Tödliche Fluchtfahrt in Berlin : Ankläger rückt vom Mordvorwurf ab

Ein Jahr nach dem Tod der 22-jährigen Johanna Hahn steht der Prozess vor dem Urteil. Am Mittwoch verlasen die Anwälte ihre Schlussplädoyers.

Ein Blumenstrauß liegt an der Unfallstelle, wo die Fluchtfahrt für die 22-jährige Johanna Hahn tödlich endete.
Ein Blumenstrauß liegt an der Unfallstelle, wo die Fluchtfahrt für die 22-jährige Johanna Hahn tödlich endete.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Die Studentin war auf dem Gehweg unterwegs und schob ihr Fahrrad, als ein Fluchtauto angerast kam. Johanna Hahn wurde tödlich erfasst. Wegen Mordes wurde der Fahrer angeklagt. Nach sechsmonatigem Prozess gegen Milinko P. aber rückte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer von diesem Vorwurf ab. Es stehe aus seiner Sicht nicht fest, ob der Angeklagte tödliche Folgen billigend in Kauf nahm. P. sei unter anderem der fahrlässigen Tötung und des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr schuldig zu sprechen, so der Staatsanwalt.

Anwalt Gregor Gysi sieht Mordmerkmale erfüllt

Eine Gesamtstrafe von acht Jahren und vier Monaten forderte die Anklage am Mittwoch vor dem Landgericht. „Es fühlt sich nicht richtig an“, sagte der Bruder der Getöteten kurz nach dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Für die Familie plädierte anschließend Anwalt Gregor Gysi. P. sei es egal gewesen, ob er Menschen verletzen könnte. „Er wollte nach einem Diebstahl seine Identifizierung verhindern, er gab Gas.“ Drei Mordkriterien sehe er als erfüllt an, so der Linken-Politiker und forderte eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Der 27-jährige P. sowie zwei serbische Brüder hatten am Abend des 6. Juni 2018 einen Kleintransporter aufgebrochen. Zivilpolizisten beobachteten, wie das Trio in der Westfälischen Straße in Wilmersdorf das Diebesgut in einen Audi luden. Als die mutmaßlichen Täter abfuhren, nahmen die Fahnder die Verfolgung auf. 

Verfolgungsjagd durch die City West

Kurz vor dem Stuttgarter Platz blockierten die Polizisten zusammen mit alarmierten Kollegen und deren Autos den Fluchtwagen. Eingekeilt von drei Wagen, schien die Lage unter Kontrolle. Ein Beamter stieg aus und ging auf das verdächtige Auto zu. Doch P. habe plötzlich Gas gegeben, sei vor und zurück gefahren, so die Anklage. Er verletzte dabei einen Polizisten.

Nachdem das Fluchtauto die Sperre durchbrochen hatte, raste P. durch die City West. An einer für ihn roten Ampel kollidierte er mit anderen Wagen. Das Auto der Diebe erfasste dann Johanna Hahn. Für die Studentin kam jede Hilfe zu spät. Sie erlag noch am Unfallort ihren schweren Verletzungen. Auch der 18-jährige Beifahrer im Fluchtwagen starb wenig später. P. sagte vor Gericht, er habe nicht erkannt, dass ihn Polizisten stoppen wollten. Der Prozess geht am 19. Juni weiter.

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