Vorstrafen, Ausraster, Streit? „Wir kennen keene Hintergründe.“

Seite 4 von 4
Tödlicher Messerstich : Die Härte eines Neuköllner Nachmittags

Cindy Gill wehrt das ab, mit sanfter Stimme, leichtem Berlinern: „Wir kennen keene Hintergründe.“ Vorstrafen, Ausraster, Streits – all das interessiere nur, wenn es an Quartiersmanager und Streetworker herangetragen werde. „Unser Ansatz ist es, den Zusammenhalt zu verbessern, Strukturen zu schaffen, wo Bewohner sich kennen lernen können.“ Dabei geht man der eigenen Klientel offenkundig weit entgegen, hat sich ein gutes Stück eingelassen auf die Lebenswelt eines Kiezes, der von Zuwanderern aus der Türkei und arabischen Ländern geprägt ist. Die Tatsache etwa, dass auf einem Foto des Jugendbeirats nur junge Männer zu sehen sind, scheint für Gill kaum problematisch: Die Mädchen interessierten sich nun einmal eher fürs Quatschen, die Jungs für die Workshops und Aktionen. Überhaupt sei es „in dem Alter nun mal so“, dass Jungs Mädchen „blöd“ fänden. Man arbeite aber an einem Angebot, dass die Unterrepräsentierung des anderen Geschlechts auffangen solle: einer Mädchengruppe.

Vorerst freilich sei das alles nicht von Bedeutung: Es gelte nun, die Trauer aufzufangen, die Wut einzudämmen, das Selbstwertgefühl nicht nur der Jugendlichen im Blick zu haben: „Das hier ist für alle Bewohner ein Schlag in die Magengrube. Die denken doch: Mensch, jetzt sind wir wieder die Doofen.“

Schon für Dienstagnachmittag hat die Familie von Jusef El-A. zu einer Trauerfeier in das „Haus der arabisch-deutschen Jugend“ geladen. Es liegt im Erdgeschoss einer Wohnstraße in Neukölln, unweit rattert die S-Bahn, Rettungswagen verlassen immer wieder laut aufheulend die gegenüber liegende Feuerwehr und erinnern die Versammelten daran, dass für Jusef die Hilfe zu spät kam. Auch hier finden sich nur Männer ein, um einander beizustehen. Die Frauen, so sagt es einer, trauern zu Hause.

Ein Onkel von Jusef ist aus Nordrhein-Westfalen angereist, er hat schlohweißes Haar und Tränen in den Augen. „Das ist heute kein Tag für Befragungen, nur ein Tag der Trauer.“ Der Onkel erzählt, dass Jusefs Vater in Ohnmacht gefallen ist, als er von der schlimmsten aller möglichen Nachrichten für ihn erfuhr. Um ihn herum stehen mehrere junge Männer, aus ihren Augen spricht nur Trauer, keine Wut. Nein, äußern wollen sie sich nicht, aus Rücksicht auf die Familie, erstmal müsse nun gebetet werden.

Am Dienstagabend lassen die Ermittler Sven N. laufen. Sie gehen von Notwehr aus. „Da kommt auf jeden fall noch was“, sagt Jannick. „Wenn es mein Bruder wäre den man abgestochen hat, würde ich den Kerl auch fertig machen.“

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!