Trendsportart Headis aus Kaiserslautern : Ziemlich verkopft

Kein Geld für Schläger? Kein Problem! Zum Headis spielen braucht man nur einen Gummiball. Ein Trainingsbesuch in der Technischen Universität Berlin.

Anima Müller
Die Spielerinnen und Spieler dürfen die Platte berühren, sich sogar draufstellen. Tischtennisspielern gefällt das gar nicht.
Die Spielerinnen und Spieler dürfen die Platte berühren, sich sogar draufstellen. Tischtennisspielern gefällt das gar nicht.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Handspiel ist verboten, Schläger gibt es nicht. Nur mit dem Kopf wird der etwa 50 Zentimeter große Ball über die Tischtennisplatte gestupst. „Headis“ nennt sich die Sportart, die 2006 der damalige Sportstudent René Wegner in Kaiserslautern erfand. Die Idee dazu kam ihm und seinen Freunden im Freibad.

Das Fußballfeld war belegt, erzählt Wegner, aufs Spielen verzichten wollten sie aber nicht. 13 Jahre später ist Headis international verbreitet, 80.000 Spieler soll es dem Gründer zufolge weltweit geben. Chinesische Sportler spielen ebenso wie Stefan Raab, der das Spiel 2013 bekannt machte. Er produzierte damals für ProSieben eine ganze „Headis Team-WM“, bei dem Profis gegen Stars antraten.

Und auch in Berlin kommt die Fusion aus Kopfball und Tischtennis immer mehr an: Seit ziemlich genau fünf Jahren, seit Oktober 2014, gibt es organisierte Headis in der Hauptstadt. Nina Parzych, aktiv seit 2009, leitet die Hochschulsport-Gruppe an der TU, bislang die einzige in Berlin. Jeden Freitag stehen auf dem Gummiboden der TU-Sporthalle fünf Tischtennisplatten, junge Menschen stehen um sie herum und schmettern sich mit ihren Köpfen Bälle entgegen.

„Uns geht es hier vor allem um den Spaß, wir trainieren nicht für Turniere“, sagt Parzych, die Soziologie studiert und ihre Magisterarbeit über Headis geschrieben hat. „In meiner Arbeit habe ich analysiert, dass die Sportler als Szene und die Turniere als Events zu bezeichnen sind“, sagt sie. Denn Headis ist laut Parzych mehr als nur ein Sport, es ist vor allem ein Lebensstil.

Die Headis-Hochburgen sind Göttingen, Köln und Kaiserslautern

Headis-Sportler haben – obwohl die Sportart noch jung ist – eigene Lieder, Codes, Sprüche. Man dürfe sich jedoch nicht so ernst nehmen, meint Parzych, „obwohl manche viel Kampfgeist mitbringen“. Turniere gibt es natürlich trotzdem, derzeit finden sie noch vorwiegend in den Headis-Hochburgen Göttingen, Köln und Kaiserslautern statt, aber auch europaweit in Tschechien oder Belgien. Große Sponsoren unterstützen die Events, liefern Platten, Kleidung oder Verpflegung. In Berlin gab es bisher noch kein Turnier, das soll sich aber bald ändern.

Besser mit Ball. Nina Parzych leitet die Berliner Gruppe.
Besser mit Ball. Nina Parzych leitet die Berliner Gruppe.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das Highlight jedes Sommers haben die Berliner Headis gerade hinter sich: Die Headis-Weltmeisterschaft in Kaiserslautern. „Dort spielen wir auch gegen Spieler aus anderen Ländern“, sagt Parzych. Übernachtet wird in der Sporthalle, Essen wird von den Gastgebern organisiert und ist kostenlos.

Die Spieler treten, fast wie im Wrestling, unter kuriosen Pseudonymen auf: Die aktuelle Headis-Weltmeisterin nennt sich „Theadix“, der Meister unter den Männern „Headsinfarkt“. Drei Tage lang geht die WM, mittlerweile wollen mehr Menschen daran teilnehmen, als es Plätze gibt. In Qualifikationsrunden entscheidet sich, wer spielen darf.

Ein Spiel geht bis elf Punkte

Nina Parzych hat sich auf eine der Sportbänke in der Halle gesetzt. Die weißen Headis-Bälle fliegen durch den Raum, knallen gegen Decken und Wände, wenn ein Spieler oder eine Spielerin zu kraftvoll stößt. Gefährlich ist das nicht. Nur 100 Gramm sind die Bälle schwer und aus einem speziellen Gummi gefertigt, Headis-Erfinder René Wegner hat sich das patentieren lassen.

Die Regeln sind ähnlich wie beim Tischtennis: Das Spiel geht bis elf Punkte. Ein Punkt wird gemacht, wenn der Gegner den Ball nicht trifft. Landet er nicht auf dem Tisch oder der Plattenkante, geht der Punkt an den Gegner. Steht es zehn zu zehn, wird solange gespielt, bis ein Spieler zwei Punkte Vorsprung hat. Insgesamt gibt es zwei Gewinnsätze, es können also maximal drei Spiele in Folge gespielt werden.

Anders als beim Tischtennis ist es allerdings explizit erlaubt, Bälle volley anzunehmen – also ohne, dass diese vorher die eigene Platte berühren. Die Netze sind entfernt. An deren Stelle ist eine gebogene Metallstange montiert. Der Ball darf die Stange treffen, um dem Gegner das Spiel zu erschweren.

Einige tragen Knieschützer

Größter Unterschied zum Schlägersport ist aber wohl: Die Platte darf mit allen Körperteilen berührt werden. Spieler dürfen sich sogar draufstellen. „Anfängern empfehlen wir, ihre Hände abzustützen, damit der Kopf nicht auf die Platte schlägt“, sagt Nina Parzych. Verletzungen gebe es aber nur selten. Da die Spieler häufig in gebückter Haltung stehen, tragen einige Knieschützer.

„Anfängern empfehlen wir, ihre Hände abzustützen, damit der Kopf nicht auf die Platte schlägt“, sagt Nina Parzych.
„Anfängern empfehlen wir, ihre Hände abzustützen, damit der Kopf nicht auf die Platte schlägt“, sagt Nina Parzych.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Edwin Wischer, 19, war immer begeisterter Fußballer. Zum 16. Geburtstag bekam er von Freunden einen Headis-Ball geschenkt. Im Frühjahr trat er der Hochschulsport-Gruppe bei. „In der kurzen Zeit habe ich definitiv meine Spieltechnik verbessert“, sagt Wischer. Beim Headis trainiert er andere Körperteile als beim Fußball: Nach den ersten Einheiten hatte er sogar Muskelkater im Hals.

Unter Tischtennisspielern ist Headis nicht besonders beliebt

Aber auch für Fußballer ist Headis interessant, der Kopf ist schließlich das einzige andere Körperteil neben dem Bein, mit dem Tore geschossen werden dürfen. Auch viele Profi-Fußballmannschaften – unter anderem Schalke 04, Hannover 96 oder Mainz 05 – haben Headis schon in ihre Trainingseinheiten aufgenommen.

Unter Tischtennisspielern ist Headis hingegen nicht besonders beliebt, sich auf die Patten zu stellen, darauf herumturnen – „wir ziehen die Platten ganz schön in Mitleidenschaft“, sagt Nina Parzych.

Berlin bietet dafür natürlich die ideale Spielwiese – in fast jedem Park gibt es Platten. Wo genau die Platten stehen, zeigt etwa die Onlinekarte www.pingpongmap.net, auf der viele Orte weltweit verzeichnet sind, an denen Tischtennisplatten im öffentlichen Raum stehen. Besonders viele Platten gibt es demnach in Berlin. Und immer häufiger ist das dann auch Kopfsache.

Headis, freitags 19.30 bis 21 Uhr in der Sporthalle der TU, Straße des 17. Juni 135, Raum 4001. Anmeldungen unter: www.tu-sport.de, Ansprechpartner: Oliver Thomaschewski, Tel. 314 25125. Im spielt die Headis-Gruppe häufig auch unter freiem Himmel.

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