Berlin : Türkische Verbände machen sich stark für Frauenrechte

Musliminnen diskutieren über Gewalt und Religion Organisationen wollen Intoleranz bekämpfen

-

Für Nihal Korkusuz ist die Sache klar. Wenn man den Koran richtig auslegt, kann man aus ihm nicht ableiten, dass ein Mann Gewalt gegenüber seiner Frau anwenden darf, erläutert sie der Frauenrunde, die sich auf Initiative der bündnisgrünen Abgeordneten Bilkay Öney in der Merkez-Moschee an der Wiener Straße in Kreuzberg zum Internationalen Frauentag zusammengefunden hat. Korkusuz ist Theologin, sie gibt Korankurse an den Berliner Moscheen der Ditib, der Türkisch-islamischen Union der Anstalt für Religion, die dem türkischen Religionsministerium untersteht. Die Ditib betreibt in Deutschland rund 800 Moscheen und vertritt laizistische Grundpositionen. Auch die Merkez-Moschee gehört der Ditib an.

Zwei Gruppen türkischstämmiger Frauen sind gekommen: Da ist das knappe Dutzend Frauen, die sich in der Moschee engagieren oder dort Korankurse besuchen – die meisten von ihnen mit Kopftuch, langen Mänteln oder Röcken. Aber auch einige andere Frauen, die kein Kopftuch tragen, haben in dem Kreis Platz genommen. Aus ihrer Ecke kommen die kritischen Fragen und Anmerkungen an diesem Donnerstagvormittag. Aber sie alle zusammen nicken zustimmend, als Korkusuz ihnen den betreffenden Koranvers erläutert. Und sie applaudieren gemeinsam, als die Theologin, die wie alle Religionsgelehrten der ditib vom türkischen Religionsministerium für einige Jahre nach Deutschland geschickt wurde, erklärt, dass das Wichtigste im Kampf auch gegen religiös begründete Gewalt die Bildung sei. Der Koran habe den Frauen viele Rechte gegeben, wichtig sei es, sie zu kennen, sagt Pinar Cetin, Politologie- und Turkologie-Studentin an der FU und aktiv in der Frauenorganisation der Moschee. Auch wenn Familien die Töchter nicht an Klassenfahrten oder dem Schwimmunterricht teilnehmen lassen, lasse sich das nicht mit dem Koran begründen: „Das ist kein religiöses Problem.“ Auch ihre Familie sei eher traditionsbewusst, aber es sei immer selbstverständlich gewesen, dass sie mitmachen konnte.

An einem Tag, an dem viel über Frauen und ihre Rechte debattiert wird, will auch die Türkische Gemeinde in Deutschland, die rund 250 türkische Gemeinden und Vereine vertritt, nicht abseits stehen. In einem Zehn-Punkte-Plan zur „Bekämpfung der Intoleranz“ fordern die Mitgliedsverbände ein aktives Bekenntnis aller türkischen und islamischen Organisationen zum uneingeschränkten Selbstbestimmungsrecht der Frau. Gegenüber jeder Art von Gewalt und Diskriminierung dürfe es „null Toleranz“ geben, sagte die frauenpolitische Sprecherin Eren Ünsal. Zwangsverheiratungen seien schwere Menschenrechtsverletzungen. Sie müssten strikt strafrechtlich verfolgt werden. Der Bundesvorsitzende Kenan Kolat nannte die Unterdrückung der Frau ein Männerproblem, gegen das jeden Tag gekämpft werden müsse. Persönlich setze er sich zudem für ein Kopftuch-Verbot für unter 14- Jährige ein. (mit dpa)

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!