• Trotz zweier negativer Corona-Tests: Berliner Heimleitung verteidigt Zwangsquarantäne für 97-Jährige

Trotz zweier negativer Corona-Tests : Berliner Heimleitung verteidigt Zwangsquarantäne für 97-Jährige

Seit elf Tagen darf Holger Holzschuher seine Mutter nicht im Heim besuchen. Er spricht von Freiheitsberaubung und hat nun Strafanzeige gestellt.

Besonders schutzbedürftig: Für alte Menschen ist das Coronavirus besonders gefährlich.
Besonders schutzbedürftig: Für alte Menschen ist das Coronavirus besonders gefährlich.dpa

Holger Holzschuher ist sauer – und verzweifelt. „Es geht um nicht weniger als die Verweigerung eines elementaren Grundrechts und den Diebstahl letzter Lebenszeit.“ Seit elf Tagen hat er seine 97-jährige Mutter nicht im Pflegeheim besuchen dürfen.

Die demente Dame steht nach einem sechstägigen Krankenhausaufenthalt in ihrem Pflegeheim in Lankwitz unter Zwangsquarantäne. Obwohl sie bei ihrer Einweisung und kurz vor der Entlassung jeweils negativ auf Covid-19 getestet wurde und obwohl das Krankenhaus als coronafrei gilt.

„Sie ist in Gefangenschaft“, sagt Holzschuher. Am Telefon frage sie ständig, wann er wiederkomme. Vor Corona habe er seine Mutter täglich besucht, nach dem Lockdown immerhin noch jeden zweiten Tag für eine Stunde.

Gemeinsam würden sie sonst Kreuzworträtsel lösen, um das Denken zu trainieren. Er achte auf ihre Wäsche, putze im Zweifel auch mal ihr Bad.

Doch nun ist er im Ungewissen und macht sich Sorgen. Am Telefon verstehe ihn seine Mutter nicht, ihr Hörgerät sei defekt. Holzschuher muss abwarten.

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Das FSE-Pflegeheim verweigert dem 69-Jährigen den Zugang. Zehn Tage Quarantäne, dann ein dritter Test, nur wenn auch der negativ ausfällt, darf Holzschuher wieder zu seiner Mutter. „Alle anderen Heimbewohner wissen nicht, ob sie das Virus haben und dürfen sich trotzdem frei bewegen. Meine Mutter, die als einzige weiß, dass sie es nicht hat, wird eingesperrt.“

Quarantäne von bis zu 14 Tagen auch bei Negativtest

Alles nach Vorschrift, verteidigt Denise Hartmann, verantwortlich für die pflegerische Leitung der FSE. Insgesamt vier Einrichtungen betreut der FSE in Berlin, in Lankwitz für bis zu 112 vollstationäre Personen Platz, der pflegerische Schwerpunkt liegt bei Demenzerkrankungen.

Laut RKI und Gesundheitsamt gilt bei Bewohnern die aus dem Krankenhaus kommen oder neu bei uns einziehen, eine Quarantäne von bis zu 14 Tagen, auch wenn ein Negativtest vorliegt.“ Der Grund dafür sei die lange Inkubationszeit, die die Aussagekraft der Tests verringere.

„Da wir eine hohe Verantwortung unseren Bewohnern und Mitarbeitern gegenüber haben, klären wir jeden Einzelfall mit dem zuständigen Gesundheitsamt ab und entscheiden nie pauschal“, so Hartmann.

Im Fall der 97-Jährigen habe das Gesundheitsamt entschieden, dass sie mindestens zehn Tage unter Quarantäne gestellt werden müsse. „Wie jeder Bürger, haben auch wir als Heimbetreiber uns an die Vorgaben des zuständigen Gesundheitsamtes zu halten.“

Tatsächlich gibt es in den Empfehlungen des RKI für Alten- und Pflegeeinrichtungen eine Empfehlung dazu. Unter dem Punkt „Regelungen für Neuaufnahmen und Verlegungen“ heißt es: „Auch bei asymptomatischen Personen wird eine Testung bei Aufnahme empfohlen. Hier ist zu beachten, dass ein negatives Testergebnis eine Infektion nicht ausschließt. Die zusätzliche Durchführung eines Tests gegen Ende der Inkubationsphase (z.B. ab Tag 10) kann mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit eine Infektion bei asymptomatischen Patienten ausschließen.“ So wird nun auch mit Holzschuhers Mutter verfahren.

"Für Mitbewohnende gibt es ein hohes Schutzrisiko"

Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD im Abgeordnetenhaus, Thomas Isenberg, versteht den Wunsch nach Freiheit. Er könne aber auch die Haltung der Pflegeheim-Betreiber nachvollziehen.

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„Es handelt sich hier um eine extrem vulnerable Gruppe. Für Mitbewohnende gibt es ein hohes Schutzbedürfnis“, sagt er dem Tagesspiegel. Insofern könne die RKI-Richtlinie verhältnismäßig sein. Dass Pflegeheimbewohner damit anders behandelt werden als etwa Reisende aus Risikogebieten stört aber auch Isenberg. „Ich halte einen zweiten Test auch für Reisende für zwingend notwendig.“

Holzschuher akzeptiert die Argumentation nicht. „Das ist eine Empfehlung des RKI, kein Gesetz.“ Bereits in der vergangenen Woche hat er Kontakt zu einer Anwältin aufgenommen. Die Juristin hat ihn bestärkt und das Pflegeheim aufgefordert, die Quarantäne aufzuheben. Darauf habe es jedoch keine Reaktion. Nun erstattet er Strafanzeige. Der Anfangsverdacht: Freiheitsberaubung.

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