Versöhnung gibt es nicht, nur Verlierer.

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Umstrittene Lehrerin : Ursula Sarrazin, die Anklägerin

Sie fragt im Buch: „In was für Kreise war ich geraten? Sie selbst stammt aus einer Familie, die sich den bürgerlichen Aufstieg erarbeitet hat. Der Vater, Ernst Breit, war ein angesehener Gewerkschaftsfunktionär, Vorsitzender des DGB, Präsident des Europäischen Gewerkschafts-Bundes. Die höhere Bildung ist ihr nicht in den Schoß gefallen. Sie wird in Schleswig-Holstein geboren, als sie acht Jahre ist, zieht ihre Familie nach Bonn, wo sie die Realschule besucht, bis ihre Lehrerin sie überredet, aufs Gymnasium zu gehen. Dort sind die Aufsteiger nicht willkommen. „Wir mussten uns hochkämpfen“, sie gehört zu der besten Abitursklasse. Bis heute hält sie den Kontakt zu ihrer Realschullehrerin.

Sie steht mit 22 Jahren vor ihrer ersten Klasse und zweifelt an sich, Sarrazin sagt: „Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich etwas bewirken und Schüler erziehen kann, um sie fit fürs Leben zu machen.“ Ihre Worte klingen nach Verantwortung. Und da ist auch Herzblut. Aber sie kann nur schwer vermitteln, dass sie es gut meint, weil sie es immer besser wissen will. Manches Gutgemeinte ist nicht immer das Richtige. Im „Wiener Café“ sitzt auch eine Frau, die mit ihren Prinzipien und ihrem antrainierten Selbstbewusstsein eine Zumutung sein kann.

Sie erzählt eine Episode aus Köln, wo sie eine schwierige Klasse unterrichtete. Rotlichtmilieu, auch Kinder mit Migrationshintergrund. Einige werfen mitten in einer Klassenarbeit eine Stinkbombe, dann wollen die Schüler die Fenster aufmachen. Sarrazin überlegt kurz und sagt, sie rieche nichts. Die Fenster bleiben geschlossen, die Schüler müssen die Arbeit weiterschreiben, ihr selbst wird fast übel. Hinterher informiert sie die Eltern. Sie sagt, sie werde die Arbeit nicht werten, wenn die Eltern versprechen, es nicht zu verraten. Bei der Zeugnisvergabe werde sie es den Kindern erklären. Die Eltern halten still, die Kinder werfen keine Stinkbomben mehr. So stellt sich Sarrazin „konsequente Pädagogik“ vor.

Nebenberuf Bestsellerautor: Sarrazin und Co.:

Buschkowsky, Sarrazin & Co: Nebenberuf Bestsellerautor
Buschkowsky ist überall: Neben notorischer Medienomnipräsenz hat es Neuköllns Bürgermeister jetzt auch auf ein Buchcover geschafft. Sein Werk über das allgegenwärtige Neukölln ist eine erneute Breitseite gegen Multikulti-Träumer. Heinz Buchkowsky ist nicht der einzige Hobbyschriftsteller, der in seinem eigentlichen Job nicht ausgelastet scheint. Eine Bildergalerie.Alle Bilder anzeigen
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22.09.2012 14:30Buschkowsky ist überall: Neben notorischer Medienomnipräsenz hat es Neuköllns Bürgermeister jetzt auch auf ein Buchcover...

Dann sagt sie noch: „Wenn man sich mit einem Kind ehrlich beschäftigt, entdeckt man bei allen Liebenswürdigkeit.“ Zu Hause hat sie Bildbände von „meinen Kindern“, wie sie ihre Schüler nennt. Aber bei aller Zuneigung, sie hat selbst zwei Söhne, müsse sie als Lehrerin auch an ihren „pädagogischen Auftrag“ denken und Distanz wahren. In diesem Sinne will sie ihren Begriff von Disziplin verstanden wissen, positiv besetzt, als Rahmen, um Regeln aufzustellen, die allen helfen.

Unter Druck hält sich Ursula Sarrazin an ihren Prinzipien fest. Als der Streit um sie den Höhepunkt erreichte, war der Klassenraum ihr Rückzugsort. Dort hat sie Unterricht gemacht und alles andere ausgeblendet. Wenn die Kinder sie fragten, warum sie in der Zeitung steht, antwortete sie: „Wenn wir Unterricht machen, bleibt alles andere da draußen.“ Das Klassenzimmer war die Insel, auf der sie noch immer das tun konnte, was sie für richtig hielt.

Sie hätte sich krankmelden können, es gibt 1550 dauerkranke Lehrer in Berlin. „Aber ich war nicht krank. Das ist nicht mein Stil.“ In der Krise, wenn sie dachte, sie sei in einem Albtraum gefangen, hat sie auf ihren Schwiegervater gehört, der sagte: „Wenn man meint, man kann nicht mehr, hat man immer noch 40 Prozent.“

Sie führt ihren Kampf mit Eifer. Versöhnung gibt es nicht, nur Verlierer. Die juristischen Auseinandersetzungen gehen weiter, sagt sie, „ich werde alle Wege verfolgen, die mir helfen, dass das Unrecht gegen mich verfolgt und bestraft wird. Ich bin eine gute Lehrerin und habe mir nichts vorzuwerfen.“

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