Überfüllte öffentliche Verkehrsmittel : Koffert hier nicht rum!

Nein – weder zur Weihnachtsheimreise noch bei der Klassenfahrt muss der Hausstand mit. Ein Plädoyer für reduziertes Gepäck.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit ... alles!
Ich packe meinen Koffer und nehme mit ... alles!Foto: Foto: Daniel Bockwoldt/p-a/dpa

Eine meiner Lieblingsgeschichten über das Reisen mit viel zu viel und viel zu großem Gepäck trug sich kürzlich im ICE von Berlin nach Amsterdam zu. Ich hatte einen Logenplatz, weil ich schon am Ostbahnhof startete. Beim Halt im Hauptbahnhof stiegen zwei Schulklassen ein – aus verschiedenen Schulen. Beide enterten unseren Waggon. Eine Klasse von rechts, eine Klasse von links. Beide strebten entschlossen Richtung Mitte und beide prallten dort aufeinander: Die eine Gruppe war in den falschen Waggon eingestiegen, ihre Reservierungen galten für den nebenan.

Es dauerte fast bis zum ersten Halt in Stendal, bis sich das Chaos lichtete. Die Schüler kamen nicht aneinander vorbei. Fast jeder von ihnen hatte neben Rucksack oder Tasche für den Kleinkram einen hüfthohen Hartschalenkoffer bei sich – zwei dieser Exemplare passten nicht nebeneinander in den Gang. Es wurde geschoben, gedrückt, geflucht, die Gepäckstücke mussten über die Köpfe weitergereicht werden, stießen an die Sitzenden, rammten Tische, Beine und Beutel. Irgendwann konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und fragte nach der Dauer der Klassenfahrt. „Fünf Tage nach Amsterdam“, war die Antwort.

Alles soll mit, doppelt hält besser

So viel Gepäck! Für fünf Tage? Ob auf Fernreisen mit der Bahn, im Flugzeug, in Regionalzügen, der S-Bahn oder im Bus: Die Menschen schleppen so viel mit sich herum! Und dabei sind nicht die Tüten mit Weihnachtsgeschenken gemeint, die derzeit dazukommen. Nein, der Trend geht zum „My Bag is my Castle“. Alles soll mit. Wer weiß, was man braucht? Doppelt hält besser.

Ihr nervt! Fünf Tage Amsterdam! Dafür braucht niemand 17 Unterhosen und auch keine fünf Jacken. Ihr fahrt nicht in den Dschungel und auch nicht ins ewige Eis. Ihr werdet auf dem Weg vom Bahnhof zum Hostel keinem Braunbären begegnen, dem man nur mit dem Paar Ersatz-Sneaker entkommen kann.

Was glaubt ihr Angsthasen, was passieren würde, wenn ihr euch modisch einschränkt? Könnt ihr nicht mal fünf Tage auf die ganz große Auswahl verzichten? Nicht jeden Tag wie aus dem Ei gepellt aussehen? Mal das gleiche T-Shirt an zwei Tagen tragen?

Das Glück des Reisens mit leichtem Gepäck

Es nerven auch die Rucksäcke, die wie Abstandshalter funktionieren und den Platzbedarf ihres Trägers verdoppeln. Bei jeder Bewegung schlägt das Teil gegen den Nachbarn. Rollkoffer-Rollen rollen über Schuhspitzen, und wer einmal versucht hat, eine ausgewachsene Hartschale auf der Rolltreppe zu überholen, wird es nicht wieder tun.

Für die Jugendlichen gibt es nach ihrer Rückkehr aus Amsterdam möglicherweise einen Lerneffekt. Wer mehr als die Hälfte des Kofferinhalts unbenutzt wieder in den Schrank legen kann, sollte bei der nächsten Reise mutiger sein.

Wer nie das Glück des Reisens mit leichtem Gepäck gespürt hat, kann es sich sehr einfach beim nächsten Sommerurlaub verschaffen. Einfach mal trauen, wenig mitzunehmen! Das Schlimmste, was passieren kann: dass man vor Ort etwas nachkaufen muss. Keine wirklich schlimme Aussicht, oder?

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