Berlin : Unschlagbare Argumente

Sibel Kekilli und Nina Hoss engagieren sich gegen Gewalt gegenüber Frauen: In Deutschland ist jede vierte von Übergriffen betroffen

Nana Heymann

Sie hätte es auch einfacher haben können. Früh heiraten, Kinder kriegen, eine gute Ehefrau sein und den Mund halten. Aber Sibel Kekilli wollte sich den muslimischen Traditionen ihrer Familie nicht unterwerfen, sich nicht in das vorgezeichnete Schicksal fügen. Sie wollte Schauspielerin werden. Vor allem aber wollte sie glücklich sein und ein selbstbestimmtes Leben führen. Dass es darüber zum Bruch mit ihren Eltern kam, machte sie traurig, aber sie nahm es hin.

Am Dienstag sitzt Sibel Kekilli in einem Raum des Abgeordnetenhauses. Die dunklen Augen unterm Pony blicken ernst. Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes stellt die Plakatkampagne „Gewalt gegen Frauen ist Alltag“ vor, die anlässlich des Weltfrauentags am 8. März startet. Als Botschafterin der Organisation spricht Kekilli über so genannte Ehrverbrechen. Sie sagt: „Ich bin muslimisch erzogen worden. Gewalt war gleich nebenan, völlig normal.“ Dass sie aus dieser Welt ausgebrochen ist und sich seit dem Erfolg ihres Films „Gegen die Wand“ gegen Zwangsheirat engagiert, stieß bei Landsleuten nicht immer auf Zuspruch. Sie bekam wütende Mails, wurde beschimpft und geschnitten. „Es wird im Keim erstickt, wenn man kritisiert“, sagt sie. Wie man türkischen Mädchen mehr Selbstbewusstsein vermitteln kann? „Eltern müssen aufhören, ihre Söhne wie Paschas zu erziehen.“

Gewalt ist ein Merkmal patriarchaler Gesellschaften, sagt Christa Stolle, Geschäftsführerin von Terre des Femmes. Ehrenmorde, Zwangsprostitution, Genitalverstümmelung: Gewalt gegenüber Frauen kennt viele Formen. Nach Schätzungen der Organisation sind in Deutschland 25 Prozent der Frauen Opfer von körperlichen oder sexuellen Übergriffen. Jährlich fliehen 40 000 Betroffene vor prügelnden Ehemännern in Frauenhäuser. Auch das Thema Beschneidung ist hierzulande akut: 19 000 Frauen sind bereits verstümmelt, 4000 Mädchen gelten als gefährdet. Die Schauspielerin Nina Hoss ist während der Dreharbeiten zu ihrem Film „Die weiße Massai“ in Afrika erstmals mit dem Thema Beschneidung konfrontiert worden. Sie erlebte, wie sich Mädchen auf das Ritual freuten, weil sie dann respektierte Mitglieder der Gemeinschaft sind. Deshalb will sie sich dafür einsetzen, „dass Mädchen weltweit unversehrt leben können“. Sie sagt: „Ich träume davon, dass diese Form der Herrschaft über Frauen aufgegeben wird.“

Mit verschiedenen Plakatmotiven will Terre des Femmes das Thema Gewalt stärker in die Öffentlichkeit rücken. Ziel ist ein „Bewusstseinswandel, der Frauen als gleichberechtigte Partnerinnen anerkennt“, sagt Christa Stolle. Dabei müssen Männer mit einbezogen werden. Für Schauspieler Jochen Senf ist sein Engagement für die Kampagne selbstverständlich. „Das Thema häusliche Gewalt wird ausgeschwiegen“, sagt der Tatort-Kommissar. Vor allem die Politik müsse sensibilisiert werden, damit Frauen besser geschützt werden können. Traditionen wird man mit einer Plakatkampagne aber kaum ändern. Sibel Kekilli sagt deshalb: „Man muss darüber reden, reden, reden.“ Ihre Stimme klingt dabei energisch.

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