Toter Junge in Berlin-Reinickendorf : Die Frage nach dem Warum

Nach dem Tod des achtjährigen Ibrahim werden alle Betroffenen wohl therapeutisch begleitet. Ein Kinderpsychotherapeut schätzt die Situation ein.

Tod aus der Höhe. Aus dem Tatort im Märkischen Viertel ist ein Trauerort geworden.
Tod aus der Höhe. Aus dem Tatort im Märkischen Viertel ist ein Trauerort geworden.Foto: Paul Zinken/dpa

Zwischen den flauschigen Teddys, den flackernden Kerzen, den Briefen immer wieder dieses eine Wort, diese Frage, notiert auf Zetteln. „Warum?“ Die Frage, die alles beherrscht. Den Schmerz der Eltern des achtjährigen Ibrahim, die ihren Sohn verloren haben. Das Leid der Eltern des Zehnjährigen, der jenen schweren Baumstumpf aus dem zehnten Stock gewuchtet hatte, der Ibrahim traf, als der mit seinem Rad unterwegs war. Die Wut der Nachbarn, die so groß ist, dass die Eltern des Zehnjährigen unter Polizeischutz stehen.

Ein tristes Hochhaus in der Tiefenseer Straße, gesichtsloses Märkisches Viertel in Reinickendorf, ist jetzt Tat- und Trauerort zugleich. Und in die Wut, das Leid, den Schmerz mischt sich noch ein anderes Gefühl, das alles noch schlimmer macht: Hilflosigkeit. „Warum?“ Kann es darauf überhaupt eine Antwort geben, die Schmerzen lindert?

Es gibt keinen klassisch Schuldigen

Ibrahim wird jetzt in Tschetschenien beerdigt, in der Heimat seiner Eltern. Der erste Schritt, die Trauer zu verarbeiten. Eine kurzzeitige Entlastung vom enormen Leid. Aber die Gefühle bleiben, vor allem aber: Zurück bleiben nur Opfer.

Der Zehnjährige, der den Klotz aus dem Hausflur-Fenster gewuchtet hatte? Ist nicht strafmündig. Eine Verletzung der Aufsichtspflicht durch die Eltern? Kommt wohl kaum infrage, sagt ein Staatsanwalt.

Es gibt keinen klassisch Schuldigen, damit verstärkt sich das Gefühl der Hilflosigkeit, die Emotionen finden kein Ventil, über das man Entlastung erhält. Aber jetzt tauchen noch ganz andere Fragen auf? Wie betreut man den Zehnjährigen? Seine Eltern? Die Eltern des Opfers? Den Neunjährigen, der neben Ibrahim stand? Das Jugendamt Reinickendorf ist eingeschaltet, gibt aber keine Auskünfte.

Fragen über Fragen nach der Tat

Oliver Haid ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, ein Mann mit 25-jähriger Erfahrung. „Ein Kinderpsychotherapeut“, sagt er, „wird jetzt ganz sicher ein Gutachten über den Zehnjährigen erstellen, er wird dann sagen, wie es weitergehen soll.“ Dass der Junge eine therapeutische Behandlung benötigt, ist sehr wahrscheinlich. Der Freund von Ibrahim, der alles mitansehen musste, benötigt bestimmt ebenfalls therapeutische Hilfe.

Die Suche nach der großen, der entscheidenden Frage „Warum?“, die spaltet sich für einen Experten wie Haid in viele spezielle Fragen auf. Eine Kinderseele muss sensibel erforscht werden. Wo lebt das Kind? Wie leben die Eltern? Was machen sie? Das sind erste Fragen, die sich für Haid stellen. „Der kulturelle Hintergrund der Eltern ist ganz wichtig.“

Dann die nächsten Fragen. Was ist an diesem Tag passiert? Hat er überhaupt aus dem Fenster geschaut? Wusste er, dass unten Kinder vorbeigehen? Wie bekommt das Kind einen 15 Kilogramm schweren Klotz durchs Fenster? Welchen Entwicklungsstand hat das Kind? „Zehn Jahre alt“, das ist für Kinderpsychologen nur eine Zahl. Vielleicht steht er ja geistig auf der Stufe eines Achtjährigen. „Wir sagen nicht ohne Grund, ein Kind ist vor x Jahren geboren“, erklärt Haid. Und nicht: Ein Kind ist x Jahre alt.

Wusste der Zehnjährige, was er tat?

Es sind Fragen, die teilweise auch Polizei und Staatsanwaltschaft stellen. Aber ein Kinderpsychologe, sagt Haid, sucht eine andere Atmosphäre für so ein Gespräch. Einen Spaziergang zum Beispiel. „Man läuft nebeneinander, man muss sich nicht anschauen. Gut möglich, dass dann eine ganz andere Version der Geschichte herauskommt als beim Gespräch mit der Polizei.“ Wobei die natürlich ebenfalls Psychologen einsetzt.

Ein weiterer Punkt bei der Suche nach der Antwort: Konnte der Zehnjährige sofort verstehen, was er angerichtet hat? „Man muss herausfinden, ob ihm bewusst ist, was ein zehnter Stock bedeutet“, sagt Haid. „Kann er einschätzen, was passiert, wenn er einen solchen Gegenstand rauswirft?“ Hier knallt alles Mögliche herab, das haben Leute aus dem Viertel erzählt. Hat der Junge kopiert, was ihm als normal erschien? Vielleicht, eine Theorie, wurde ihm das Ausmaß seines Wurfs erst klar, als er die panische Umwelt registrierte. „Dann wäre er nachträglich traumatisiert worden.“

Beratungsstellen sollen betroffenen Eltern helfen

Aber auch alle betroffenen Eltern erhalten Hilfe. „Die Eltern des Zehnjährigen sind ja auch noch mit den ganzen Vorwürfen konfrontiert“, sagt Haid. In Reinickendorf gibt es, wie in jedem Bezirk, eine Erziehungs- und Familienberatungsstelle, dort können die Eltern in aller Ruhe reden, dort wird auch besprochen, wie eine Therapie aussehen könnte.

Aber noch sind viele, die Anteil nehmen, überwältigt von ihren Gefühlen. Auf einem Brief, der zwischen den Kerzen und Teddys liegt, steht: „Du wolltest doch nur spielen.“

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