der Verein hat und dessentwegen er um Spenden bittet.

Es gibt eine Hemmschwelle, hierher zu kommen. Viele Eltern mit verhaltensauffälligen Kindern scheuen sich, zu der Koppel, zu den Pferden und zu den Bauwagen neben der Weide zu kommen. Zu diesem Ort, an dem ihren Kindern geholfen wird. Sie zögern, weil sie die Probleme ihrer Kinder nicht wahrhaben wollen oder können. Diese Kinder haben ADHS, eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, einen Verlust an Impulskontrolle oder kennen keine Grenzen.

[Das Spendenkonto: Spendenaktion Der Tagesspiegel e.V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse IBAN: DE43 1005 0000 0250 0309 42. Bitte Namen und Anschrift leserlich notieren. Der Tagesspiegel bietet ein neues Benefiz-Abo: www.tagesspiegel.de/verschenken. Fragen per Telefon? Mo-Fr 7-19.30 Uhr; Sa-So 8-12 Uhr: (030) 29 02 15 50]

Die Kinder und Jugendlichen aber, die kommen, acht bis 16 Jahre alt, haben engen Kontakt mit den Pferden, das ist Kern der Therapie. Nur bei Regen ziehen sich Therapeuten und Klienten in einen Bauwagen zurück.

Aber auch Casa gehört zur Therapie.

Casa liegt faul auf dem Boden eines Bauwagens, sie hat jetzt Pause und genießt die Ruhe. Casa, die dreijährige Dalmatiner-Hündin, sieht gerade keine Kinder, die sich mit ihr beschäftigen. Aber wenn sie keine Pause hat, wenn sie in der Rolle als Therapiehund auftritt, dann kann es sein, dass sie sich auf den Rücken legt und sich streicheln lässt. „Für Kinder ist das ein enormes Erfolgserlebnis“, sagt Sabine Radert. Die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin gehört zum Kernteam des Vereins „Windpferd“.

Der Hund nimmt nichts übel

Casa hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber erwachsenen Menschen. „Die Kinder merken, dass der Hund nichts übel nimmt“, sagt Sabine Radert. Erwachsene ziehen sich eher zurück, wenn sie von verhaltensauffälligen Kindern genervt sind. „Die Kinder empfinden das wieder als Ablehnung. Fehlende Wertschätzung ist fast immer das Störungsbild“, sagt die Psychotherapeutin.

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Casa zeigt den Kindern und Jugendlichen natürlich auch Grenzen auf, aber auf ihre Art. „Wenn die Kinder und Jugendlichen übergriffig werden, geht sie einfach weg“, sagt Sabine Radert. „Das sieht das Kind, und unsere Aufgabe ist es, Casas Verhalten zu übersetzen.“ Dann fragen die Theapeuten: „Schau mal auf den Hund, will der das, was du gerade gemacht hast?“ Nein, will er natürlich nicht, ein Kind lernt das. Aber wenn sich Casa streicheln lässt oder sogar auf den Rücken legt, erkennt ein Kind, dass es alles richtig gemacht hat. Bis vor kurzem standen sogar drei Hunde zur Verfügung. Doch zwei sind inzwischen zu alt für diesen Einsatz. Derzeit gibt es nur Casa.

Einmal wollte ein Kind die Dalmatiner-Hündin zwingen, über eine niedrig hängende Stange zu springen. Casa verstand die Aufgabe nicht, das Kind maulte „Scheißköter“, und die Therapeuten griffen ein. „Wir vermitteln, dass der Hund nichts dafür kann. Man muss ihm das in kleinen Schritten beibringen.“

In kleinen Schritten lernen auch die Kinder und Jugendlichen, Monate dauert es, bis ein erkennbarer Effekt einsetzt. „Ziel ist es natürlich, dass die Kinder und Jugendlichen diese Erfahrungen in ihren Alltag übertragen“, sagt Sabine Radert.

Ein Makel, das Kind in Therapie zu schicken

Es könnte schneller gehen, wenn die Kinder früher in Zempow auftauchten. „Aber oft schicken ihre Eltern sie erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist“, sagt Sabine Radert. Es ist der Punkt, an dem Eltern, oft sehr jung, mit ihren Kindern beim besten Willen nicht mehr klarkommen. Aber sie tragen eine enorme Mitschuld, diese Eltern. Meist haben sie keine empathische Beziehung zu ihren Kindern. „Da besteht mitunter wenig Interesse an den eigenen Kindern, und es fehlt an Wissen, was diese Kinder benötigen.“ Zudem gilt es als Makel, ein Kind in die Therapie zu schicken.

Also will „Windpferd“ zu den Eltern kommen. Mit den Pferden geht das natürlich nicht, so etwas geht nur mit Casa. Präventivarbeit ohne therapeutischen Ansatz. Die Kinder sollen, unter den Augen der Eltern, nur spielerisch den Hund kennenlernen, sie sollen sich mit ihm beschäftigen. Schon Streicheln kann ja das Selbstwertgefühl steigern. „Wir wollen den Leuten zeigen: Hey, ihr könnt etwas tun für euer Kind“, sagt Sabine Radert.

Die Eltern werden natürlich einbezogen

Und natürlich sollen die Eltern mit einbezogen werden, das ist ein Kernelement der Therapie. Casa soll eine Art Vermittlerin sein. Die Hündin soll den Kontakt zwischen Eltern und ihren Kindern herstellen. Den Optimalfall stellt sich Sabine Radert so vor: „Schönes Wetter, die Kinder spielen Tischtennis, wir Therapeuten würden mit Casa Ball spielen, und ein oder zwei Kinder würden zu uns dazustoßen. Die Kinder würden sich mit dem Hund wirklich beschäftigen und nicht bloß den Ball wegwerfen.“

Dann, so der Optimalfall, stoßen auch noch die Eltern dieser Kinder hinzu, beschäftigen sich mit Casa, beschäftigen sich mit ihren Kindern, und haben gemeinsam Spaß. Es wäre der erste Schritt, damit Eltern diese Hemmungen vor einer stationären Therapie ihrer Kinder mit Casa abbauen. Die anderen Eltern beobachteten das Ganze und entwickelten ebenfalls Interesse. Aber dazu müssen die „Windpferd“-Mitarbeiter Casa erstmal zu den Treffpunkten fahren, etwa zum Jugendklub Wittstock. Dazu benötigen sie ein Fahrzeug, und das möchten sie mit Hilfe der Spendengelder bezahlen. Einmal pro Woche soll das Auto unterwegs sein, im Umkreis von 30 bis 35 Kilometern. Das Aufbauen von Vertrauen kann Monate dauern. Mit Hektik, sagt Sabine Radert, kommt man nicht weit. „Man muss die Dinge wachsen lassen.“

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