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TV-Serie "Babylon Berlin" : Die Metropole des Tempos und der Exzesse
Wenn es Nacht wird in der Stadt der Tausend Laster.
Wenn es Nacht wird in der Stadt der Tausend Laster.Foto: Frédéric Batier / X Filme

In einer frühen Szene in „Babylon Berlin“ sieht man Gereon Rath apathisch zitternd auf der Herrentoilette des Polizeipräsidiums liegen. Eingekeilt im Schmutz von Pissoir und Seitenwand. Epileptische Stöße durchzucken ihn. Erst als den Hilflosen seine spätere Freundin Charlotte Ritter entdeckt und ihm den Inhalt einer Ampulle in den Mund träufelt, hört das Schütteln auf.

Der Held selbst ist also, und damit verrät man nicht zu viel, einer jener Kriegsversehrten, die es zuhauf in der Weimarer Republik gab. Drogen halten ihn in der Bahn. Wenn er einen Verdächtigen über Dächer hinweg verfolgt. Wenn er in einer Spelunke tanzt. Wenn er Jazz hört. Und wenn er sich morgens den Hut aufsetzt, um sein Zimmer zu verlassen, nicht ohne nachzusehen, ob genügend Ampullen in seinem Etui ihn durch den Tag bringen werden. Er nickt stumm, als einmal von den kaputten Maschinen die Rede ist, in die sich die früheren Kameraden verwandelt hätten.

So schildert „Babylon Berlin“ eine Epoche zwischen Traumatisierung und Aufbruch, durch Verletzungen gebunden an den Krieg und von dem wilden Willen angetrieben, sich davon zu lösen. Es dürfte das Bild, das man sich von Berlin macht, auf Jahre hinaus prägen. Umso mehr vielleicht, als die Macher Nähe nicht durch Stilisierung herzustellen suchen, sondern „durch ein Lebensgefühl“, wie Tom Tykwer es ausdrückt. Es gebe Momente, meint er, in denen jemand einfach nur das Fenster öffne und den Geruch der Stadt in sich aufnehme.

Tom Tykwer (Mitte) mit seinem Kameramann Frank Griebe (links) im Innenhof des Roten Rathauses.
Tom Tykwer (Mitte) mit seinem Kameramann Frank Griebe (links) im Innenhof des Roten Rathauses.Foto: Frédéric Batier / X Filme
Regisseur Henk Handloegten bei Dreharbeiten zu "Babylon Berlin"
Regisseur Henk Handloegten bei Dreharbeiten zu "Babylon Berlin"Foto: Frédéric Batier / X Filme
Regisseur Achim von Borries (hinten) am Set von "Babylon Berlin".
Regisseur Achim von Borries (hinten) am Set von "Babylon Berlin".Foto: Frédéric Batier / X Filme

Als er das Projekt erstmals mit möglichen Produzenten erörterte, war deren erste Reaktion, dass man es bei den benötigten Summen nur auf Englisch drehen könne. Sonst würde ihnen das niemand auf der Welt abnehmen. Da wollten Tykwer und seine Mitstreiter es lieber nicht machen. Mit dieser Entscheidung wurde es ein Projekt „für uns“, wie Tykwer sagt.

Wenn sie gefragt würden, welche US-Serie ihnen als Vorbild gedient habe, sagen sie „Heimat“ von Edgar Reitz. Keine US-Serie. Sondern das sehr genau beobachtete Schicksal eines Bergarbeiterdorfs im Hunsrück - so deutsch wie ein Film nur sein kann. Die ganze Welt wollte ihn sehen.

Sollte es für "Babylon Berlin" zu einer Erfolgsstory kommen und weitere Staffeln in Angriff genommen werden können, verdankt sich das wohl diesem Beharren auf einer „eigenen Welt“. Mit eigenen Redewendungen („Soll ich’s dir in die Stirn kämmen?“), Tanzbewegungen, Begrüßungsritualen, Drogen und Moden und undurchschaubaren Charakterköpfen. Mit Blick auf den Reiz dieser imaginären Vergangenheit spricht Tom Tykwer jedenfalls vom „Amalgam des Vielen“, das ihn hervorrufe. Und viel gibt es von Vielem zu sehen. Nicht mal sie selbst wüssten manchmal, sagen die Regisseure, wer welchen Teil einer Szene gedreht habe, da sie sich die Arbeit nach Motiven und nicht nach Handlungssträngen aufgeteilt hätten. So setzt sich das Bild aus verschiedenen Handschriften zusammen, mehr, als man aufnehmen kann.

Wir sollen überfordert werden. Die Menschen damals waren es auch.

Die Rückseite der ,Neuen Berliner Straße' auf dem Freigelände des Studio Babelsberg. Für die permanente Außenkulisse wurden 500 Tonnen Stahl verbaut.
Die Rückseite der ,Neuen Berliner Straße' auf dem Freigelände des Studio Babelsberg. Für die permanente Außenkulisse wurden 500...Foto: Frédéric Batier / X Filme

Am Donnerstag feiert die Serie von Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries Weltpremiere im Berliner Ensemble. Die Ausstrahlung der 16 Folgen beginnt am 13. Oktober auf Sky (20.15 Uhr). Jede Folge ist 45 Minuten lang. Die Serie wurde produziert von X Filme, Sky, ARD Degeto und Beta Films.

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