• Unfall mit HIV-Spritze in Berlin-Kreuzberg: „Die Szene hat sich vom Görlitzer Park hierher verlagert“

Unfall mit HIV-Spritze in Berlin-Kreuzberg : „Die Szene hat sich vom Görlitzer Park hierher verlagert“

Ein 5-Jähriger trat in Berlin-Kreuzberg in eine HIV-verseuchte Spritze. Die Gegend rund um den Moritzplatz hat sich in letzter Zeit zum Drogenort entwickelt.

Johannes C. Bockenheimer
Die Gegend rund um den Moritzplatz in Kreuzberg hat sich zum Drogenhotspot entwickelt.
Die Gegend rund um den Moritzplatz in Kreuzberg hat sich zum Drogenhotspot entwickelt.Foto: Mike Wolff

Die Grenze zwischen der Spaßzone und der rauen, brutalen Wirklichkeit ist zwei Zentimeter breit und schulterhoch. Ein Drahtzaun trennt die „Kita Stallschreiberstraße“ vom Rest der Straße am Moritzplatz in Kreuzberg. Hinterm Zaun toben an diesem Vormittag Kinder, klettern auf ein Baumhaus oder rutschen. Vor dem Zaun, in der Nähe, liegt die Grünanlage, auf der sich am Montag eine Spritze in den linken großen Zeh eines Fünfjährigen gebohrt hatte, der dort arglos gespielt hatte. Ein Schnelltest im Krankenhaus ergab: Das Blut an der Kanüle war HIV positiv. Ein Schock für die Mutter, ein schreckliches Ereignis.

Noch schrecklicher allerdings die Erkenntnis: Es war nur eine Frage der Zeit, bis so etwas passieren würde.

Im ersten Stock der „Kita Stallschreiberstraße“ hat Birte Müller* ihr Büro, sie leitet die Einrichtung mit ihren aktuell 106 Kindern. Und Birte Müller sagt: „Seit Monaten ist es ganz schlimm.“ Sie deutet auf die Grünanlage gegenüber dem Kitaeingang. „Da liegen viele Spritzen, da sitzen Junkies, da haben Kolleginnen gesehen, wie man Drogen versteckt.“ Zehn Meter von der Kinder-Idylle entfernt.

Die Kinder, sagt Birte Müller „lassen wir gar nicht mehr raus“. Dealer, Junkies, aber auch Obdachlose gehören zum Bild in der Stallschreiberstraße. „Die Szene hat sich vom Görlitzer Park hierher verlagert“, sagt die Kitaleiterin. Im Görlitzer Park, dem früheren berüchtigten Drogentreff, hat die Polizei jetzt durchgegriffen, aber die Dealer und Junkies sind ja nicht verschwunden. Sie sind jetzt rund um den Moritzplatz. Sie sind auch in den Grünanlagen in der Stallschreiberstraße. Sie sind dort, wo Kinder spielen.

Dealer versuchen neben den Kindern Drogen zu verkaufen

Sandra Dömeland ist Erzieherin in der Kita, sie hat ein „bisschen Angst“, wenn sie vom U-Bahnhof Moritzplatz kommt und direkt daneben in einer Grünanlage die Junkies sieht. Sie könnte durch die Anlage ihren Weg zur Kita abkürzen, aber dann geht sie doch lieber ein paar Schritte mehr.

In ihrem Büro sagt Birte Müller, dass „wir auch kaum noch U-Bahn mit den Kindern fahren“. Dealer hatten versucht, den Erzieherinnen Drogen zu verkaufen, während die Kinder daneben standen. „Da machen die keinen Unterschied, wenn sie einen ansprechen“, sagt Birte Müller. Der Frühdienst der Kita sucht jeden Morgen routinemäßig das Gelände ab. Das Areal wird oft als Müllkippe betrachtet. „Da liegen dann leere Bier- und Colaflaschen und gebrauchte Taschentücher, alles über den Zaun geworfen“, sagt Birte Müller. Immerhin: „Bisher haben wir kaum Spritzen gefunden.“ Die liegen ein paar Meter weiter.

Ob sich der Fünfjährige infizierte, ist erst in sechs Wochen klar, wenn die Testergebnisse vorliegen. Die Ansteckungswahrscheinlichkeit sei gering, erklärte ein Sprecher der Berliner Aids-Hilfe. Das HI-Virus ist außerhalb des Körpers schlecht überlebensfähig. Im British Medical Journal erklärte vor Jahren ein HIV-Forscher, das Virus verliere an der Luft sehr schnell seine Infektiosität.

„Wir prüfen eine Einfriedung des Areals“

Andere Fachleute verweisen dagegen auf Studien, die besagen, dass in konzentrierten getrockneten Proben auch nach drei bis sieben Tagen noch kleine Mengen des aktiven Virus nachweisbar waren. Nach Angaben eines Berliner Arztes, der HIV-Fälle behandelt, gibt es immer wieder vergleichbare Unfälle mit Kanülen. Doch Infektionen seien anschließend selten. Eine zusätzliche Gefahr stellten andere Infektionen dar, etwa mit Hepatitis B oder C.

Die Grünanlage gehört zu einem Hauskomplex der Wohnungsbaufirma WBM. „Wir prüfen eine Einfriedung des Areals“, teilte eine Firmen-Sprecherin mit. Freilich: „Unsere Erfahrung ist aber, dass sich die Drogenklientel trotzdem Einlass verschafft, da Mieter immer wieder gutgläubig die Türen öffnen.“

Die Firma will jetzt noch weitere Maßnahmen treffen. „Wir haben bereits einen Wachschutz zusätzlich beauftragt“, sagte die Sprecherin. „Zudem wurde begonnen, die Büsche vor der Tiefgarage zu lichten.“

*Name geändert.

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