Testfahrt mit dem Tesla : Fahr! Mich! Schnell!

Traumauto und Realität: Elektrisches Fahren über weite Strecken ist eine Nervenprobe.

Mit diesem Luxus-Elektromobil der Marke Tesla war unser Autor Bernd Matthies auf einer Testfahrt unterwegs. Leider konnte er mit dem schnittigen Gefährt nicht so flitzen, wie er wollte.
Mit diesem Luxus-Elektromobil der Marke Tesla war unser Autor Bernd Matthies auf einer Testfahrt unterwegs. Leider konnte er mit...Foto: Reuters

Auf der Autobahn gilt mein Mitgefühl sämtlichen Tesla-Lenkern. Sie könnten, aber sie dürfen nicht. Manches dieser Luxusgefährte hat angeblich sogar die „Ludicrous“-Taste, mit der es von null auf hundert in lachhaften 2.8 Sekunden beschleunigt werden kann, und anschließend kaum weniger leichtfüßig bis auf finale 250. Was das Marketing allerdings weniger deutlich sagt, ist die ernüchternde Tatsache, dass man das klugerweise in unmittelbarer Nähe einer Tesla-Schnellladesäule tut. Dann nämlich hisst der Bordcomputer abrupt die weiße Flagge. Und wenn die Akkus eines E-Autos erst einmal leer sind, dann kommt kein ADAC-Mann mit dem Stromkanister oder dem gaaaanz langen Kabel. Dann hilft nur noch Abschleppen.

Das ist nicht nur beim Tesla so. Aber bei diesem schnittigen Fahrzeug, das an allen Ecken „Fahr! Mich! Schnell!“ ruft, schmerzt es besonders. Die Ladestellen des Konzerns sind inzwischen in Deutschland recht weit verbreitet, es langt in der Regel von einer zur nächsten ohne Zwischenmahlzeit. Platz ist an ihnen immer, der Strom flutscht wie verrückt, und nach einer guten halben Stunde sind die Akkus dreiviertelvoll, denn mehr geht per Schnellladung nicht. Zu deutsch: Die angegebenen Reichweiten von 400 oder sogar 500 Kilometern sind bei längeren Autobahnfahrten so glaubwürdig wie Altersangaben im Heirats-Portal, erst recht, wenn auch noch die keineswegs exotischen Wünsche nach lauter Musik, Heizung oder Klimatisierung erfüllt werden sollen.

Meine Erfahrung mit dem Tesla geht so: Alle steigen ein, was hinten bei Körpergrößen über 1,85 kein reines Vergnügen ist, schnallen sich an und genießen den – bis auf unvermeidbare Rollgeräusche – lautlosen Rausch der Geschwindigkeit. Das ist so, wie wir es überall lesen, damit beweist der Elektromotor seine technische Überlegenheit ganz deutlich. Nur ist da eben auch gleich wieder der Bordcomputer, der nach ein paar Dutzend Kilometern mit keineswegs exzessivem Tempo 180 deutlich darauf hinweist, dass das zwar okay sei, aber leider nur dann bis zur nächsten Tanke reiche, wenn fortan eisern 130 gefahren werde.

Das so genannte Schnellladen dauert eine halbe Stunde - das ist ein Haufen Koffein, den man sich in der Zwischenzeit an Tankstelle einverleibt

Wer das nicht hundertprozentig ernst nimmt und zehn drauflegt, wird sofort zur Ordnung gerufen: Ab sofort nur noch 120! Und so weiter. Wenn dann noch ein Stau kommt oder der Fahrer die richtige Abfahrt verpasst, dann hilft nur Beten: Radio aus, Klima aus, und mit 90 im Windschatten eines Lastzugs bis zur Steckdose segeln.

Das, Leute, ist der Grund, warum diese absolut neiderregenden Fahrzeuge, in die zuhause jeder Nachbarjunge sofort einsteigen will, immer so langsam unterwegs sind. „Gelassen“ heißt das im Schönsprechmodus, das mag sein, sofern einem das blinde Schleichen eingeklemmt zwischen fetten Trucks Gelassenheit vermittelt; ich fühle mich gelassener auf der linken Spur mit freier Sicht und einem Tank voll energiereichem, ja, Diesel, der auch noch die nächsten Stunden zuverlässig Kraft abliefert. Vor allem: das Tanken konventionellen Sprits ist in fünf Minuten im Stehen vollzogen, während das so genannte Schnellladen von Akkus eben die besagte halbe Stunde dauert und damit die Einnahme eines Cappuccinos in der gemütlichen Tankstelle nebenan obligatorisch macht. Das ist zwischen Berlin und München ein Haufen Koffein.

Sagen wir mal so: Dem Elektroantrieb gehört wahrscheinlich die Zukunft, und gemeint ist damit: nicht die Gegenwart. Diese Autos sind gebaut für die Stadt oder für Millionäre, die eine Steckdose in ihrer Garage im Valley und die andere neben ihrem Büro bei Google haben und alle größeren Entfernungen mit dem Flieger zurücklegen. Wenn Sie so jemand sind: schnell zugreifen.

Weitere Texte zur Mobilität der Zukunft finden Sie auf unserer Themenseite.

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