"Tweed Ride" in Berlin : Radfahren mit Knickerbocker und Zylinder

Beim Tweed Ride treffen sich Radler in historischer Kleidung, um stilvoll durch die Stadt zu fahren. Für viele ist das keine Verkleidung, sondern ein Lebensgefühl.

Kelly Zehe (links), Sarah Settgast und Benno Radke fahren im Vintage-Outfit durch die Stadt.
Kelly Zehe (links), Sarah Settgast und Benno Radke fahren im Vintage-Outfit durch die Stadt.Foto: Mike Wolff

Zur Berliner Fahrradschau, die an diesem Wochenende stattfindet und die neuesten Trends rund ums Fahrrad vorstellt, wird der Fahrradfan Benno Radke sicher nicht gehen. Ihn interessieren nur Fahrräder, die älter als 60 Jahre sind, bis 1957, sagt er, „danach wird es uninteressant.“ Der älteste Fahrrad-Oldtimer, den er besitzt, stammt sogar noch aus dem vorletzten Jahrhundert, aus dem Jahr 1898. Der laufe einwandfrei und komme natürlich auch beim Tweed Ride zum Einsatz: Die kleine Fahrradtour der Berliner Vintage-Szene startete am heutigen Sonnabendmittag am Brandenburger Tor.

Rund drei Stunden lang wollen Benno Radke und seine Mitfahrer aus der Vintage-Szene durch die Stadt radeln. Erfunden wurde dieser Tweed Day vor neun Jahren natürlich in London, wo man etwas davon versteht, Exzentrik und Stilbewusstsein angemessen zu verbinden. Die Formel für die Veranstaltung war schnell gefunden: Man fährt auf möglichst alten Rädern in altem englischen Tweed, mit Knickerbocker, Zylinder oder was der Fundus aus der Mode der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts sonst noch so hergibt, durch die Gegend und macht zwischendurch eine kurze Teepause. Seit 2011 gibt es den Nostalgie-Event zwei Mal im Jahr auch in Berlin.

Da der bisherige Organisator der Tour dieses Mal verhindert war, ist Kelly Zehe eingesprungen, die auch deutlich machen will, dass sie nur die Vertretung ist, weswegen der Tweed Day dieses Mal unter dem Namen Tweed Ride firmiert.

"Berlin Babylon" macht es vor

Zehe ist Vintage-Fashion-Designerin, die in ihrem Atelier in Friedrichshain Kleider nach historischen Schnitten schneidert, Klamotten, die so zwischen den Jahren 1910 bis 1950 modern waren. Aktuell, sagt sie, bekäme sie jede Menge Anfragen nach den Working-Class-Anzügen, wie sie in der Fernsehserie „Peaking Blinders“ getragen werden und nach dem Schick der Weimarer Republik, der Dank Tom Tykwers „Berlin Babylon“ wieder gefragt sei.

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Man trifft sich mit Kelly Zehe und Benno Radke in der Wohnung der Künstlerin, Brillendesignerin und Illustratorin Sarah Settgast, nur ein paar Häuser von Zehes Atelier entfernt. Auch Settgast wird beim Tweed Ride dabei sein.

Schnell wird klar, dass so ein Tweed Ride nicht etwa eine ironische Veranstaltung von Hipstern für Hipster ist, sondern ein echtes Lebensgefühl zum Ausdruck bringt. Alte Möbel, ein Koffer-Grammophon, eine Pickelhaube – stilecht wird hier in Jahrzehnte altem Interieur gelebt. Zwei Pudel springen umher, Willy und Oskar, benannt nach Willy Fritsch und Oskar Karlweis, bekannt vor allem durch den UFA-Klassiker „Die Drei von der Tankstelle“.

In der Berliner Vintage-Szene gebe es nur wenige wie sie, sagen die drei. Viele interessierten sich Dank aktueller Retro-Trends wie Steampunk oder Lindy-Hop-Tanz für die Zwanziger- oder Dreißigerjahre: Dafür zögen sie sich dann mal für eine Vintage-Party stilecht an, passten sich ansonsten allerdings im Alltag stilmäßig der Gegenwart an.

„Wir jedoch rennen immer so rum“, sagt Benno Radke, was in seinem Fall tatsächlich bemerkenswert ist. Er trägt einen gezwirbelten Schnauzer und einen tadellosen Retro-Aufzug. Er sehe aus, und das sagt er voller Stolz, „wie mein eigener Großvater, wenn ich diesen auf alten Fotos betrachte.“ Er nennt sich selbst „das letzte U-Berliner Original“, als Kleinkünstler schlüpft er mal in die Rolle des Hauptmann von Köpenick, ohne sich dabei großartig verkleiden zu müssen, oder mimt Kaiser Wilhelm II.

„Wir verklären die gute, alte Zeit, das ist uns schon bewusst“, sagt Zehe. „Ich werde oft gefragt, warum ich mich ausgerechnet so sehr für die 30er und 40er Jahre interessiere und ob ich mir nicht klar darüber sei, dass das doch eine schreckliche Zeit war.“ Aber das sei ihr sehr wohl klar, sagt sie. Mit zur Beschäftigung mit „Damals“ gehöre unbedingt auch eine kritische Einordnung – Judenverfolgung und Holocaust erspare sie sich selbstverständlich nicht.

Kelly Zehe und Sarah Settgast liefern auch noch eine kleine küchenpsychologische Erklärung für ihre Nostalgieversessenheit hinterher. Beide haben sie in ihren Familien den Verlust angehöriger Juden während der Nazizeit zu beklagen. Die Identifikation mit diesen Angehörigen, denen damals alles genommen wurde, habe sicherlich dazu beigetragen, dass sie selbst sich nun so einiges aus dieser Zeit zurückholen wollten.

Ein richtig großer Auflauf werde der Tweed Ride wohl nicht, erklären die drei. Viel mehr als 40 Teilnehmer seien bei den Vintage-Touren in Berlin bislang nie dabei gewesen. Was jedoch nicht nur schlecht sei, schließlich müsse man bei einem derart überschaubaren Kreis die Tour nicht offiziell beim Bezirk anmelden.

In London werde bei mehreren hundert Teilnehmern da sicherlich immer noch mehr geboten, sogar Radler auf alten Hochrädern seien da mit dabei. Aus der Berliner Vintage-Biker-Szene sei ihnen gar niemand bekannt, der überhaupt so ein Hochrad besitze. „Im Original kostet das auch mindestens 30.000 Euro“, sagt Sarah Settgast. Außerdem, sagt Benno Radke, könne man auf solch einem Gefährt gar nicht wirklich am Verkehr teilnehmen. Und das ist ja schließlich sein Ziel.

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