Traumatisierte Polizisten : "Als wäre die Sicherung rausgesprungen"

Polizisten werden oft im Einsatz attackiert. Was macht das mit ihnen? Der Psychotherapeut Sven Steffes-Holländer hilft Traumatisierten. Ein Interview.

Erschöpfte Polizisten während des G20-Gipfels im Juli 2017 in Hamburg.
Erschöpfte Polizisten während des G20-Gipfels im Juli 2017 in Hamburg.Foto: imago/xcitepress

Herr Steffes-Holländer, was haben die Patienten erlebt, die bei Ihnen Hilfe suchen?

Das beginnt mit einfachen Beleidigungen, es gibt fortgesetzte Pöbeleien, aber auch körperliche Angriffe, manchmal sogar mit Waffen. Generell werden 25 bis 30 Prozent der Polizisten Opfer von Gewalttaten. 15-30 Prozent der Betroffenen von körperlicher Gewalt entwickeln eine posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS. Diese muss dann psychotherapeutisch behandelt werden. Viele Polizisten, gerade jüngere, warten aber erst einmal ab. Sie wollen nicht stigmatisiert oder als „Weichei“ angesehen werden.

Wie alt sind Ihre Patienten im Durchschnitt?

Unsere Patienten sind im Durchschnitt 47 Jahre alt. Psychische Erkrankungen treten gehäuft zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr auf. Bei mehr als 70 Prozent der Patienten mit chronischer PTBS wird im Verlauf mindestens eine weitere psychische Störung, wie Depression, Angst oder Sucht gefunden. Und mit steigendem Alter wächst das Risiko. Wenn ein Polizist 25 Jahre Einsätze fährt, dann ist die Gefahr des Ausgebranntseins hoch.

Dominieren bei Patienten eher Erfahrungen mit verbalem Mobbing oder mit Gewalt?

Verbale Angriffe sind für Polizisten Alltag. Jeder Polizist, der ein paar Dienstjahre auf dem Buckel hat, kann darüber berichten. Und wenn ein Beamter hundert oder tausend Mal beleidigt worden ist, sickern diese Erfahrungen in die Psyche ein. Dann ist es auch wenig verwunderlich, dass Polizisten selbst Impulsausbrüche haben und gewalttätig werden. Hinzu kommt, dass Einsatzhundertschaften regelmäßig Erfahrungen mit körperlichen Angriffen erleiden.

Welchen Beleidigungen sind Polizisten ausgesetzt?

Das Schimpfwort „Bulle“ kommt häufig, wird zum Teil aber gar nicht mehr geahndet. „Bullenschwein“ hingegen schon. Polizisten berichten auch von Beleidigungen gegen ihre Familie, wie „ich ficke deine Mutter“. Viele Sprüche sind nicht zitierfähig.

Das ist bei Feuerwehrleuten und Rettungssanitätern ähnlich?

Auch sie kommen häufig in Einsatzlagen, in denen sie mit jungen, alkoholisierten Männern zu tun haben. Das ist die Hauptgruppe, die Gewalt ausübt gegenüber Einsatzkräften. Von daher variiert die Zahl der Übergriffe wenig. Manchmal wundert es mich, dass Feuerwehrleute und Polizisten ähnlich betroffen sind, weil die Gesellschaft ein unterschiedliches Bild von diesen Berufsgruppen hat. Feuerwehr und Rettungsdienste genießen ein gesellschaftlich höheres Ansehen als die Polizei. Doch in kritischen Situationen sind alle gefährdet, die eine Uniform tragen. Der alkoholisierte Täter unterscheidet nicht, welche Uniform er angreift.

Landesbranddirektor Karsten Homrighausen hat im Dezember Feuerwehrleute dazu ermutigt, alle Übergriffe, auch Beleidigungen, zur Anzeige zu bringen. Was halten Sie davon?

Ich halte das für sinnvoll, weil der Einzelne diesen Übergriffen ausgeliefert ist. Dann aber von Vorgesetzten Rückhalt und Aufmerksamkeit zu erfahren, erhöht das Sicherheitsgefühl der Betroffenen. Außerdem sinkt bei einem Beleidiger die Hemmschwelle, wenn er merkt, dass nichts zur Anzeige gebracht wird.

Welche Geschichte eines Patienten hat sich Ihnen besonders eingeprägt?

Ich erinnere mich an einen Fall mit Bezug zu den Krawallen beim G20-Gipfel in Hamburg. Da gab es zwar eine Gefährdungslage, aber keiner der Einsatzkräfte hat vorher damit gerechnet, dass es auf einmal bürgerkriegsähnliche Zustände gibt. Damals sind viele Polizisten unvorbereitet in die Situation gegangen. Ich kann mich an einen Beamten erinnern, der berichtet hat, wie er plötzlich zehn Leute mit Schlagstöcken gegen sich hatte.

Sven Steffes-Holländer arbeitet als Arzt für Psychosomatik, aktuell ist er als Chefarzt in der Berliner Heiligenfeld Klinik.
Sven Steffes-Holländer arbeitet als Arzt für Psychosomatik, aktuell ist er als Chefarzt in der Berliner Heiligenfeld Klinik.Foto: privat

Er hatte nach der Rückkehr aus Hamburg Schlafstörungen und Panikattacken, er konnte nicht mehr zum Einsatz gehen. Der Polizist hat eindrücklich geschildert hat: Es ist ein normaler Tag, man geht zur Arbeit. Es waren genug Einsatzkräfte zusammengezogen, es gab nicht die Erwartung, gleich geht es los. Und dann befindet man sich innerhalb von zwei Minuten im Maximaleinsatz.

Andere Beamte berichten auch von Gewissenskonflikten, dass sie den Sinn des Einsatzes anzweifeln. Sie fragten sich, warum wird der G-20-Gipfel in einer Großstadt veranstaltet, wo die Gefahr von Krawallen extrem hoch ist? Auch bei Einsätzen im Hambacher Forst haben Polizisten Bedenken. In dem Waldgebiet sollen Bäume gefällt werden für den Kohletagebau, obwohl diese Energieform keine Zukunft mehr hat. Und dann kriegen die Polizisten noch von Demonstranten auf die Mütze. Solche Einsätze empfinden Beamte als enorme Belastung.

Verstärken Gewissenskonflikte die Traumatisierung durch Mobbing und Gewalt?

Das ist ein Effekt. Die traumatische Erfahrung wird zudem verstärkt, wenn Täter nach einem Angriff auf die Polizei nicht verurteilt oder nicht einmal ausfindig gemacht werden. So ein Gefühl von Ungerechtigkeit steigert die Wahrscheinlichkeit einer Traumatisierung. Gerade nach Großlagen wie beim G-20-Gipfel ist die Zahl der Verurteilungen eher niedrig. Doch Polizisten haben schwere psychische und körperliche Schäden erlitten. Da kommt einem Beamten die Arbeit sinnlos vor. Für die Polizei ist es auch in besonderem Maße wichtig, politischen Rückhalt zu spüren und nicht mit ihren Einsatzerfahrungen alleine gelassen zu werden. Wenn Politiker im Nachhinein sagen, wir haben das ganz anders gewollt, fühlen sich Polizisten im Stich gelassen.

Wie ist das nach dem 1. Mai, der in Berlin und Hamburg oft krawallig war? Geht die Zahl der Patienten in die Höhe?

Nicht sofort. PTBS ist eine Erkrankung, bei der die Symptome oft zeitversetzt auftreten. Bei der Mehrzahl der Polizisten gehen die Symptome auch innerhalb von zwei bis drei Monaten wieder zurück, ohne dass es zu einer Behandlung gekommen ist. Patienten kommen zu uns geplant und nicht per Notaufnahme. Meist ist schon einige Zeit nach dem Beginn der Erkrankung vergangen.

Welche Symptome gibt es bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung?

PTBS ist eine Erkrankung, die mit starken Ängsten einhergeht. Außerdem geht in der Erinnerung die Differenzierung zwischen Gegenwart und Vergangenheit verloren. Das hat mit dem Traumagedächtnis zu tun, also der Art, wie Traumata gespeichert werden. Da kommt es zu Nachhallphänomenen, sogenannte „Flashbacks“. Der Patient befindet sich in einer Alltagssituation plötzlich wieder im erlebten Trauma. Und er kann nicht mehr differenzieren, in welcher Situation er sich gerade befindet. Meistens gibt es auch eine Veränderung des emotionalen Erlebens, hin zu einer emotionalen Stumpfheit.

Ein weiteres Symptom ist die Dissoziation. Der Patient hat das Gefühl, völlig neben sich zu stehen. Er beobachtet sich, wie er da sitzt, kann sich womöglich nicht mehr bewegen, nicht mehr äußern. Er fühlt sich gefangen im eigenen Körper. Das ist ein sehr unangenehmer Zustand. Wir beobachten dieses Phänomen gelegentlich in Gruppensitzungen, man bekommt das oft gar nicht sofort mit. Der Polizist sitzt einfach weiter da, ist aber innerlich völlig weg. Als wäre die Sicherung rausgesprungen. Das ist auch eine Art Schutzmechanismus, wenn man überflutet ist mit Emotionen. Und das passiert auch in Gewaltsituationen. Wenn Polizisten diese Gewalterlebnisse im Nachhinein schildern, heißt es oft, „dann hab‘ ich einfach alles über mich ergehen lassen“.

Sind Frauen und Männer unterschiedlich belastet?

Die Mechanismen der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen sind unterschiedlich. Wir haben bei Frauen häufiger als Begleiterkrankung Depressionen und Angststörungen, bei Männern mehr Suchtphänomene. Alkohol spielt dabei eine große Rolle.

Werden Polizistinnen anders beleidigt als die männlichen Kollegen?

Frauen werden von Tätern oft in ihrer Weiblichkeit herabgewürdigt, als „Schlampe“ oder mit schlimmeren Worten attackiert. Ich kann mich hingegen nur an wenige Beleidigungen bei männlichen Polizisten erinnern, in denen es um ihre Männlichkeit ging. Andererseits ist bei vielen Tätern die Hemmschwelle höher, Frauen gewaltsam anzugreifen.

Bekannt geworden sind Fälle, in denen Polizistinnen mit Migrationshintergrund heftig von Migranten attackiert und als Verräterinnen diffamiert wurden.

Bei Angriffen auf die Polizei gibt es einen höheren Migrantenanteil als im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. Das sind vor allem junge Männer im Alter von 20 bis 25. Es ist natürlich so, dass häufig der Vorwurf des Verrats geäußert wird. „Du verrätst deine Herkunft, du verrätst deine Schwestern und Brüder“, sagen die Täter. Damit sind gerade Beamtinnen häufig konfrontiert. Aber es trifft natürlich auch männliche Polizisten mit Migrationshintergrund.

In welchen Bezirken werden Polizisten häufig attackiert?

Das sind nach meiner Erfahrung Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Neukölln. Das sind Brennpunkte für die Polizeiarbeit. Wachsende Zahlen gibt es auch in Spandau.

Warum werden Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungssanitäter angegriffen?

Auch der Täter befindet sich in der Regel in einer absoluten Stresssituation. Ein typisches Beispiel sind Einsätze bei häuslicher Gewalt. Die Polizisten kommen und werden dann manchmal von Täter und Opfer gleichzeitig attackiert. Es kommt zu einer Solidarisierung gegenüber der Polizei. Außerdem greifen weitere Familienmitglieder ein. Das ist für Polizisten oder auch Rettungssanitäter besonders belastend. Sie versuchen, dem Opfer zu helfen, und dann kommt von ihm ein Angriff. Berliner Polizisten bereiten sich bei Einsätzen zu häuslicher Gewalt mittlerweile auf Übergriffe vor.

Das Motiv für Angriffe ist selten Vorsatz, abgesehen von geplanten Attacken wie am 1. Mai. Die meisten Konfliktsituationen entstehen ad hoc, aus einem Affekt heraus. Ich glaube, dass es selten um den einzelnen Polizeibeamten geht, sondern um die Institution der Polizei an sich. Täter haben häufig auch selbst Gewalterfahrungen mit der Polizei. Drei Viertel der Täter handeln unter Alkoholeinfluss, ein Viertel leidet unter einer psychischen Erkrankung.

Wie können Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste Angriffen vorbeugen?

Die Lösung wird oft in zusätzlicher Ausrüstung gesehen. Doch die bietet letztlich nie einen kompletten Schutz. Jetzt gibt es die Diskussion, dass auch Rettungssanitäter stichfeste Westen tragen. Aber dann muss man darüber nachdenken, ob das nicht auch Gewalt provozieren kann. Die meisten Täter haben weniger Hemmungen, einen komplett eingepanzerten Beamten anzugreifen, als jemanden, der völlig schutzlos ist. Aus meiner Sicht ist der Hauptfaktor bei der Eindämmung der Gefahr von Angriffen die Kommunikation mit dem Täter.

Im Sinne von Deeskalation. Die Polizei versucht auch, solche Lagen zu trainieren. Gewaltfreie Kommunikation ist aufgrund der eigenen Sozialisation nicht jedem in die Wiege gelegt und solche Gesprächstechniken müssen gezielt geschult werden, so dass Polizisten auch in extremen Stresssituationen ihre kommunikativen Fähigkeiten abrufen können. Und das ist schwer. Also ruhig zu atmen, sich zu entspannen, bei einer Beleidigung nicht überzureagieren.

Würde das schon genügen?

Nein. Es ist zudem wichtig, dass Polizisten ihre eigene rechtliche Situation kennen. Darauf geschult zu sein, was darf ich, was darf ich nicht. Nicht zu wissen, wie weit ich agieren kann, verstärkt das Ohnmachtsgefühl. Natürlich können sich Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungssanitäter an Stresssituationen gewöhnen. Was ihnen auch hilft, sind Übungen zur Stressbewältigung.

Der Zugang zu Entspannungstechniken fällt Polizisten nicht immer leicht, dabei können diese enorm hilfreich sein. Wichtig sind auch die Initiativen der Polizeigewerkschaften, ein Klima zu schaffen, in dem offen über Belastungen gesprochen werden kann. In Berlin geht das beim Sozialdienst der Polizei. Beamte werden für den Zeitraum einer Erkrankung dorthin versetzt. Doch es gibt nur etwa 20 Plätze. Andere Bundesländer verfügen zum Teil gar nicht über solche Einrichtungen.

Was sollten Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungssanitäter bei ersten Anzeichen einer PTBS tun?

Erste Anzeichen können Ängste, Schlafstörungen oder Persönlichkeitsveränderungen sein. Wird die PTBS so früh wie möglich behandelt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Symptome zurückgehen, deutlich höher. Doch der Weg, bis Betroffene in Behandlung kommen, ist oft sehr lang. Und ich vermute eine große Dunkelziffer. Bekanntlich werden bei Polizisten, Feuerwehrleuten und Rettungssanitätern drei Viertel aller PTBS-Erkrankungen weder erkannt, noch behandelt.

Sven Steffes-Holländer, 44, arbeitet seit 15 Jahren als Arzt für Psychosomatik, aktuell ist er als Chefarzt in der Heiligenfeld Klinik in Berlin (auf dem Campus des Unfallkrankenhauses Berlin). In den 15 Jahren hat er etwa 500 Einsatzkräfte behandelt, die Opfer verbaler und/oder körperlicher Gewalt wurden. Ein Drittel davon waren Rettungskräfte und Feuerwehrleute.

Zwölf Newsletter, zwölf Bezirke: Unsere Leute-Newsletter aus allen Berliner Bezirken können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

Autor

52 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben