Tesla, Harley Davidson & Co. : Wie attraktiv ist Berlin für internationale Unternehmen?

Berlin macht sich Hoffnungen auf große internationale Investoren. Wie sehen das Standortwerber und Politik - und tun sie genug oder verspielen sie eine Chance?

Fotos: istockphoto, CATL, Harley Davidson, Tesla, Siemens

Ein Tesla-Werk in Berlin oder Brandenburg? Ein „Innovations-Campus“ in Siemensstadt für 600 Millionen Euro? Motorräder von Harley Davidson „Made in Berlin“? Oder eine Batteriezellenfabrik der Chinesen? Große Namen werden aufgerufen, wenn in diesen Sommertagen über den Wirtschaftsstandort Berlin-Brandenburg diskutiert wird. Die Überlegungen der Unternehmen, und seien sie noch so vage, beflügeln die Fantasie: Die industriearme Region könnte attraktiv sein für eine große Ansiedlung. Eine Bestandsaufnahme.

Funktionieren generell die Instrumente zur Akquisition und Förderung? Hat Berlin etwas zu bieten?

Nimmt man die Start-up-Szene, lautet die Antwort eindeutig: ja. Keine andere Stadt in Deutschland (und wenige in Europa) ziehen so viele Gründer und Wagniskapital an wie Berlin. Bei der Ansiedlung großer Industrieunternehmen sieht das anders aus. Der Wertschöpfungsanteil der Industrie an der Berliner Wirtschaftsleistung liegt nur bei neun Prozent – Tendenz stagnierend.

Ein „Masterplan Industrie“ und die Kampagne „#Berlinproduziert“, die Senat und Berlin Partner im Frühling gestartet haben, sollen dies ändern. Man gibt dafür 1,2 Millionen Euro aus und setzt auf eine Kombination von Know-how, Ideenreichtum und lebhafter Hightech-Gründerszene. Hier hat Berlin viel zu bieten mit seiner dichten Forschungslandschaft und gut ausgebildeten Fachkräften.

Die Stadt wächst stärker als der Bundesdurchschnitt. Im ersten Halbjahr kamen 63 Unternehmen aus Europa, China und Südamerika nach Berlin, sie brachten 2200 Jobs mit, weitere 2900 Stellen konnten geschaffen werden. Ein Erfolg für Berlin Partner.

Doch die Attraktivität des Standorts war schon größer. Die Lebenshaltungskosten sind gestiegen, der Wohnraum wird knapp und teuer, große Flächen für Industrieansiedlungen gibt es kaum noch, der Anteil der Gewerbeflächen ist insgesamt rückläufig. „Das derzeitig noch verfügbare Gewerbeflächenpotenzial von rund 300 Hektar wird spätestens 2030 aufgebraucht sein“, warnte am Freitag die IHK und begrüßte den Beschluss des Rats der Bürgermeister, sich für die Sicherung von Gewerbe- und Industrieflächen einzusetzen.

Auf eine besondere Schwäche weist Siemens hin: Berlin müsse mehr tun bei der Verkehrsanbindung – Stichwort Großflughafen – und beim Ausbau des Breitband-Internets. In beiden Fällen ist die Region nicht wettbewerbsfähig und fällt gegenüber Regionen im Südwesten Deutschlands zurück.

Siemens entwirft Siemensstadt 2.0 – einen „Innovations-Campus“, an dem produziert, geforscht, entwickelt, aber auch gewohnt und gelebt werden soll. Zeigt Berlin genug Interesse an dem Projekt?

Es hat gedauert, bis sich Michael Müller (SPD) zu dem Vorhaben äußerte – zum Ärger von Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne), die sich dazu aber nicht äußern will. Sie hätte es dem Vernehmen nach gern gesehen, wenn der Regierende Bürgermeister flexibler reagiert und zügig ein Spitzengespräch mit der Siemens-Führung angeboten hätte.

Das Verhältnis zwischen Müller und dem Siemens-Chef ist allerdings angespannt, seitdem der Regierende im Herbst 2017 Proteste gegen den geplanten Stellenabbau bei Siemens aktiv unterstützt und der Senat die Pläne des Unternehmens für eine Hauptstadt-Repräsentanz im Magnushaus in Mitte zunichte machte. Die offen vorgetragene Forderung des Konzerns, Berlin müsse auf höchster politischer Ebene dialogbereit sein, hat wiederum Müller verärgert.

Trotzdem bemühte er sich jetzt um Entspannung und erklärte aus dem Urlaub heraus: „Selbstverständlich stehe ich als Regierender Bürgermeister dem Vorstand von Siemens jederzeit zu Gesprächen darüber zur Verfügung“. Am 8. August wird es ein Treffen mit Siemens-Managern geben. Das Unternehmen sei seit vielen Jahrzehnten ein wichtiger Partner in Berlin „und wir freuen uns über jede Überlegung zu einem weitergehenden Engagement in Berlin“.

Wie ernst wird es in Berlin genommen, dass der US-Elektroautobauer Tesla über eine Fabrik in Deutschland nachdenkt?

Wenn man die Frage stellt, ob Tesla tatsächlich ein Werk in Berlin oder Brandenburg bauen könnte, sind die Gesprächspartner eher amüsiert und genervt. Schließlich geht es um eine Region, die zwar 250 Zulieferfirmen der Autoindustrie beheimatet, aber keinen einzigen Autohersteller. Allerdings hat die Aussage von Tesla-Chef Elon Musk, Deutschland sei „erste Wahl“ für eine Investition, schon etliche Bundesländer (Saarland, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen) aktiv werden lassen, die um das US-Unternehmen offensiv und ernsthaft werben.

Nun regt sich auch Berlin: Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) kündigte am Freitag an, sie werde einen Brief an Tesla schreiben. Eine Produktionsstätte für E-Autos würde sehr gut zum Berliner Profil passen, Kontakte zum US-Konzern gebe es schon seit 2014, „die würde ich gern vertiefen“, sagte Pop dem Tagesspiegel. Wegen seiner vielen Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen sei Berlin ein idealer Standort für die digitale Wirtschaft.

Wenn Tesla am Standort Berlin interessiert sei, könne der Senat eine große Gewerbefläche zwischen Schönerlinder und Bucher Straße, südlich des Autobahndreiecks Pankow anbieten, sagte Pop. Dort hatte sich Berlin zuletzt 2001 vergeblich Hoffnung auf die Ansiedlung eines großen Autoherstellers gemacht. Damals baute BMW aber lieber in Leipzig.

Berlin Partner hält auf der Arbeitsebene Kontakt zum kalifornischen Konzern. Der favorisiert zwar einen möglichen Standort an der deutsch-französischen Grenze. Doch Berlin und Brandenburg haben andere Vorzüge für ein internationales Unternehmen: die Nähe zur Politik, eine wachsende Zahl experimentierfreudiger und zahlungskräftiger Städter, die für neue Mobilitätskonzepte aufgeschlossen sind.

Der Traum, internationales Schaufenster der Elektromobilität zu werden, erfüllte sich allerdings bislang nicht. Auf den Straßen der größten Stadt Deutschlands sind nur gut 3000 Elektroautos unterwegs – davon etliche Teslas.

Was sagt die Opposition zum Vorgehen des Senats?

CDU und FDP fordern den Senat auf, für die Pläne von Siemens „den roten Teppich auszurollen“. Der CDU-Wirtschaftsexperte Christian Gräff versteht auch nicht, warum sich Berlin um Tesla nicht „proaktiv bewirbt“. Berlin und Brandenburg seien doch gemeinsam „zehn Mal mehr sexy“ als das Saarland. Man müsse es wenigstens probieren. Als möglichen Standort schlägt Gräff den CleanTech Business Park in Marzahn-Hellersdorf vor.

Auch die FDP sieht in den Tesla-Plänen „für Berlin eine große Chance, die ergriffen werden muss“. Überhaupt müsse die Werbung von großen Unternehmen eine Daueraufgabe der Berliner Wirtschaftspolitik und außerdem Chefsache sein, sagt der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP, Florian Swyter.

Interessiert sich auch Brandenburg für die Tesla-Pläne?

Das Wirtschaftsministerium in Potsdam verweist auf seine schon länger bestehenden „direkten Kontakte“ zu Tesla, die man auch aktuell nutzen wolle, sagt eine Sprecherin des Ministeriums. Schon vor zwei Jahren habe sich Staatssekretär Hendrik Fischer (SPD) in einem persönlichen Brief an Elon Musk gewandt. Brandenburg verweist darauf, ein „Schaufenster E-Mobility“ zu sein, das seit 2012 vom Bund entsprechend gefördert werde.

Außerdem entstehe auf dem Lausitzring eine von der Dekra betriebene Teststrecke für autonomes Fahren. Und in Potsdam stehe das Hasso-Plattner-Institut für Digital Engineering ebenfalls für die „Zukunftsregion Brandenburg“. Man sei immer offen für Neues, heißt es.

Müssten Berlin und Brandenburg beim Standort-Marketing nicht stärker zusammen auftreten?

Vorstöße, die beiden Standortagenturen Berlin Partner und Zukunftsagentur Brandenburg zu fusionieren, gab es einige. Doch bis heute arbeiten beide nur zusammen, nicht aber unter einem Dach. Gemeinsam treten sie mit einer Innovationsstrategie auf, mit der die Hauptstadtregion insgesamt bereits seit 2011 als Standort vermarktet wird. Wo die Länder wirtschaftlich die Schwerpunkte setzen, zeigen die gebildeten Cluster: Energietechnik, Gesundheitswirtschaft, IT, Medien und Kreativwirtschaft, Optik, Verkehr, Mobilität und Logistik.

Eine Abstimmung in Sachen Tesla gibt es zwischen beiden Nachbarländern, die für die Hauptstadtregion zuständig sind, bisher aber nicht.

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