• Übergriffe auf BVG-Personal: „Unfähig, blöd, dämlich“ – wo Beleidigungen zum Alltag gehören

Übergriffe auf BVG-Personal : „Unfähig, blöd, dämlich“ – wo Beleidigungen zum Alltag gehören

Ein Busfahrer spricht auf Twitter über seine Alltagserfahrungen. Pöbelnde Fahrgäste und Angriffe auf Fahrer sind keine Seltenheit.

Kai Gies
Busfahrer müssen bei Verspätungen mit harschen Reaktionen ihrer Fahrgäste rechnen.
Busfahrer müssen bei Verspätungen mit harschen Reaktionen ihrer Fahrgäste rechnen.Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Mitarbeiter der BVG werden immer häufiger respektlos behandelt. Das glaubt Busfahrer Stefan aus Biesdorf, der seinem Zorn über verbale Unverschämtheiten von Fahrgästen in einem Video auf Twitter Luft macht. Am Dienstag hatte er beobachtet, wie ein junger Kollege auf seiner ersten Tour mit dem Bus von Fahrgästen angepöbelt wurde.

Der Fahranfänger sei etwas vorsichtiger unterwegs gewesen, habe deshalb einige Minuten Verspätung gehabt. „Ich habe seine Nervosität gesehen, aber grundsätzlich gilt bei uns: Sicherheit geht vor Pünktlichkeit“, sagt Stefan. Zudem hatte der Neue Probleme, den Bordcomputer zu bedienen, sodass die Haltestellen nicht mehr korrekt angezeigt wurden.

Stefan im Bus dahinter sah die Situation und beschloss, dem Neuen zu helfen. Er stieg kurz aus und warb bei den Fahrgästen um Verständnis. Die seien „stinksauer“ gewesen und hätten „null Verständnis gezeigt“, sagt Stefan: „Da kam der Egoismus durch.“

Auch die Gäste in seinem eigenen Bus hätten gefragt, was die BVG für ein „inkompetentes, unfähiges, blödes, dämliches Personal einstellt“. Stefan ist davon schockiert und fragt im Video: „Wo ist die Menschlichkeit geblieben? Wegen zwölf Minuten Verspätung jemanden so niederzumachen, ist unter aller Würde.“

Weniger Übergriffe, schlimmere Straftaten

Tatsächlich sind die gemeldeten Übergriffe auf Beschäftigte laut BVG-Sicherheitsbericht in den letzten Jahren zurückgegangen. 2012 und 2018 halbierte sich ihre Zahl nahezu von 1004 auf nur noch 508 Übergriffe. Allerdings zogen 2018 immerhin 95 Delikte eine Arbeitsunfähigkeit von mehr als drei Tagen nach sich. 2012 waren es noch 42 gewesen.

Nimmt also Gewalt gegenüber Bus- Straßen- und U-Bahnfahrern zu? Der Vorsitzende des Gesamtpersonalrates der BVG Lothar Stephan glaubt das: „Gemeldet wird sogar weniger, aber die Übergriffe, die stattfinden, werden brutaler.“

Als Grund sieht er fehlende Durchsetzungsfähigkeit des Staates: „Weil es bei den verschiedenen Delikten im Zweifel keine Konsequenzen gibt, werden die Leute immer skrupelloser.“ Kleinere Übergriffe wie Beleidigungen oder Spucken würden von den Fahrern schon gar nicht mehr gemeldet, obwohl dies von der BVG ausdrücklich erwünscht sei.

Deeskalationstrainings könnten in der Praxis helfen, sagt BVG-Pressesprecherin Petra Nelken.
Deeskalationstrainings könnten in der Praxis helfen, sagt BVG-Pressesprecherin Petra Nelken.Foto: BVG/Oliver Lang

Die BVG selbst unternimmt derweil einiges, um Mitarbeiter für das Thema zu sensibilisieren. Für jeden Fahrer ist ein Präventionstraining Teil der Ausbildung. An der Verkehrsakademie in der Müllerstraße lernen die Auszubildenden anhand von Beispielsituationen, wie man mit aggressiven und pöbelnden Gästen am besten umgeht. „Einer spielt dann den Busfahrer, der andere den Fahrgast“, erklärt BVG-Pressesprecherin Petra Nelken.

Bei technischen Problemen, wie im Fall von Busfahrer Stefan, solle zunächst die Situation erklärt und Verständnis für den Fahrgast gezeigt werden, auch wenn dies schwerfalle. „Im Rollenspiel stellt man dann oft fest, dass man sich selbst schon manchmal über einen verspäteten Bus geärgert hat“, sagt Nelken.

Für ein gutes Miteinander braucht es gegenseitige Rücksicht

Erklären müsse man den Gästen auch oft, dass der Fahrplan eingehalten müsse, der Bus deshalb nicht früher als geplant von der Haltestelle losfahren könne. Aber natürlich gehörten zu einem guten Miteinander immer zwei Seiten: „Uns als Fahrgästen muss auch mal einer den Spiegel vorhalten.“

Deshalb sei die Reaktion von Busfahrer Stefan über Twitter genau die richtige gewesen: „Er sagt damit: Ich bin dein Nachbar. Ich bin wie du. Also behandele mich auch so.“ So etwas habe man auch von Unternehmensseite mit der 2015 gestarteten Kampagne „Weil wir dich lieben“ versucht. Seitdem seien die Übergriffe erkennbar zurückgegangen. Der Gedanke dahinter: „Wenn wir über uns selbst lachen können, lässt man uns auch mehr durchgehen.“

Zusätzlich zum Training in der Ausbildung bietet die BVG ihren Mitarbeitern auch freiwillige Kurse an, in denen betroffene und nicht betroffene Fahrer sich über ihre Erlebnisse austauschen können. Die Kurse seien durchaus hilfreich, könnten aber leider zu selten stattfinden, da für die vielen Busfahrer nicht ausreichend pädagogische Mitarbeiter zur Verfügung stünden, kritisiert Betriebsrat Andreas Hoppe.

Mit selbstironischen Sprüchen will die BVG die Herzen der Fahrgäste gewinnen.
Mit selbstironischen Sprüchen will die BVG die Herzen der Fahrgäste gewinnen.Foto: Jiri Schroeder

Er hält eine erhöhte Polizeipräsenz in Bussen und Straßenbahnen für das beste Mittel, um Angriffen auf Fahrer vorzubeugen. Bestes Beispiel sei die Buslinie M29 zwischen Roseneck und Hermannplatz. „Wir hatten dort vor einigen Jahren eine Gruppe von Jugendlichen, die die Fahrer bedroht und für viel Unruhe gesorgt hat. Durch die Einführung von Präsenzfahrten mit Polizisten hat sich das Problem stark gemindert.“

Betroffene Fahrer werden von geschultem Personal behandelt

Ein Allheilmittel gegen rücksichtslose Fahrgäste gebe es trotzdem nicht. Denn die Unruhestifter suchten sich im Zweifel andere Buslinien aus. „Pöbeltourismus“, nennt Hoppe das: „Hatten wir vor zwei Jahren noch eine problematische Situation rund um den Betriebsbahnhof Spandau, ist dies jetzt in Britz der Fall.“ 2019 habe man dort mit Abstand die meisten Übergriffe auf BVG-Personal gezählt.

Wird ein Fahrer körperlich angegriffen oder schwer beleidigt, erhält er vom Unternehmen eine spezielle Betreuung. Sozialarbeiter und Betriebsärzte kümmern sich um körperliche und seelische Verletzungen. Erlebt hat das Andreas Klahn, der seit 34 Jahren als Busfahrer in Berlin arbeitet.

[In unseren Leute-Newslettern berichten wir wöchentlich aus den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Immer wieder hatte Klahn erschreckende Geschichten von Kollegen gehört. Vor einigen Jahren wurde er schließlich selbst von einem Jugendlichen bespuckt und dann mit der Faust ins Gesicht geschlagen, „und das nur, weil ich zu spät war“. Die BVG helfe den betroffenen Fahrern vorbildhaft, sagt Klahn: „Bei mir wurde alles dokumentiert. Noch am selben Abend bekam ich einen Anruf vom Sozialdienst, wurde an einen Psychologen vermittelt.“

Klahn war nach dem Angriff zunächst schwer mitgenommen. Wenn ihm im Alltag Jugendliche begegneten, wechselte er lieber die Straßenseite. Die psychologische Betreuung habe ihm jedoch sehr weitergeholfen. „Ich war überrascht, wie einfühlsam man auf meinen Fall reagiert hat“, sagt er.

Inzwischen fährt er wieder auf seiner Linie und erlebt dort fast täglich Beleidigungen. Hoffnung, dass sich die Situation für die Fahrer bald verbessert, hat Klahn allerdings nicht. „Das ist ein Problem der gesamten Gesellschaft. Der Ton ist rauer geworden, nicht nur auf Social Media.“

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!